Aus vorgefertigten, modularen Bauteilen eine ganze Wohnsiedlung bauen – und dennoch sieht praktisch jede Wohnung anders aus. Genau das realisierte Architekt Claude Schelling Ende der 1970er-Jahre in Zürich-Affoltern. Das kühne Experiment der industriellen Vorfabrikation ist heute von denkmalpflegerischem Wert – bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich. Bald nach der Fertigstellung mussten einige Baumängel behoben werden. Inzwischen steht in der Wohnsiedlung eine teilweise innere Instandsetzung an.
Die Wohnsiedlung Furttal entstand 1978 bis 1980 als Gartenstadtsiedlung in modularer Elementbauweise. Ziel war, mit vorgefertigten Bauteilen sowohl effizient als auch vielfältig zu bauen. Das Resultat: 181 Wohnungen mit 161 unterschiedlichen Grundrissen.
Die scheinbar spielerische Anordnung der Baukörper folgt einem präzisen Raster von 3,8 Metern Seitenlänge, das die gesamte Anlage gliedert. Farbige Fensterrahmen in Rot, Gelb, Orange und Blau machen die einzelnen Wohneinheiten sichtbar und betonen die komplexe horizontale und vertikale Verschachtelung.
Die sieben zwei- bis sechsgeschossigen, terrassierten Wohnhäuser sind in zwei Gruppen angeordnet; dazwischen liegt ein Grünraum. Die Siedlung ist im Inventar der kunst- und kulturhistorischen Schutzobjekte sowie im Inventar der schützenswerten Gärten und Anlagen eingetragen.
Mit der anstehenden Teilinstandsetzung soll die Wohnsiedlung für die nächsten 20 bis 30 Jahre fit gemacht werden. Im Zentrum steht die Sanierung der teils noch originalen haustechnischen Anlagen, Nasszellen und Küchen. Die Eingriffe erfolgen so zurückhaltend wie möglich – im Spannungsfeld von Wirtschaftlichkeit und denkmalpflegerischem Anspruch.
Für die Ausführung der Sanierung schrieb die Stadt ein Planerwahlverfahren aus. Gesucht war ein Generalplanerteam, das die Gesamtverantwortung für die Planung – von der Architektur über die Haustechnik bis zur Koordination der Ausführung. Aus 23 fristgerecht eingereichten Bewerbungen wurden fünf Teams ausgewählt, um konkrete Projektvorschläge einzureichen.
Der ausgewählte Beitrag der ARGE PSTTK Furttal (Pfister Schiess Tropeano & Partner Architekten) überzeugt durch eine ausgewogene Haltung: Bestehendes wird dort erhalten, wo es sinnvoll ist; technische und räumliche Verbesserungen erfolgen gezielt und gestalterisch sorgfältig. Grundlage bildet eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Architektur der Erstellungszeit und der vorfabrizierten Bauweise.
Von 1,5-Zimmer-Wohnungen mit 26 Quadratmetern bis zu 5,5-Zimmer-Wohnungen mit 124 Quadratmetern: Die 181 Wohnungen bieten Raum für unterschiedliche Lebensstile. Zum Angebot gehören auch 37 Maisonette-Wohnungen mit zwei Etagen sowie mehrere Atelierwohnungen.
Alle Wohnungen sind Ost-West orientiert. In den Obergeschossen eröffnet sich dadurch ein weiter Blick ins Furttal. Die funktionalen Bereiche – Küchen, Bäder, WCs und Treppen bei Maisonetten – liegen im Innern, während die Wohnräume von Tageslicht und Aussicht profitieren.
Ein Drittel der Wohnungen ist über private Gartenhöfe und Aussentreppen erschlossen. Diese Zugänge vermitteln das Gefühl eines eigenen kleinen Hauses. Die übrigen Wohnungen erreicht man über innenliegende Treppenhäuser; sie verfügen dafür über grosszügige Terrassen – als geschützte Freiluftzimmer mit hoher Aufenthaltsqualität.
Herzstück der Siedlung ist der grosse, unverbaute Grünraum zwischen den beiden Gebäudegruppen. Er folgt dem natürlichen Gefälle des Geländes und wird durch Rampen und Terrassierungen erschlossen. Am Fuss des Hangs liegt ein Kinderspielplatz – eingebettet in das zusammenhängende Freiraumsystem.
Auf den Dächern der Tiefgaragen dienen Gemeinschaftshöfe als zentrale Begegnungszonen. Die Gartenpavillons des Künstlers Ivan Pestalozzi setzen einen besonderen Akzent: Mit ihren leichten, gefalteten Polyesterdächern bieten sie Raum für spontane Begegnungen und nachbarschaftliche Treffen.
Mit dem Wald direkt vor der Haustür und dem Katzensee in der Nähe bietet die Wohnsiedlung die Vorteile naturnahen Wohnens am Stadtrand. Gleichzeitig ist die Nahversorgung gesichert – Einkaufsmöglichkeiten finden sich rund um den nahegelegenen Zehntenhausplatz.
Die Siedlung ist gut an den öffentlichen Verkehr angebunden: Der Bahnhof Zürich-Affoltern wird von der S-Bahn bedient, mehrere Bushaltestellen sind bequem zu Fuss erreichbar. So erreicht man das Stadtzentrum, den Hauptbahnhof und weitere Ziele schnell und direkt.
Direkt neben der Wohnsiedlung befindet sich der städtische Kindergarten Furttal. Die Schulhäuser Holderbach und Riedenhalde liegen in etwas grösserer Entfernung.
Der Erhalt der Siedlung statt eines Abrisses spart grosse Mengen grauer Energie – also jene Energie, die bei Herstellung, Transport und Entsorgung von Baumaterialien anfällt. Indem tragende Bauteile und das Gebäudegerüst erhalten bleiben, wird ein wesentlicher Beitrag zur Ressourcenschonung und zum Klimaschutz geleistet.
Nach der Sanierung reduziert sich der Heizenergiebedarf dank verbesserter Wärmeverteilung. Die bestehende Gasheizung wird ersetzt; künftig erfolgt die Wärmeversorgung über eine nachhaltige Energiequelle.
- Baujahr 1978–1980
- Architektur Claude Schelling; Gartenpavillons von Ivan Pestalozzi
- Instandsetzung Fassaden, Küchen, Böden (2003–2004), Projekt: G. F. Riboni + Partner; Winkler Steiner Sreit Architekten
- Raumprogramm 181 Wohnungen, 25 Bastelräume, 1 Freizeitraum, 4 Tiefgaragen für 124 Autos, 68 Mofaplätze, 11 Autoabstellplätze im Freien
- Mietzinse Kostenmiete (freitragend und subventioniert)
- Adresse Georg Kempf-Strasse 51–61, Hungerbergstrasse 10–26, 8046 Zürich