Perfekt geschminkt im pastellfarbenen Kleid hält sie das selbstgebackene Sauerteigbrot in die Kamera, zeigt ihre makellose Küche und gibt Tipps zum Verwöhnen des Ehemannes. Immer häufiger taucht in sozialen Medien die Figur der sogenannten «Tradwife» auf. Sie verkörpert ein idealisiertes Bild von Weiblichkeit, Familie und Care-Arbeit und inszeniert traditionelle Geschlechterrollen als attraktiven Lebensstil. Dabei knüpft sie an reale Erfahrungen der Care-Krise an, insbesondere die strukturelle Überlastung von Frauen mit Sorgeverantwortung. Gleichzeitig werden diese gesellschaftlichen Probleme reaktionär umgedeutet: Care-Arbeit wird aus der politischen Diskussion herausgelöst, ins Private verlagert und als «natürliche» weibliche Aufgabe dargestellt.
Doch was steckt hinter dieser Bewegung? Ist sie Ausdruck eines antifeministischen Backlash – oder Spiegel ungelöster Widersprüche in der Gleichstellungspolitik? Welche Rolle spielt die Geschlechterbinarität in dieser Bewegung – und wie stabilisiert sie die traditionelle Geschlechterordnung? Und warum gewinnt die Figur der Tradwife gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit?
Diesen Fragen widmete sich die Soziologin Viktoria Rösch im BiblioTalk vom 11. März 2026. Eine Veranstaltung im Zeichen des Equal Care Day 2026.
Bibliotalk_Tradwives
Fabian Weingartner: [Folie 1] Schön sind wir alle hier in der wunderschönen Bibliothek zur Gleichstellung. Ich begrüsse Sie ganz herzlich im Namen der Fachstelle für Gleichstellung zum heutigen BiblioTalk. Mein Name ist Fabian Weingartner. Ich co-leite die Bibliothek zur Gleichstellung, mache Projekte und organisiere auch die BiblioTalks. Auch begrüssen möchte ich ganz herzlich unsere Referentin Viktoria Rösch. Es ist sehr schön bist du hier. Der heutige BiblioTalk wird auch aufgezeichnet. Danke an das Team der Aufzeichnung. Schön seid ihr da.
Fabian Weingartner: Die BiblioTalks, das ist eine Veranstaltungsreihe der Fachstelle für Gleichstellung und unserer Bibliothek zur Gleichstellung rund um Gleichstellungsthemen. In unserer Bibliothek zur Gleichstellung, hier im Zürcher Stadthaus, führen wir rund 6000 Bücher - die seht ihr hier wunderschön verteilt - und diverse Publikationen. Diese Bücher können Sie auch gratis ausleihen und zwar immer am Dienstag ganztags - da bin ich hier. Und Donnerstag am Nachmittag auch. Falls Sie aber trotzdem mal vorbeikommen möchten, können Sie mir gerne schreiben. Wir machen auch Literaturlisten. Falls Sie etwas Spezifisches interessiert, dürfen Sie sich gerne bei mir melden. Das war's auch schon von meiner Seite. Ich übergebe nun gerne an Xenia Wassihun, Projektleiterin bei der Fachstelle für Gleichstellung, unter anderem auch für das Thema «Care» zuständig, das Wort.
Xenia Wassihun: Herzlichen Dank, Fabian und willkommen auch von mir geschätztes Publikum. Kaum etwas ist so zentral für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft wie Care-Arbeit und gleichzeitig ist kaum etwas so unsichtbar wie Care-Arbeit. Care-Arbeit, das heisst, Kinder betreuen, Angehörige pflegen, den Haushalt organisieren, emotionale Verantwortung tragen. Ohne diese Arbeit läuft nichts, weder in der Wirtschaft noch in der Gesellschaft. Und trotzdem ist Care-Arbeit oft unterbewertet und unbezahlt. Dazu kommt: Sie ist ungleich verteilt. Gerade darauf macht der Equal Care Day aufmerksam, in dessen Rahmen diese Veranstaltung heute Abend stattfindet.
Xenia Wassihun: Wer kocht? Wer wäscht? Wer organisiert den Kindergeburtstag und die Ärzt*innentermine? Und wer verdient das Geld? Diese Aufteilung entscheidet über Zeit, über Einkommen, über Karrierechancen und auch darüber, wer gehört wird in unserer Gesellschaft und wer nicht. In der Schweiz übernehmen Frauen immer noch den Löwenanteil der unbezahlten Sorgearbeit. Im Durchschnitt entfällt rund 61 % der unbezahlten Arbeit auf Frauen. Diese Statistik ist binär erhoben, darum sage ich das so. Besonders in Familien mit kleinen Kindern ist das Gefälle gross. Frauen leisten dort deutlich mehr Stunden Haus- und Familienarbeit als Männer. Im Schnitt über 63 Stunden pro Woche, Männer hingegen nur 40. Die Folgen dieser Aufteilung sind strukturell, und sie sind langfristig. Frauen arbeiten häufiger Teilzeit und bezahlen dafür mit tieferen Löhnen und schlechteren Renten. Gleichzeitig ist auch der Druck auf Frauen gewachsen. Von Frauen wird erwartet, dass sie Job, Kinder, Beziehung und Selbstverwirklichung alles unter einen Hut bringen. Viele erleben diese Dauerbelastung als Erschöpfung und trotz rechtlicher Gleichstellung bleibt die Schieflage in der Care-Arbeit weiterhin bestehen.
Xenia Wassihun: In dieses Spannungsfeld platzt nun eine Figur, die auf den ersten Blick harmlos wirkt, vielleicht fast idyllisch. Die sogenannte Tradwife. Auf Social Media zeigen sich traditionelle wives als glückliche Hausfrauen, die ihre Erfüllung in der Familie und in der Fürsorge finden, während der Mann ausser Haus das Einkommen verdient. Sie inszenieren sich dabei fast schon rebellisch, als Widerstand gegen Leistungsdruck und die neoliberale Überforderung. Die mühsame Aushandlung der Care-Arbeit, sie scheint gelöst und die Doppelbelastung ist überwunden. Was wie verklärte Nostalgie aussieht, ist aber politisch aufgeladen. Care-Arbeit wird zur natürlichen Aufgabe der Frau erklärt und Gleichstellung zum vermeintlichen Irrweg. Und dieser Trend ist auch nicht isoliert - dazu hören wir dann später noch mehr von Viktoria. Er ist breit vernetzt in anderen antifeministischen Strömungen bis hinein in die sogenannte Manosphere. Vielleicht waren einige von ihnen letzten Monat an unserem BiblioTalk zu diesem Thema. Wir haben dort die Hintergründe, Dynamiken und gesellschaftlichen Auswirkungen der Manosphere beleuchtet. Falls ihr den BiblioTalk verpasst habt, könnt ihr ihn bald auf unserer Webseite nachhören. Im heutigen BiblioTalk richten wir nun den Blick auf das vermeintliche Gegenstück dieser Manosphere, die Tradwife-Bewegung. Was steckt eigentlich hinter dieser Bewegung? Ist sie Ausdruck eines antifeministischen Backlash oder ist sie auch ein Spiegel von Widersprüchen in der Gleichstellungspolitik? Warum entfaltet sie gerade jetzt so viel Anziehungskraft? Und was bedeutet das für unsere Gesellschaft, wenn ein strukturelles Ungleichgewicht plötzlich zu einer Wahlfreiheit wird. Diesen und weiteren Fragen geht heute Abend Viktoria Rösch nach.
Xenia Wassihun: Auch von mir, herzlich willkommen! Viktoria Rösch ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Soziale Innovationsforschung der Frankfurter University of Applied Science. In ihrer Forschung untersucht sie die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen und der zeitgenössischen extremen Rechten und eben auch das Phänomen der Tradwives. Ihr Input dauert circa 40 Minuten. Im Anschluss gibt es Raum für Fragen und Diskussion und danach laden wir Sie alle herzlich ein, das Gespräch draussen beim Apéro weiterzuführen und zu vertiefen. Und nun, liebe Viktoria, übergebe ich gerne das Wort dir.
Viktoria Rösch: [Folie 2] Guten Abend auch von meiner Seite. Danke Xenia für die Einführung und danke auch Fabian für die Einladung, heute bei dem BiblioTalk sprechen zu dürfen. Ich widme mich dem Thema «Tradwife» und insbesondere heute hinsichtlich der Frage nach dem Zusammenhang mit Care-Arbeit, wie es ja auch gerade schon angeklungen ist.
Viktoria Rösch: [Folie 3] Zunächst einmal finde ich es von meiner Perspektive aus sehr interessant, warum eigentlich gerade jetzt das Phänomen «Tradwife» so stark besprochen wird und ich habe dazu ein paar Thesen. Unter anderem, weil dieses Thema nämlich besprochen wird vor dem Hintergrund als ein Symbol für Retraditionalisierung von Geschlechterrollen und genau die Figur der Tradwife nämlich nicht nur dieses Angebot macht oder diese Zeitdiagnose verkörpert, sondern auch die Frage von Antifeminismus, die Frage von genau auch einer Schnittstelle von Antifeminismus und dem Erstarken der globalen extremen Rechten und gleichzeitig einer verstärkten Sichtbarkeit von weiblichen Akteurinnen. Das heisst, das sind alles gerade Zeitdiagnosen, die wir sehen. Und das scheint in der Figur der Tradwife besonders sichtbar zu werden. Und vor diesem Hintergrund wird das Thema der Tradwife auch medial besprochen und häufig auch als Gefahr dargestellt.
Viktoria Rösch: [Folie 4] Xenia hat es ja gerade schon angesprochen, so die ersten Sachen, was eigentlich Tradwives sind. Aber ich fange jetzt erst mal noch mal ein bisschen basaler an: Der Begriff der Tradwives setzt sich zusammen aus den Begriffen, aus den englischen Begriffen «traditional» und «housewife» und ist ein Social-Media-Phänomen, das aus den USA kommt, etwa Mitte der 2010er Jahre dort in Reddit Foren aufgekommen ist und sich nach und nach auch transnational verbreitet hat.
Viktoria Rösch: Das heisst, wir sehen das Ganze auch im deutschsprachigen Raum, im europäischen Raum allerdings auch, gibt es Tradwives beispielsweise in der Türkei oder in Indien. Die sind dann alle jeweils kulturell unterschiedlich. Die Frage von dessen was wird eigentlich als Tradition gefasst, ist dementsprechend immer ein bisschen unterschiedlich. Häufig wird das Tradwife-Phänomen mit Weisssein verbunden. Gerade jetzt können wir aber auch beobachten, wie beispielsweise in den USA zunehmend das Phänomen der Latina Tradwife aufkommt, was sozusagen auch genau dieses Thema wieder etwas herausfordert.
Viktoria Rösch: Was sind Tradwives? Genau. Es sind eben Social-Media-Figuren, die einen traditionellen oder einen vermeintlich traditionellen Lifestyle verkörpern. Das heisst aber auch, dass Tradwives nicht gleich Hausfrauen sind oder andere Frauen, die keiner Lohnarbeit nachgehen, sondern es ist erst mal eine Darstellung auf Social Media. Und ich finde es auch gerade für diese Diskussion sehr wichtig, dass man hier auch noch mal differenziert. Insbesondere auch, weil es ja durchaus verschiedene Gründe gibt, warum Frauen keiner Lohnarbeit nachgehen.
Viktoria Rösch: Genau, was machen Tradwives? Und das zeige ich später auch noch an verschiedenen Beispielen. Sie werten nämlich Care-Arbeit in ihren Darstellungen auf, indem Sie sie wahnsinnig ästhetisch Inszenieren und gleichzeitig auch als Arbeit anerkennen. Das heisst ein feministischer Kampf Care-Arbeit auch anzuerkennen, wird quasi aufgegriffen und das Ganze dann in schönen Bildern aufgewertet.
Viktoria Rösch: [Folie 5] Wo liegt denn auch die Herausforderung noch? Oder was liegt da auch noch darunter? Und zwar die Darstellung einer stark binär vergeschlechtlichten Aufgabenteilung. Das heisst, die Frauen sind für das Private zuständig und die Männer für alle Teile der Öffentlichkeit. Das ist quasi vor allen Dingen jetzt dieser Teil der "housewife". Aber natürlich kommt auch noch was anderes dazu, und zwar das "traditional". Und hier muss klar sein, dass diese Tradition als eine Form der Projektion verstanden werden muss. Es werden einzelne Aspekte aus der Vergangenheit rausgenommen, die es so gab. Aber die werden genommen, sich rausgepickt und dann quasi romantisiert. Als Beispiel, häufig nehmen Tradwives Bezug auf die 50er Jahre der westlichen Nachkriegsmoderne, also eine Zeit der wirtschaftlichen Prosperität und eine Zeit einer vermeintlichen angenommenen Geschlechterstabilität. Was aber komplett ausgeklammert wird, ist, dass diese Zeiten auch teils mit beispielsweise in Deutschland traumatisierenden Kinderlandverschickungen einher gegangen sind. Generell mit viel Gewalt in einigen Teilen auch mit Kriegstraumata etc. Das heisst, es wird sich nur ein kleiner Aspekt rausgenommen und der auf das Gesamte der Tradition oder dieser vermeintlichen Zeit überlagert.
Viktoria Rösch: Habe ich ja schon gesagt, dass ich ein paar auch Einblicke gebe in quasi die Social-Media-Praktiken von Tradwives. Und ich zeige jetzt zunächst erst mal ein Video. Das Video stammt von Estee Williams. Estee Williams ist einer der grössten Accounts von Tradwives. Sie kommt aus den USA und hat ungefähr zwischen anderthalb und 2 Millionen Follower*innen.
Viktoria Rösch: Genau hier [Video links, Folie 5] können wir quasi sehr paradigmatisch sehen, was es eigentlich bedeutet, wenn hier von vergeschlechtigten Rollenmustern gesprochen wird und wenn quasi auch diese Tradition der 50er Jahre aufgegriffen wird. Dazu haben wir eine sehr starke Performanz von Heterosexualität. Und das ist auch ein Punkt, dass diese Tradwives sich immer identifizieren, auch im Verhältnis zu ihrem männlichen Partner. Das heisst, weil sie sich ja eben als auch wife - ist immer diese Beziehung zu dem Partner und nicht beispielsweise nur als Frau selbst. Und zudem kommt noch ein weiterer wichtiger Punkt hinzu, und zwar so eine selbstgewählte weibliche Hingabe und eine selbstgewählte weibliche Unterwerfung unter den Ehemann. Und das sehen wir ganz gut in dem zweiten Beitrag. Dieser Beitrag ist von einem deutschsprachigen Tradwife-Account mit dem Namen Tradwifefactory. Genau hier [Video rechts, Folie 5] sehen wir auch eine Person, die quasi gerade eine Form von Care-Arbeit verrichtet, die in der Küche steht. Man sieht sie nur von hinten. Und das Ganze wird aber noch verknüpft mit quasi einer inhaltlichen Bestimmung zu der Frage, wie sie das Geschlechter- oder Geschlechterordnung versteht. Ich lese einmal kurz, lese einmal kurz vor: «Ich schicke meinen Mann einen Livestandort, wenn ich weggehe. Und fühle mich deswegen nicht kontrolliert. Diese Liebe bedeutet nicht, auf 100 % Unabhängigkeit zu pochen, sondern Ängste ernst zu nehmen». Das heisst, hier werden ganz klar eine starke, also quasi eine Unterwerfung unter den Ehemann quasi praktiziert und auch positiv aufgeladen. Und das Ganze aber gleichzeitig auch verknüpft mit dem, dass die Person eben die Care-Arbeit gerade visuell sozusagen verrichtet.
Viktoria Rösch: [Folie 6] Was wir hier sehen, ist eine ganz starke...Also eben diese Performanz von Weiblichkeit, die super widerspruchsfrei ist. Das ist quasi, wenn man sich ein Klischee von Weiblichkeit, von bürgerlicher Weiblichkeit vorstellt, das heisst die sittsame Frau. Wir hatten auch gerade in dem Reel von Estee Williams diese Bezüge zum Beispiel zur Kirche und das Hochgeschlossene. Dann kommt sozusagen auch so eine Tradwive raus. Und die österreichisch amerikanische Sozialpsychologin Else Fraenkel Brunswick hat dafür einen Begriff entwickelt, und zwar den der Pseudoweiblichkeit, das heisst eine Weiblichkeit, die so widerspruchsfrei ist und sich eben an diesen kulturellen Vorstellungen von Weiblichkeit orientiert, dass sie im Alltag eigentlich gar nicht einzuhalten ist. Was heisst das? Es ist möglich, quasi auf Social Media das Ganze darzustellen, so widerspruchsfrei. Aber im realen Alltag haben alle Menschen Brüche und aber hier funktioniert das sozusagen sehr, sehr deutlich und quasi als Blaupause eben dieser Weiblichkeit.
Viktoria Rösch: Gehen wir weiter zu weiteren Inszenierungsformen von Tradwives. Auch hier zeige ich jetzt noch mal einen weiteren Einblick in den Tradwife-Content. Genau hier [Video, Folie 6] wird ein bisschen deutlich, was mit dieser Widerspruchsfreiheit gemeint ist. Oder mit diesen Darstellungen. Eben diese Frau, die in einem, in diesem weissen oder rosafarbenen Plisseerock und diesem Kaschmir Cardigan backt. Und das Ganze auch noch mit Kindern. Jeder, der das schon mal versucht hat, wird davon auf jeden Fall...wird davon abraten. Und gleichzeitig greifen sie damit natürlich schon auch auf bekannte Ästhetiken von Instagram und Pinterest zurück. Quasi auch dieses Backen und auch das schöne Backen, also das ästhetische Aufbereiten von quasi Koch- und Backvideos. Man kennt das irgendwie. Also Personen, die sozusagen selbst auf Pinterest oder Instagram unterwegs sind, die kennen diese Ästhetiken und das heisst, es spricht einen auch irgendwie vielleicht an bzw. man ist es gewohnt. Und da schaffen sie sozusagen auch Schnittstellen zu Personen, die vielleicht gar nicht so sehr in diesem Tradwife...also in dieser Tradwife-Vorstellung mit drin sind. Aber man kommt dann erst mal drauf und denkt sich: «Ach, das ist ja ganz interessant, schaue ich mir mal an, ist ja auch irgendwie nett mit dieser Musik» und haben quasi so eine Art so ein Wohlfühlcontent. Aber auch hier wird das Ganze wieder verknüpft mit einer politischen Botschaft: «Traditionelle Geschlechterrollen bedeuten keine Unterdrückung, sondern Umsorgung. Mein Mann führt nicht, weil ich es nicht könnte, sondern weil ich ihm vertraue. Ich koche nicht, weil ich es muss, sondern weil ich es liebe und es einfach besser kann. Wir stecken nicht in der Vergangenheit, sondern kreieren eine Zukunft mit Werten, die nach wie vor sehr gut funktionieren».Das heisst auch hier direkt auch bei diesem Video wird wieder dieser Zusammenhang hergestellt zu klar binären geschlechtlichen Aufgabenteilung. Genau.
Viktoria Rösch: [Folie 7] Wir haben jetzt hier verschiedene Formen der Begründung für diese binäre Geschlechterordnung in diesem Tradwife-Universum, nämlich einerseits Natur, also dass quasi diese Binarität auf Natur, mit Natur begründet wird. «Es ist halt einfach so wir sind biologisch so» oder, dass das Ganze mit Religion begründet wird oder eben auch mit eben dieser Tradition als Anker für diese Tradwife-Inszenierungen, die wir auch immer wieder beobachten können. Das, was wir auch finden, ist eben genau diesen Aufgriff, diesen ästhetischen Aufgriff von diesen Begründungsmustern. Ich habe hier [Video links, Folie 7] von einer Person auch ein Tradwife-Content aus Deutschland wie quasi, wenn man so durch diesen Instagram Feed durchscrollt. Was man da so für Eindrücke bekommt. Was man hier sehen konnte, ist so eine ganz starke Bezugnahme immer in diesem Account zur Natur. Die Farben sind visuell harmonisch aufeinander abgestimmt und sie sind tatsächlich auch immer so ein bisschen an den Jahresverlauf auch angepasst. Sie sind wohl kuratiert. Das ist ja auch eine Möglichkeit, die es gibt, wenn man einen Social-Media-Account macht. Und wir sehen eben diese enge Verknüpfung zur Natur eben einerseits als Begründungsmuster für eben jene binäre Geschlechterordnung, aber eben auch eine enge Verbindung von Narrativen rund um die Frau als Naturwesen, die eben ganz eng in dieser Natur ist. Diese Naturästhetik tatsächlich auch als etwas, was vor allen Dingen auch Frauen möglich ist wahrzunehmen. Also diese Verbindungen finden ganz stark auch bei diesem Account beispielsweise von Freya Rosi statt. Aber das findet sich an vielen verschiedenen Ebenen auch. Daher dann auch diese Verknüpfung mit den Blumen. Viele kennen natürlich vielleicht auch, wenn sie an Tradwives denken, die geflochtenen Haare mit den Blumenkränzen drin. Auch dieses Motiv taucht quasi immer wieder auf. Weil nämlich auch diese Ästhetik oder die Natur als Ästhetik wahrzunehmen auch sehr relevant ist, quasi für diese Tradwife-Darstellungen.
Viktoria Rösch: Eine zweite Begründungsebene ist eben die der Religion und der biblischen Treue. In dem Slide davor haben wir auch gesehen, als sie gebacken hat, sie hatte nicht nur diesen Plisseerock an und diesen Cardigan, sondern man sieht auch ganz oft zum Beispiel eine Kreuzkette in diesen Darstellungen. Wir finden auch wenn wir auf auf die Unterschriften gehen, häufig Bibelzitate, mit denen dann eben dieses eigene Tradwifesein begründet wird. Aber das treibt teilweise auch sozusagen ihre Blüten und so eine sehr antifeministische Auslegung der Bibel, wie wir etwa hier [Foto Mitte, Folie 7] in der Mitte sehen. Wenn nämlich suggeriert wird, dass die Menschheit noch im Paradies leben würde, wenn Eva eine Tradwife gewesen wäre und Adam gefragt hätte, ob sie vom Baum der Erkenntnis essen soll, gibt es quasi solche.
Viktoria Rösch: Und der letzte Punkt, den hatte ich ja schon auch ein bisschen angerissen. Das ist der mit der Tradition und es ist so, ich habe mich jetzt vor allen Dingen bisher fokussiert auf diese 50er Jahre Nachkriegsmoderne, diese visuelle Bezugnahme. Aber wir finden auch visuelle Bezugnahmen zu einer vorindustriellen Zeit bzw. einer vormodernen Zeit. Und was wir dort sehen können, ist eine Antwort auf etwas, was weniger hektisch sozusagen wahrgenommen wird, was auch wieder romantisiert wird. Da wird dann quasi in der Natur diese Wäsche aufgehängt, es werden Leinenkleider...es wird sozusagen auch ohne Waschmaschine gewaschen, was komplett ausgeblendet wird, was das eigentlich für eine Arbeit damals war, was also wie sozusagen diese Situation da war bevor sozusagen in quasi in dieser vormodernen Zeit. Aber es ist auch eine Verknüpfung mit so einem Abgesang an eine Moderne, an Rationalitäten orientierten kapitalistischen Gesellschaft. Und die werden dann eben auch verknüpft mit anderen Formen, und zwar vor allen Dingen auch mit dem Herstellen von Lebensmitteln, von Essen.
Viktoria Rösch: [Folie 8] Ein berühmtes Narrativ ist, das etwas «from scratch» gemacht wird. Das heisst, Dinge werden von ganz von Beginn an irgendwie hergestellt. Das heisst, man macht beispielsweise den Joghurt - kauft man nicht einfach, sondern man melkt erst - und man macht ihn auch nicht nur selbst aus der Milch, die man im Supermarkt kauft, sondern man melkt erst die Kuh und macht quasi diesen ganzen Prozess und zeigt ihn dann sozusagen auf Instagram. Aber es gibt auch noch viele andere weitere, sozusagen Alltagstipps. Es werden Kochrezepte geteilt, aber eben auch so beispielsweise Tipps für Low-Tox-Alternativen in der Küche, weil eben so eine ganz enge Naturbezugnahme auch gemacht wird. Also es soll auch um eine Form von Naturschutz gehen und einerseits wird dann eben auf diese Ursprünglichkeit rekurriert, andererseits - und auf so Selbstversorgung, eben auf Tradition und Naturschutz - andererseits knüpfen sie damit natürlich auch an an Diskurse zu Nachhaltigkeit, die wir dann eben auch finden. Und was dann natürlich auch wieder bedeutet, dass auch Personen auf diese Inhalte stossen, die eben sozusagen nicht notwendigerweise Teil dieser Ideologie sind.
Viktoria Rösch: [Folie 9] Nachdem wir das angesehen haben und diese Bilder gesehen haben, kann man sich ja fragen, na ja, wo ist denn jetzt eigentlich das Problem, wenn das sozusagen zu sehen ist? Weil einerseits ist es ja irgendwie eine freiwillige Entscheidung auch dieser Frauen zu sagen das ist meine Lebensführung und das ist ja auch Teil von einer feministischen, emanzipatorischen Errungenschaften, dass freie Frauen nämlich frei wählen dürfen, auch wie sie ihr Leben gestalten. Gleichzeitig können wir auch sagen, so eine Aufwertung und eine Anerkennung von Care-Arbeit ist ja auch etwas, was positiv ist. Und auch das ganze Thema Naturnähe und Rücksichtnahme auf Natur ist gerade vor dem Hintergrund der Klimakrise ja auch etwas, was sozusagen positiv ist.
Viktoria Rösch: Gleichzeitig kommt das Aber. Und zwar was geht sozusagen damit einher, wenn diese Bilder im Raum sind und wenn sozusagen Personen diesem Ideal nacheifern? Zum einen ist es ein ganz klarer Rückzug sozusagen ins Private und damit oft auch ein Rückzug - also auf Social Media nicht, dazu komme ich später noch zu den Paradoxien - aber es ist ein Rückzug ins Private und damit auch ein Rückzug aus diesem politischen Raum. Und letztendlich, wenn quasi nach und nach alle Frauen sich quasi ihren Ehemännern unterwerfen würden und genau dann würden wir auch in dieser Form einen Rückschritt erleben. Das andere ist, dass natürlich auch Erwerbsarbeit in unseren Wohlfahrtsstaatssystemen ein ganz zentrales Element von Autonomie ist und auch Autonomie in Beziehungen. Finanzielle Abhängigkeit, das wissen wir aus Studien, erschwert auch das Lösen von ungewollten Partnerschaften. Ebenso sind es...Gibt es da auch einen Zusammenhang, beispielsweise mit Partnerschaften, die gewaltvoll sind. Das ist sozusagen, wenn auch diesem Ideal von vielen nachgeeifert wird. Wenn jetzt sozusagen diese Bilder auch einfach nur da sind und man sagt, na ja, gut, komm wer macht denn jetzt genau das Gleiche wie sozusagen so Influencer*innen? Wo ist denn vielleicht da noch das Problem? Es ist so, dass Bilder prägen unsere Vorstellungen und Ansprüche von Weiblichkeiten und Beziehungen. Was meine ich damit, wenn auch wenn wir damit konfrontiert werden mit diesen Bildern auf Social Media alle miteinander, dann macht das etwas mit uns. Und zwar auch das hat etwas damit zu tun, wie Bilder funktionieren. Auf den ersten Blick da präreflexiv ja, wir können sie danach vielleicht dekonstruieren, aber sie sind erst mal auch tatsächlich mit im Kopf. Und oft kommt dann so eine Verbindung von: «Aha, ja, das ist vielleicht irgendwie genau das, was Weiblichkeit meint». Und es kommen natürlich Formen von Ansprüchen, dass man sich denkt na ja, eine Tradwife möchte ich nicht sein, aber so eine schöne Wohnung wär schon auch ganz gut, oder, ich würde auch gerne irgendwie dieses Ganze, dieses Backen machen oder das Ganze so ästhetisch machen. Das gefällt mir schon irgendwie auch. Das heisst, da kreieren sich tatsächlich auch Formen von Vorstellungen. Und das Ganze gilt aber eben auch nicht nur für Frauen, sondern es gilt eben auch für Männer, die quasi diesen Content konsumieren und sich dann eben ja auch imaginieren können als das andere, nämlich, dem sich unterworfen wird. Also dass man dann plötzlich eine Vorstellung von Beziehungen bekommt, in dem eben die Frau sich unterwirft und man als Mann stark ist und man dann vielleicht auch in Beziehungen reingeht und sagt okay, ich möchte genau das oder genau das tatsächlich auch suchen. Dazu, wenn man so kursorisch tatsächlich auch unter Tradwife-Content schaut, dann findet man genau auch diese Narrative und diese Kommentare von von verschiedenen Männern: «Wo findet man denn noch so eine tolle traditionelle Frau wie dich etc.?»
Viktoria Rösch: [Folie 10] Was noch dazukommt ist, dass Vielfalt und Ambivalenz ausgeblendet werden in diesen Darstellungen. Und was wir eben auch wissen, das hatte ich vorhin gemeint mit diesem Begriff der Pseudoweiblichkeit ist, dass wir nämlich wissen, dass der Zwang zur strikten Erfüllung von Weiblichkeitsvorstellungen häufig korreliert mit anderen autoritären Verhaltensweisen. Das heisst, wenn man nicht...das hat etwas damit zu tun, wenn man Widersprüchlichkeiten nicht so gut aushalten oder nicht gewohnt ist oder versucht, sich ganz stark eben diesen Widersprüchen zu widersetzen, dass man dann auch auf anderen Ebenen rigide wird. Zudem wenn wir diese Tradwife-Accounts und diesen Content anschauen, dann findet auch immer wieder so eine implizite Abwertung von anderen Lebensmodellen statt, und zwar insbesondere dann, wenn sie nicht heterosexuell sind und vor allen Dingen auch, wenn sie sozusagen nicht binär werden. Und damit werden dann auch andere Menschen mindestens implizit in manchen Tradwife-Aufrtitten auch sehr explizit, abgewertet. Und das muss man auch sagen, es gibt eben diese ideologische Nähe zur extremen Rechten, wenn auch nicht notwendigerweise jede Tradwife, die es sozusagen gibt, gleich auch Teil der extremen Rechten ist. So fungiert zumindest die Figur der Tradwife extrem gut, auch in der Kommunikation in rechter Propaganda. Was wir wissen aus der Forschung ist, dass es eine Schnittstelle gibt, auch zwischen diesen Bewegungen. Also gerade wurde das von Eviane Leidig herausgearbeitet, dass es eine Schnittstelle gibt zwischen der Alt-Right in den USA und dieser Tradwife-Bewegung, wie sie es nennt, in den USA besteht. Also da gibt es einfach personelle Überschneidungen in dem Fall von Estee Williams, die ich vorhin gezeigt habe, die hat auch sehr aktiv Wahlkampf jetzt auch für für Donald Trump beispielsweise gemacht. Wir finden das Ganze auch in Deutschland. Zudem nicht nur das einzelne Akteur*innen eben auch extrem rechte Positionen vertreten wird diese Ästhetik oder diese Symbol vor allen Dingen auch von rechten Gruppen sozusagen genutzt.
Viktoria Rösch: Und ich habe hier ein paar Beispiele mitgebracht, einmal sehr explizit hier oben [Foto oben, Folie 10] dieses genau dieses Meme mit «Don't mix white with colors», wo ganz klar diese rassistische Konnotation genutzt wird, eben wo diese Hausfrau zu sehen ist, die gerade diese vermeintliche Hausfrau zu sehen ist, die ihre weisse Wäsche wäscht. Das Ganze ist von einem Account European White, der eben auch ganz viel mit genau diesen Bildern arbeitet.
Viktoria Rösch: Hier [Foto unten links, Folie 10] genau ist noch so ein Beispiel der deutschen Frauengruppe Lukreta, die sozusagen sagt, wie man 2025 rechtsextrem ist und da dann eben auch so eine Vorstellung von so klassischen Familienmodellen und von Tradwives quasi nutzt, um das Ganze auch eben als lächerlich darzustellen, dass quasi die Tradwives als gefährlich dargestellt werden. Das ist jetzt ein Beispiel aus Deutschland. Bei Lukreta kann man aber sagen, es gibt eine Schweizer Schwesterorganisation - Lukreta ist eine rechte Frauenorganisation. Es gibt eine Schweizer Schwesterorganisation des Kollektiv Nemesis Suisse. Dort finden sich ganz ähnliche Motive und Begründungen. Und das Ganze finden wir aber nicht nur in den eher neurechten Kontexten, sondern auch in älteren, völkischen Zusammenhängen wie hier [Foto unten rechts, Folie 10]. Genau. Auch hier wird sozusagen diese Figur der Tradwife oder zumindest mal das das Symbol, was damit evoziert wird, genutzt. Von der völkischen extremen Rechten in Deutschland, um damit natürlich auch so eine gewisse Form von wir sind nicht so gefährlich mit auch zu darzulegen.
Viktoria Rösch: Das heisst, was passiert hier? Diese Tradwife wird nämlich gerne als so eine Normalitätsfolie genommen, also als Symbolbild dieser klaren geschlechtlichen Aufgabenteilung gegen einen vermeintlichen woken Zeitgeist, der so unübersichtlich ist, wo alles überhaupt gar nicht mehr geklärt wäre. Und was wir auch sehen können, ist, dass diese Tradwife aber nicht die einzige Frauenfigur so ist, die wir finden, sondern wir sehen so ein ganzes komplexes Zusammenspiel verschiedener rigider Weiblichkeitsvorstellungen im Netz. Auch in diesem ganzen Kontext von autoritären Verschiebungen. Und es gibt jetzt auch verstärkt den Begriff also analog zu Manosphere, was vorhin schon gefallen ist, den Begriff auch der Womanosphere, wo eben auch noch mal andere Formen der Weiblichkeitsvorstellung zusammen quasi dann eben auch arbeiten. Da kommen ganz viele Formen. Beispielsweise haben wir diese...Es gab mal eine Zeit lang mit dieser Clean Girl Aesthetic, wo es darum geht, dass Frauen vor allen Dingen weiss angezogen sind und nur so cleanes Essen essen. Auch da haben wir diese Konnotation von Unschuld etc. Es gibt eine ganze Reihe von Bibelinfluencer*innen, wo es auch eine grosse Überschneidungen gibt zu Tradwife-Symbolbildern. Man kann auch diesen Trend des SkinnyTok sozusagen auch dazunehmen. Also ganz viele Formen, wo es darum geht, das ganz rigide Weiblichkeitsvorstellungen sozusagen zusammengesetzt werden, die wiederum natürlich ein Social Media Umfeld schaffen, was eben sehr rigide ist.
Viktoria Rösch: [Folie 11] Dann gibt es immer wieder die Frage auch, wie gross eigentlich das Phänomen jetzt ist. Also jetzt gehe ich so ein bisschen auf die Frage ein. Es gibt keine...Also ich habe keine Zahlen zum Schweizer Kontext gefunden, aber es ist wie bei vielen Sachen so ein bisschen davon auszugehen, dass die Zahlen jetzt nicht wahnsinnig, also nicht so gross variieren werden. Nur kurz das vorweg. Es ist so, dass es in Deutschland eine Studie gab 2025, wo es darum geht, wie viele junge Frauen zwischen 20 und 30 Jahren eigentlich so eine Tradwife-Orientierung vertreten würden. Da kommen sie auf eine Zahl von 18,5, was ich sehr erstaunlich fand im Zuge dieser Studie. Da wurde gesagt, na ja, das heisst, dieser Tradwife...das ist ja überhaupt gar keine, das sind ja gar nicht so viele Leute, das heisst, es ist ja gar kein Trend. Ich würde die Zahlen ein bisschen anders interpretieren, weil 18,5 ist einiges - ich meine, es ist fast jede fünfte Frau sozusagen in dieser Altersgruppe. Und wenn wir uns jetzt die Gesamtgesellschaft anschauen, das heisst nicht nur die jungen Frauen zwischen 18 und 20, da sehen wir auch etwas, was ganz interessant ist, und zwar 2024 haben 26,8 % in Deutschland gesagt, die Frauen sollen sich wieder mehr auf die Rolle als Ehefrau und Mutter besinnen. Also haben dieser Aussage zugestimmt. Und immerhin auch 16 % haben gesagt, für eine Frau sollte es wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen, als selbst eine Karriere zu machen. Das heisst, wir finden da durchaus auch Einstellungsmuster, die eben nicht nur in so einer ganz spezifisch kleinen Bubble sozusagen zu finden sind, sondern es durchaus auch Einstellungsmuster, die gesamtgesellschaftlich da sind. Ja, es ist keine Mehrheit und trotzdem würde ich sagen, es ist ungefähr roundabout 1/5 auch tatsächlich nicht Nichts.
Viktoria Rösch: [Folie 12] Und dann die Frage, worauf eigentlich Tradwives reagieren. Da hat Xenia auch schon einiges vorweggenommen. Und zwar finde ich es wichtig, auch wenn wir uns diese Tradwives anschauen, auch noch mal so ein bisschen auch auf diese affektive Ebene zu gehen, weil was da ja auch irgendwie bedient wird, ist so eine Form von tatsächlich so einer Sehnsucht, die ja auch ganz viel spielt mit eben diesen schönen Bildern, mit dieser Musik. Und die reagieren damit auf etwas, was ich als was ich als weibliche Malaise bezeichnen würde. Und was meine ich damit? Es ist ein Gefühl, was sozusagen entsteht, wenn das Gleichheitsversprechen uneingelöst ist. Und das ist quasi eine Situation, die wir in den westlichen Industrienationen auf jeden Fall sehen können. Es gibt einen normativen Anspruch versus die Realität, wenn wir ins Gesetz schauen. Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Da werden quasi alle Dinge da. Das ist eine normative Setzung, die ist juristisch sozusagen festgeschrieben und gleichzeitig, das hatte ja Xenia auch gerade schon gesagt, Frauen leisten deutlich mehr unbezahlte Haus- und Betreuungsarbeit und auch so etwas wie, dass Frauen überdurchschnittlich häufig von häuslicher Gewalt betroffen sind. Also das sind alles...Wir können diese Zahlen und diese Beispiele noch weiterführen auf welchen Ebenen sozusagen Frauen nicht gleichberechtigt sind.
Viktoria Rösch: Und das heisst, da entsteht ja etwas. Also es gibt sozusagen diese Dissonanz zwischen diesen normativen Ansprüchen, die irgendwie gesetzt sind, die man auch irgendwie hat, vielleicht auch an den Partnerschaften und dem, was tatsächlich dann real passiert. Und da gibt es dann eben diese, diese Dissonanz. Und der Soziologe Leo Löwenthal hatte diesen Begriff der Malaise quasi geprägt. Anfang des 20. Jahrhunderts, wo er gesagt hat, ja, das ist genau dieses Unbehagen eines unerfüllten Versprechens von Gleichheitsansprüchen, das ist sozusagen in modernen Demokratien gibt und ich übertrage das quasi auf die Gegenwart und frage ist Haben wir es nicht auch oft mit einer spezifischen Form von weiblicher Malaise zu tun? Und eben diesem Unbehagen, das aus der Gleichzeitigkeit von formaler Gleichstellung und realer Ungleichheit resultiert? Und man kann jetzt natürlich diese Malaise sehr unterschiedlich auch bearbeiten und man kann da irgendwie wütend werden und kann da strukturell gegen vorgehen. Das ist sozusagen nicht das, was die Tradwives machen, sondern sie bieten im Grunde genommen für dieses Unbehagen so eine gewisse Form von so einem individuellen Deutungs- und Lösungsform an und eben auch so ein affektives Angebot und gehen damit eigentlich gar nicht in die Ursache rein, sondern verstärken das sozusagen in Teilen auch noch mal affektiv.
Viktoria Rösch: [Folie 13] Um das noch mal stärker auf die Care-Arbeit auch noch mal auszubuchstabieren. Genau, Nancy Fraser hat das also hat konstatiert, dass wir in den westlichen Industrienationen eine Care-Krise haben. Davon sind verschiedene Personengruppen besonders betroffen, unter anderem migrantische, rassifizierte und ökonomisch prekäre Frauen von auch genau dieser Care-Krise. Wir haben verschiedene Formen von Care-Kettenauslagerungen in verschiedene Kontexte. Das ist eingebettet in ein grosses Verhältnis von globalen sozialen Ungleichheiten. Und ich meine, sich das anzuschauen ist auch relativ komplex. Das kann dann auch wehtun. Tatsächlich. Das dann auch in der Grösse zu sehen, auch an sich selbst zu arbeiten und zu merken, oh ja, hier sieht es zwar für mich irgendwie echt schwierig aus, aber wenn ich da ganz einen globalen Blickwinkel drauf werfe, dann wird das Ganze noch. Dann wird das Ganze noch viel schwieriger. Und dass das irgendwie zu sehen und dass man auch selbst vielleicht andere Antworten finden muss. Was jetzt aber die Tradwives machen ist, das alles komplett ausblenden, sondern eben diese individualisierte Antwort finden. Und das sehen wir aber nicht nur bei Tradwives, sondern wenn wir auf Social Media gehen und diese Frage von Care-Krise und diese Überlastung anschauen, dann finden sich sehr viele individualisierte Lösungsangebote, beispielsweise was auf der Ebene der Self-Care zu verorten ist. Ich weiss nicht, also mir werden sehr viel auch so Sachen eingespielt wie, ach ja journaling, mach doch mal das, dann meditiert - ach, du bist gerade überlastet: Meditier doch. Also genau da gehen wir ja auch nicht an die Ursache ran, sondern das ist gewissermassen so eine Symptombekämpfung. Und im Grunde genommen was Tradwives machen, ist halt auch so ein Self-Care-Angebot auch. Also einerseits auch ein Self-Care-Angebot, mit ach schaut doch mal, mir geht es damit auch einfach viel besser. Und das ist einfach ein Lifestyle. So funktioniert das für mich, bieten da halt eben diese andere an. Und bei beiden Ebenen geht es nicht darum, um diese strukturellen Fragen zu bearbeiten.
Viktoria Rösch: Was man da aber auch sagen muss, ist, wenn man vor allen Dingen dann auch noch mal diese diese globale Perspektive noch mal auch mit aufnimmt ist das dieser Tradwife-Lifestyle schon auch einer ist, der vor allen Dingen aus einer weissen - ich hatte das vorhin mit den Latinas angesprochen - aber dennoch vor allen Dingen auch einer mittelschichtsgeprägten Perspektive möglich ist. Also zu sagen, ich gehe nach Hause, ich mache es mir irgendwie schön, ich drehe da irgendwelche Videos, ich habe überhaupt so ein rosa Kaschmir Cardigan. Das ist ja nichts, was Personen haben, die sozusagen in ökonomisch prekären Verhältnissen leben. Aber ich würde auch sagen, daraus, also aus nur alleine dieser Ungleichheitssituation erklärt sich der Trend oder dass es als Trend bezeichnet wird, nicht alleine. Nämlich, neben diesen materiellen Bedingungen spielen auch noch verschiedene kulturelle Deutungen und Konflikte gerade auch einfach eine Rolle, und zwar vor allen Dingen auch in dieser Frage von, da wird ganz viel projiziert, da wird ein Phantasma aufgebaut, und zwar vor allen Dingen in dieser Vorstellung eines übermächtigen Queerfeminismus, der irgendwie die Gesellschaften, die westlichen Gesellschaften destabilisieren würden. Und das ist sozusagen dann eben auch noch mal dieses Gegenangebot, diese Tradwife als eine ordnende Figur, die wieder Ruhe reinbringt, die einfach wieder Leute klar auf ihre Plätze verweist. Und dieses Zusammenspiel führt eben auch dazu, dass quasi diese Tradwife sozusagen auch als Figur noch mal anders funktioniert.
Viktoria Rösch: [Folie 14] Ich hatte ja vorhin gestartet mit auch, dass die Tradwive so ein Ausdruck von Retraditionalisierung sein und ich würde das mit dieser Retraditionalisierung zumindest nicht ganz unterschreiben wollen. Und zwar müssen wir uns also sind manche Paradoxien auch einfach sehr offensichtlich. Tradwives produzieren Social Media Content, die gehen damit in die Öffentlichkeit und in Teilen gerade in den US amerikanischen Raum verdienen sie damit Geld. Im deutschsprachigen Raum sind die Accounts zu klein. Meistens noch nicht, aber sie fangen damit an, wie man hier [Foto, Folie 14] auch sehen kann. Bei Freya Rosi, die jetzt auch anfängt, sozusagen Werbung quasi auch zu schalten. Das heisst, es ist quasi auch eingebettet in so ökonomische...verdienen damit Geld gehen in diese Öffentlichkeit. Da würde ich sagen, das ist auf jeden Fall ein sehr grosser Widerspruch in dieser Tradwife-Ideologie, in dieser Logik. Gleichzeitig, das haben wir bei allen Influencer*innen. Also das ist...ich finde, diese Kritik ist wichtig und die muss man auch ansprechen, aber bei den meisten tatsächlich haben wir von da werden quasi Sachen uns gezeigt, die sozusagen nicht dem realen Alltag beispielsweise entsprechen.
Viktoria Rösch: Eine zweite Sache ist, und zwar gerade diese selbstbestimmte freiwillige Unterwerfung, was wirklich ein ganz zentrales Thema dieser Tradwives ist. Und da sich erstmal deutlich zu machen, warum es überhaupt möglich ist, sich selbstbestimmt freiwillig zu unterwerfen, das ist erst möglich geworden, weil es Verschiebungen im Geschlechterverhältnis gab. Es gibt einen erweiterten Möglichkeitsraum in Bezug auch auf konservative Frauenbilder und Frauenrollen als Ergebnis von emanzipatorischen und feministischen Kämpfen. Also sich selbst hinzustellen und zu sagen, ich mache das freiwillig, ist ja auch erst möglich, seitdem es überhaupt diese Wahlfreiheit sozusagen dafür gibt. Spannend ist vor diesem Hintergrund auch, dass diese ganzen Tradwives das als mündige Entscheidung auch immer darstellen. Also immer wieder sozusagen auf ihre eigene Intellektualität auch rekurrieren. Viele von denen haben auch sozusagen studiert, begründen das ganz lange. Das heisst, sie sehen auch die Notwendigkeit, das Ganze sozusagen zu begründen. Das heisst, wir gehen in so ein bisschen auf den Leim, wenn wir von einer Retraditionalisierung sprechen, weil wir gehen nicht zurück, wir gehen nicht zurück in die 50er Jahre damit, sondern die Tradwife überhaupt ist erst möglich aufgrund so einer Veränderung. Und das heisst, sie nehmen Bezug auf so eine vermeintliche Traditionalität. Aber sie sind selbst keine Form der Retraditionalisierung, auch wenn sie es selbst oft sehr gerne wären und so tun, als wären sie tatsächlich die Boten - weiss ich nicht - der 50er Jahre.
Viktoria Rösch: [Folie 15] Dem Titel auch dieses Vortrags Tradwives antifeministische Aufwertung von Carearbeit, vielleicht auch so ein bisschen Fragezeichen. Was deutlich gemacht habe, ist Sie greifen ganz klare geschlechterpolitische Verwerfungen auf, eben in diesem Stichwort Care-Krise also das muss irgendwie anerkannt werden und da haben sie teilweise auch, die analysieren das auch und diese Analysen sind in vielen Teilen auch zutreffend. Gleichzeitig kommt es eben auch zu dieser Frage des Antife... Also kommt es in ihrem Begründungsmustern, wo das Problem liegt, warum wir diese Care-Krise haben, vor allen Dingen auch zu einer antifeministischen Aufladung, indem nämlich gesagt, der moderne Feminismus sei nämlich die Ursache dieser Care-Krise, weil hätten die Frauen nicht gesagt, sie möchten auch arbeiten und möchten Rechte, sondern wären zu Hause geblieben, dann hätten wir diese Care-Krise nicht, sondern dann wäre weiterhin quasi die Arbeit auch verteilt im Privaten. Das heisst, der Feminismus wird als ganz klare, als als Krise, also als Ursache dargestellt. Und ein Teil dieser Tradwives bezeichnet sich auch als bezeichnet sich auch als Ex-Feministin, wie hier [Bild, Folie 15] eben auch Estee Williams, die davon spricht: «Now I'm finally liberated from all the pressure society placed on me living a traditional marriage cleaning our home and cooking food from scratch for my husband». Und zwar, weil sie eben sagt, es ist diese ganze, diese - also sie war vorher Feministin, da hatte sie einfach so viel Stress, das war alles furchtbar und jetzt hat sie dem abgesagt, dass es ihr jetzt besser gehen würde. Gleichzeitig sehen wir eben, dass diese Anerkennung von Care-Arbeit zwar stattfindet, aber wie? Nämlich nicht als strukturelle Anerkennung, sondern sie wird ästhetisch durch ästhetische Inszenierung anerkannt, das heisst, und nicht irgendwie über strukturelle, andere Formen von struktureller Aufwertung. Und sie wird natürlich ganz klar bei den Frauen gesehen. Keiner spricht darüber, dass natürlich auch irgendwie der Mann diese Arbeit übernehmen könnte.
Viktoria Rösch: Ein letzter Punkt, der mir schon auch noch wichtig ist, wenn wir auf diese Frage von Tradwives gehen, dass wir schon auch nicht nur diese Einseitigkeit sehen dürfen, dieser, dieser Unterwerfung oder dieses vermeintliche arme Heimchen am Herd, weil wir sehen das schon auch so ein Spannungsfeld von auch einer potenziellen Dominanz, die damit einhergehen kann. Man kann sich erheben, man kann auch da auch und man kann damit aber auch sich Kraft geben. Es kann als individuelle Selbstermächtigung erlebt werden, genau dieses Leben zu sagen okay, ich gehe raus, ich mache etwas anderes. Es ist das Rebellische, was Xenia auch angesprochen hat. Und zu sagen, okay, ich gehe raus. Ich ermächtige mich selbst, indem ich jetzt sozusagen diesen Lebensstil auch mache. Und das macht ihn natürlich auch noch mal interessanter und vielleicht auch in Form attraktiver dazu. Ich habe auch Interviews mit Tradwives geführt. Auch da kann man sehen, dass es für einige biografisch auch wirklich sozusagen so ein Erlösungsmoment war. Zu sagen ich, ich mache das jetzt also das tatsächlich auch als solches sozusagen erlebt wurde, gleichzeitig und deswegen auch noch mal das Problem. Also es ist eben eine antifeministische Aufwertung, wie ich es nennen würde.
Viktoria Rösch: Die problematische Konsequenz ist: Wir haben Vereinzelung statt struktureller Kritik an Arbeits-, Familien- und Wohlfahrtsstaat- Strukturen. Genau das ist sozusagen als zentrales Problem. Und trotzdem muss man sich auch noch mal klar machen - Wenn wir uns vielleicht ein bisschen fragen, warum eigentlich Tradwives so viel Aufmerksamkeit bekommen, dann vielleicht eben auch, weil sie in gewisser Weise an manchen Punkten der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, weil die Frage von dem, was verstehen wir eigentlich unter autonomen Subjekten, die ja auch in der Historie immer männlich gedacht waren, dass das in dieser Form auch einfach eine Illusion ist. Also wenn sich Personen so direkt mit Absicht auch in diese Abhängigkeit begeben, dann halten sie einem so ein bisschen diesen Spiegel vor. Und da können wir sehen ja, so ganz funktioniert das nicht, weil wir alle sind eben eingebettet in ein Netz von Fürsorge, Beziehungen und eben von verschiedenen Abhängigkeiten. Und das auch klar zu machen und transparent zu machen und auch noch mal stark zu machen, dass Fürsorge ein zentraler Ankerpunkt für unsere Gesellschaft ist. Da braucht es dann eben auch eine strukturelle Anerkennung und eben nicht, wie jetzt in dieser Form eine kulturelle Idealisierung. Genau.
Viktoria Rösch: [Folie 16] Ich habe hier so eine Broschüre, die habe ich geschrieben für Spotlight. Das ist genau das ist so ein Verein in Wuppertal - habe ich eine Broschüre geschrieben zu Tradwives. Mit diesem QR-Code kann man die sich runterladen. Genau jetzt Vielen Dank aber für die Aufmerksamkeit.
Xenia Wassihun: Ja, also ganz, ganz herzlichen Dank für dieses äusserst spannende Referat. Das war wirklich sehr sehr interessant. Wir öffnen gleich für Fragen von euch aus dem Publikum, damit ihr vielleicht noch eine Sekunde Zeit habt, euch diese Fragen zu überlegen, habe ich noch eine Frage, geschätzte Viktoria, und zwar du hast jetzt auch aufgezeigt, die Bedeutung dieser Bewegung und die häufig ja auch einfach als Social-Media-Trend abgetan wird und gesagt wird: «Ja, das ist ja eigentlich gar nicht ernst zu nehmen». Und du hast auch Zahlen gezeigt aus Deutschland und ich weiss, du bist keine Hellseherin, aber ich nähme trotzdem Wunder: Wie siehst du das in Zukunft? Wie siehst du diese Entwicklung? Hast du das Gefühl, das wird grösser das Phänomen? Das wird stärker? Es wird generationell so sein, dass noch mehr junge Frauen sich dem zugehörig fühlen. Und vielleicht noch die andere Frage: Was machen wir jetzt damit?
Viktoria Rösch: Also ich glaube nicht, dass wir jetzt plötzlich in keine Ahnung in fünf Jahren nur noch Tradwives haben. Also in so einer ganzen Generation. Das wird nicht...Das wird, glaube ich, in dieser Form nicht passieren. Ich glaube, es ist eher noch mal interessant, was macht denn das jetzt eigentlich - eben genau diese, diese Bildwelten, also dieses Angebot an okay, das ist vielleicht genau das, was eine gute Mutterschaft ist. Ich weiss zwar in der Realität, ich kann das gar nicht lösen, weil ich beispielsweise auch einfach gezwungen bin zu arbeiten, weil wir Geld brauchen, um unsere Miete zu bezahlen. Aber sich zu denken, ja, das ist eigentlich mein Wunschideal, also die schaffen damit ja auch noch mal solche Sehnsüchte und dass das etwas sein könnte, was noch mal verstärkt auch zu, ich sag mal auch zu Konflikten führt, dann eben für die Frauen sozusagen auch führen kann und damit ja auch noch mal ein anderer Druck auch noch mal irgendwie mit steigt, wenn man denkt okay, das kann ich ja überhaupt alles auch noch viel weniger, viel weniger leisten. Ich glaube, diese Gefahr, die Gefahr sehe ich schon. Und da sehe ich auch die Gefahr, dass das sozusagen steigt.
Viktoria Rösch: Alles andere, ob jetzt wirklich, weiss ich nicht, der jüngere Teil der Gen Z so viel konservativer ist als andere. Ich bin da noch... oder konservativer wird. Ich weiss, ich weiss es nicht. Also ich. Ich kann das nicht sagen. Es kommt aber trotzdem auch...Es gibt diese Anknüpfungspunkte. Ein Teil unseres Forschungsprojektes. Da bin ich nicht drin. Aber es ist unser Partner*innen Projekt. Die führen in Berufsschulen sozusagen Gruppendiskussionen und versuchen zu verstehen, wie sehr solche Angebote auch interessant sind. Und die waren selbst schon so ein bisschen erschrocken davon, dass gerade in Berufen, die weiblich geprägt waren, da schon auch immer wieder so eine Sehnsucht zum Ausdruck kam, ach, eigentlich würde ich ja schon viel lieber zu Hause bleiben. Und ach, gerade auch das mit den Finanzen, mit denen möchte ich mich auch gar nicht beschäftigen. Also schon auch so ein gewisser Hang zu, diese Aufgaben auch ein bisschen abzugeben. Aber ich bin trotzdem auch optimistisch und ich denke, es passiert ja viel. Es gibt ja ganz viel auch Arbeit quasi in Jugendeinrichtungen. Es gibt viel Mädchen*arbeit und alles. Also es gibt ja viel. Gleichzeitig muss man auch sagen, muss man ja dafür kämpfen, dass genau diese Angebote auch erhalten bleiben, weil ich glaube, dass das schon auch ein zentraler Punkt.
Xenia Wassihun: Gut, dann öffne ich jetzt für das Publikum. Ich weiss jetzt nicht. Doch das Mikrofon geht. Gibt es Fragen von eurer Seite?
Frage 1: Meine Frage ist Du hast auch angesprochen, dass es ja auch Leute damit Geld verdient, zum Beispiel Nara Smith würde ich auch da reintun und die verdienen ja sehr viel Geld damit. Und du hast ja auch gesagt, du hast mit Tradwives gesprochen. Ist das für sie auch so ein Aspekt, so Liberation über Geld und eine komische Bezahlung von Care-Arbeit auf eine gewisse Weise? Wenn du weisst, was ich meine. Es ist auch so ein Aspekt, den sie so vertreten.
Viktoria Rösch: Ich finde es einen spannenden Gedanken. Aber jetzt die Personen, mit denen ich - die Interviews mit den Personen, mit denen ich gesprochen habe, das sind quasi kleine, ganz, ganz, ganz kleine Accounts ohne irgendwie riesen Reichweite. Vielleicht hat die eine Person so ein bisschen die Hoffnung, dass darüber aber eher so was wie Aufmerksamkeit glaube ich, Aufmerksamkeit und Anerkennung kommt. Das kann ich mir eher vorstellen. Dass Tradwife ein Geschäftsmodell wird also ich glaube, das ist wirklich einigen wenigen Protagonist*innen sozusagen vorbehalten, bei denen das sozusagen passiert. Aber es ist irgendwie. Also ich glaube, es ist jetzt nicht etwas, was tatsächlich, wenn sich jemand entscheidet, genau das zu machen, in erster Linie im Vordergrund steht. Aber es kann natürlich sein, dass vielleicht auch andere Personen, die vielleicht schon in diesem Influencer*innen Game irgendwie drin sind, dass die sagen na ja, das könnte ich ja jetzt auch monetarisieren und dann werde ich quasi zur Tradwife. Also ich meine gerade beim Fall Nara Smith, Das ist sozusagen auch eine...Ich bin...Sie selbst bezeichnet sich nicht immer als Tradwife, aber ist quasi eine Person, die davor als auch als Model und Influencerin gearbeitet hat und die dann im Zuge auch ihrer Hochzeit zunehmend zu einer Tradwife geworden ist. Und genau solche Inhalte eben auch macht und die eben auch ganz viel diese helle Kleidung sozusagen trägt. Ich glaube, sowas würde ich eher sehen. Also dass es quasi so Shifts gibt von eigentlich schon bekannten Influencer*innen, die genau dieses Thema dann auch aufgreifen und nach vorne bringen. Das könnte ich mir, das könnte ich mir gut vorstellen, auch in der Frage von was gibt es denn eigentlich für Shifts? Ich meine, was beobachten wir jetzt gerade? Vor allen Dingen in den USA, wo ja auch eine Veränderung stattfindet. Auf auf der Ebene der kulturellen Sphäre. Auf dieser Medienebene, wo Personen dann jetzt verstärkt auch pro pro Trump sozusagen sind, sich noch mal anders inszenieren, als es vor fünf Jahren noch war, weil es da vielleicht noch gar nicht so möglich war, damit auch Geld zu verdienen. Und das nächste ist, es kommt glaube ich auch drauf an, welche Firmen da ins Sponsoring eintreten würden.
Frage 2: Ja, hallo, danke für deine Ausführungen. Ich denke mir, ich kenne das aus eigener Erfahrung Familienarbeit und Erwerbsarbeit und meine Erfahrung ist das ist einfach ein komplexes Zusammenspiel. Da kommt vieles zusammen und das ist dann gar nicht so einfach, dem gerecht zu werden. Wenn ich jetzt dem einen, den Kindern gerecht werde, dann habe ich das Minus beim Arbeiten und das auszuhalten. Das ist nicht einfach und Tradwifes kann der Versuch sein, diese Komplexität zu reduzieren. Oder das hat auch mal eine Feministin gesagt, mit Kindern kann man keine Feministin sein. Okay, ist auch ein Versuch, dann zu sagen: So geht es halt nicht. Ich spare mir das aus. Und dann geht es irgendwie. Dann kann ich...Ich finde, dann geht es vielleicht auch um Perfektionismus.
Viktoria Rösch: Es ist mehr nicht nur dieses Strukturelle, also sozusagen diese strukturellen Probleme, sondern klar auch einfach in diesem individuellen Problem, in diesem Aushalten müssen, von dieser Spannung eben das als individuelle Lösung zu sehen. Aber ich glaube eben, da muss man dann eben auch ran. Zu sagen, grundsätzlich ist es, glaube ich, eine sehr grosse, komplexe Frage, wie können wir eigentlich Care-Arbeit sozusagen gleich...Also wie können wir sozusagen eine gleiche Verteilung von Care-Arbeit überhaupt irgendwie ermöglichen. Und ich glaube zum Beispiel sie ist nicht möglich, indem man sagt, man schafft jetzt...Also Menschen haben also nur begrenzt viele Stunden am Tag zur Verfügung und da müssen dann irgendwelche Lösungen gefunden werden, gerade für Menschen mit Pflegeverantwortung, sowohl was eben kleine Kinder oder Kinder angeht, als auch pflegebedürftige Angehörige beispielsweise zu gucken, wie kann man das überhaupt mit Lohnarbeit beispielsweise kombinieren? Was gibt es da vielleicht für Entlastungsmomente, dass Personen dann anders arbeiten und da trotzdem dann keine Nachteile in der Rente oder so bekommen? Also ich glaube, das ist eine grosse, insgesamt eine Aufgabe, damit eben nicht jede Person und ganz oft sind es eben diese Mütter in diese Situation kommen und sich denken ich habe mir das vielleicht anders vorgestellt, sozusagen mit dem Kinder bekommen und das mit der Arbeit. Aber es fühlt sich auch irgendwie schwierig an und ich merke, ich zerreisst mich jeden Tag und das geht auch ganz viel dann eben auch auf Kosten der einzelnen Personen.
Frage 3: Vielen Dank. Ich hätte noch eine Anschlussfrage. Auch ganz am Anfang wurde ein Bild gezeigt, wo eine Frau sagt, ja, ich koche nun mal gerne, ich kann es nun mal auch, warum soll ich es jetzt nicht tun? Ich mache es sogar gerne. Da habe ich mich so ein bisschen wiedergefunden. Ich koche gerne. Ich habe auch noch gelernt, wie man Marmelade kocht, wie man backt. Ich mache es auch gerne. Und vielleicht ein Gedanke, den ich hatte, war, ist es nicht auch die Erziehung und die Rollenbilder, die immer noch mit reinspielen? Wo setzt man Grenzen? Soll ich jetzt so tun, als könnte ich nicht kochen und mein Partner kann es halt wirklich schlecht. Das ist es. Es ist leider traurig, dafür macht er vieles andere. Und vielleicht was unterscheidet mich dann von der Tradwife? Bin ich vielleicht eine oder ist es Inszenierung? Das ist mir nicht ganz klar geworden.
Viktoria Rösch: Okay, vielen Dank. Ja, also ganz vieles davon. Also da würde ich auch immer argumentieren, ist Teil eines gesamtgesellschaftlichen Wissensvorrats über diese Bilder. Also ich meine, die greifen auf Bilder zurück, die in der Gesellschaft da sind. Und auch wenn die Rechten davon sprechen, dass wir so einen krassen woken Zeitgeist hätten und alle weiss ich nicht alles die Binaritäten aufgelöst hätten, wissen wir, es ist nicht so, also die reale Situation sieht aus, dass genau diese Bilder auch immer noch ganz stark verankert sind in allen in diesen Köpfen. Und selbst Personen, die versuchen diese Binaritäten und diese Bilder aufzubrechen, haben auch genau diese Bilder mit drin aufgrund eben dieser Sozialisation. Das ist ganz klar. Also ich möchte auf jeden Fall dafür sensibilisieren, dass die Tradwife, dass ist diese Social-Media-Figur. Das habe ich auch versucht davor zu sagen, es ist nicht...also nicht alle Hausfrauen, nicht alle Personen, die irgendwie zu Hause bleiben, sind gleich Tradwives. Weil es gibt verschiedene Gründe, warum man zu Hause bleibt. Es geht schon auch für mich um dieses Zusammenspiel von als Social-Media-Figur nach aussen zu treten, diese starke, auch selbstgewählte Unterwerfung unter den Ehemann, wo ja auch genau dieses Regressive, also dieses Potenzial für auch autoritäre Anknüpfungspunkte in jedem Fall mit drinstecken.
Viktoria Rösch: Und ja klar, warum soll man jetzt dann darunter leiden, wenn keine Ahnung der Partner einfach wirklich nicht kochen kann. Und dann muss man dann fünf Tage die Woche schlechtes Essen essen und nur aus aus emanzipatorischen Gründen. Ich glaube auch nicht, dass das notwendigerweise die richtige Lösung ist. Aber auch da ist und da würde ich dann sagen, das hängt dann auch wieder viel von einerseits den Partner*innenschaften aus, wie man sowas irgendwie ausgestaltet, aber andererseits braucht man trotzdem auch diese strukturellen Möglichkeiten überhaupt, sich das Ganze auch aufteilen zu können und eben da nicht reinzurutschen. Ich glaube, das was du beschrieben hast, ist natürlich etwas, was ganz zentral ist, was gerade auch in diesem Shift passiert von wir haben irgendwie gerade bei Beziehungen, wo die Partner*innen eigentlich sagen ja wir wollen egalitäres Bild leben oder so einen Zusammenhang merken wir so ein Shift ab dem Moment, wo die Kinder kommen, das ist ganz krass. Also da kommt dann einfach dieser Shift und dann wird diese Aufgabenteilung anders und verschiebt sich auf die Frau. Und das ist natürlich auch etwas, was auch damit zusammenhängt, dass man gewisse kulturelle oder Sachen auch einfach selbst gelernt hat und internalisiert hat.
Frage 5: Auch noch mal anschliessend daran. Hast du erforscht, wie die feministische Care- oder auch Mütter-Bewegung auf diese Bewegung reagiert? Weil es ist ja sehr schnell eine Vereinnahmung möglich, aber auch grosse Missverständnisse. Und ich frage mich ist sind Stimmen eher leiser geworden oder eher lauter, um sich abzugrenzen? Es ist ja auch eine Gefahr da, dass man missverstanden wird.
Viktoria Rösch: Das kann ich sagen. Es finden sozusagen Abgrenzung statt, auch aus Mütterbewegungen, die das einfach auch sehr kritisch sehen. Vor allen Dingen auch vor dem Hintergrund, dass die Tradwife als antiemanzipatorisches Symbol auch einfach genutzt wird. Und es ist eher so eine starke, eine starke Abwehr da und so ein Abgrenzungsbedürfnis eben auch immer vor diesem Hintergrund mit. Ja, es geht aber trotzdem davon aus, dass es etwas natürlich also diese, diese, diese Punkt von Natürlichkeit und eben diese Unterwerfung, weil das würde ja sozusagen die Mutterbewegung und auch feministische Bewegungen hätten quasi diesen Unterwerfungsaspekt in jedem Fall nicht.
Frage 5: Dankeschön auch von mir. Ich habe weniger eine Frage und mehr eine Beobachtung. Und zwar habe ich mir überlegt, eigentlich ist ja auch spannend, welche Arbeit nicht gezeigt wird. Also eben Self-Care im Sinne von sich schön machen und schminken und filmen, schneiden, Storytelling usw. das wird ja alles ausgeblendet. Sehr bewusst, nehme ich an und gleichzeitig wird das Bild, das von Care-Arbeit gezeichnet wird, ist ultimativ unrealistisch und nur aufs Individuelle beschränkt. Also Care ist ja auch immer eine Kollektivleistung und sie ist auch so ein, wie soll ich sagen, so eine Ermächtigung im Individuellen, aber ohne wirklich zu zeigen, was da alles dranhängt, wenn man das dann machen würde, also einfach so, wirklich voller Paradoxien und Widersprüchen, wie sie es auch schon gesagt haben. Genau diese Illusion.
Viktoria Rösch: Ja, und auch Mühen werden - das stimmt nicht. Es werden Mühen thematisiert, aber nicht gezeigt. Genau. Also die werden schon gesagt. Ja, auch ich finde es anstrengend nach so einem langen Tag...Oder, genau, oder auch ich hab mal schlecht geschlafen und solche Themen werden schon gesprochen, aber sie werden nicht sozusagen gezeigt. Mit dem Schminken wird manchmal gezeigt, aber wirklich nur sozusagen sehr sehr reduziert und dann schon auch als Form von sich ästhetisch hübsch machen für den Mann, also nicht auch für sich selbst, sondern gerade auch diese ästhetische Arbeit an dem eigenen Körper für den Partner.
Frage 6: Mein Feed ist zum Glück noch Tradwifefrei. Darum frage ich mich jetzt, wo sind denn die Männer in dem ganzen? Also kommen die in den Videos vor und. Also sie sind ja irgendwie total präsent durch diese Binarität, aber haben dann trotzdem so abwesend irgendwie durch, oder?
Xenia Wassihun: Mhm. Ja, das ist...nicht bei allen kommen die Männer gar nicht vor. Aber sie sind so häufig eben sehr abwesend und werden sozusagen nicht gezeigt. Also wenn, dann vielleicht mal bei einem Einzelnen. Oder es wird vielleicht irgendwie indirekt über sie gesprochen. Und das macht es natürlich auch noch mal möglich. Gerade zum Beispiel, wenn man jetzt auch Männer als potenzielle Zielgruppe ansieht, dass die sich dann ja reinfantasieren können in Ach, ich könnte ja dieser Partner sein. Ja, weil wenn ich den Partner sehe, weiss ich, ich bin das sozusagen nicht. Aber so funktioniert ja quasi auch Entertainment über...genau, wenn man so durchscrollt und dann könnte man das sich eben auch als solcher imaginieren. Also ich würde sagen, das ist auch mal eine Sache, die da noch mit reinkommt. Und eine Person, die hat jetzt angefangen, also Estee Williams hat jetzt erst jetzt angefangen, dass sie ihren Mann sozusagen auch zeigt. Das hat aber damit zu tun, dass der eben auch eine relevante Akteur in der Magabewegung ist. Und dadurch haben die dann angefangen, sich auch zusammen zu zeigen. Aber davor war dieser das Profil auch quasi männerfrei.
Frage 7: Danke vielmals. Du hast gemeint, dass du auch Tradwives interviewt hast. Könntest du noch was dazu erzählen? Vielleicht auch, sehen sie sich selbst auch als Tradwives oder sehen Sie auch diese Gefahren von diesem Content?
Viktoria Rösch: Genau. Es waren alles Personen, die sich selbst in ihren Profilen als Tradwives bezeichnet hat. Also das war Auswahlkriterium, um sozusagen Interviews mit denen zu führen. Was ich erzählen kann, ist, dass tatsächlich alle dieser Personen akademisch gebildet sind. Also heisst alle diese Frauen haben irgendwie...Also haben studiert und haben sich danach sozusagen darauf, also sich sozusagen danach dazu entschlossen, sozusagen dieses Leben erstmal jetzt zu führen. Die Hintergründe sind sehr unterschiedlich. Also nach aussen haben Sie schon das auch immer thematisiert als, okay es gab eben diese, diese Überlastungssituation. Sie wollten sich frei mache. Was häufig passiert ist, oder in einigen Fällen, dass sozusagen sich abgegrenzt wird gegenüber den, den, den, den eigenen Müttern, die sie, die gearbeitet haben, also die sich abgrenzen gegenüber den eigenen Müttern, die sie als emotional kalt wahrgenommen haben und eine positive, zumindest auf der Präsentationsebene, eine positive Bezugnahme auf Grossmütter, also quasi Grossmütter als positiver Referenzrahmen, die sie erlebt haben, als liebevolle Personen und sich dem sozusagen anzunähern. Und das dann häufig auch diese Vorstellung von, aha, ja, ja, das ist sozusagen die Tradition, die Oma. Das ist ungefähr dieser Zeitraum, in dem die Mutter war. Dann muss das ja auch so sozusagen gewesen sein. So viel erstmal.
Xenia Wassihun: Ja, herzlichen Dank. Als Mutter von zwei Töchtern stimmt mich das jetzt gerade ein bisschen nachdenklich. Genau. Unsere Zeit ist heute Abend jetzt leider schon um. Hier im Raum. Ich danke euch, geschätztes Publikum, ganz herzlich, dass ihr die vielen Fragen gestellt habt und so zahlreich erschienen seid. Und natürlich vor allem dir auch Viktoria Rösch. Ganz, ganz herzlichen Dank für dieses interessante Referat, das du diese vielen Fragen so gut beantwortet hast. Und ja, jetzt gehen wir über zum Apero. Fabian, du hast noch das Schlusswort.
Fabian Weingartner: Ich danke auch von mir. Wir freuen uns sehr, wenn ihr bei weiteren BiblioTalks hier vorbeikommt. Entweder bei der Bibliothek oder dann online. Wenn ihr informiert werden möchtet, abonniert doch unseren Newsletter, geht auf unsere Webseite oder schreibt uns eine Mail an gleichstellung@zuerich.ch. Wir sehen uns beim Apero. Danke vielmals. Schön, wart ihr da.