Was verbindet die Wohnsiedlung Unteraffoltern II mit dem Goetheanum und den Roche-Türmen in Basel? Diese Bauwerke wurden von der «20 Minuten»-Community zu den hässlichsten Gebäuden der Schweiz gewählt. «Die Siedlung ist nichts anderes als eine unschöne Betonwüste», urteilt Leser Franz. Doch es bestehen auch andere Meinungen: Die Wohnsiedlung wurde mit der Auszeichnung für gute Bauten der Stadt Zürich geehrt und gilt in Fachkreisen als Architekturjuwel. Auch die Bewohnenden selbst können die negative Kritik nicht nachvollziehen – sie leben gerne hier, wie eine Reportage aufzeigte.
In den 1960er-Jahren war es für einkommensschwache Menschen in Zürich besonders schwierig, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Als Reaktion darauf beauftragte der Gemeinderat den Bau von fünf Siedlungen mit insgesamt 750 erschwinglichen Wohnungen, von denen mehr als ein Drittel in «Unteraffoltern II» realisiert wurde.
Die Wohnanlage wurde in erstaunlich kurzer Zeit – nur zwei Jahren – gebaut. Dafür verwendete man eine spezielle Methode: Beton wurde direkt vor Ort gegossen und mit schweren, bereits vorgefertigten Betonteilen kombiniert, etwa für Balkone, das Dach und verschiedene Wände. Ein Gerüst war nicht nötig. Die schnelle Bauweise und die damals neuen Methoden hatten ihren Preis – schon Mitte der 1980er-Jahre waren erste Reparaturen nötig.
Die beiden langen Hochhäuser sind ein gutes Beispiel für die Architektur der 1960er-Jahre. Ihr Architekt Georges P. Dubois liess sich von einem berühmten Wohnhaus in Marseille – der Unité d᾽Habitation – inspirieren, das sein Lehrmeister Le Corbusier entworfen hatte. Die 63 Meter langen Gebäude stehen auf Stützen, wodurch ein überdachter Eingangsbereich entsteht. Auffällig sind die hervorspringenden Fenstervorbauten – Erker –, die den Aussenwänden ihr prägnantes Aussehen geben.
Ein durchdachtes System aus Treppen und Liften führt zu den zwölf Stockwerken. Die Wohnungen sind clever angeordnet: Kleinere Einheiten sind direkt vom Flur aus zugänglich, während grössere Wohnungen die gesamte Gebäudebreite einnehmen und Balkone auf beiden Seiten haben.
Ursprünglich fanden die vielen kleinen Wohnungen nur schwer Mietende. Die Modernisierung in den Jahren 2002/03 korrigierte das Wohnungsangebot. Heute gibt es 236 Wohnungen in verschiedenen Grössen – von 1-Zimmer-Apartments bis zu 5,5-Zimmer-Wohnungen.
Gemeinschaftsräume mit Bühne, Küche, Spielwiese, Sitzplätzen und Wasserbecken fördern Begegnungen. Im Dachgeschoss bieten Terrassen, Waschküchen und ein Mehrzweckraum mit Panoramablick zusätzlichen Raum. Engagierte Mietende fördern das soziale Miteinander und verwalten die Gemeinschaftsräume. Anfangs bestehende Herausforderungen wie hohe Fluktuation und soziale Ungleichheit wurden durch gezielte Massnahmen verbessert.
Der S-Bahnhof Zürich-Affoltern ist nur wenige Gehminuten entfernt und verbindet die Wohnsiedlung in einer Viertelstunde mit dem Hauptbahnhof. Die Busstationen Fronwald und Unteraffoltern befinden sich in unmittelbarer Nähe. Die Infrastruktur des Quartiers bietet Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Naherholungsgebiete – das Hürstholz und der Katzenbach – direkt vor der Haustür.
Eine Photovoltaikanlage fügt sich in die denkmalgeschützte Architektur ein. Neben baulicher Modernisierung wurde in Gemeinwesenarbeit investiert. Das Engagement aller Beteiligten und eine angepasste Vermietungsstrategie steigerten die Wohnqualität. Zudem fördern die dichte Bauweise und die gute ÖV-Anbindung die Nachhaltigkeit.
- Baujahr 1967–1970
- Architektur Georges-Pierre Dubois
- Künstlerische Gestaltung Hanny Fries, emaillierte Tafelbilder neben Hauseingängen
- Sanierung Küchen (1992)
- Aussensanierung Fassaden, Fenster, Storen, Heizleitung, Türbemalung, Erweiterung Eingangshallen und neue Gemeinschaftsräume im EG (1995–1997)
- Projekt Matthias Eschenmoser; Konzept Türfarben von Beat Maeschi
- Umgebung, Spielplätze 1995–1997
- Projekt Felis Guhl und Roman Berchtold
- Innensanierung Bäder, Fallsträneg, Wohnungszusammenlegungen (2002–2003)
- Projekt Winkler Streit, Steiner Architekten AG
- Einbau Gewerberaum 2004
- Photovoltaikanlage 2023
- Raumprogramm 236 Wohnungen, 6 Gemeinschaftsräume, Tiefgarage für 142 Autos und 41 Mofas, 58 Lagerräume, 1 Gewerberaum
- Mietzinse Kostenmiete (freitragend, subventioniert)
- Adresse Fronwaldstrasse 94, Im Isengrind 35, 8046 Zürich