Mit «HowToSabotageWorkBetter_2027.pdf» bringt die !Mediengruppe Bitnik zehn ungewöhnliche Arbeitsanweisungen in den öffentlichen Raum. Ab dem 24. Oktober leuchten an der Energiezentrale Josefstrasse in Zürich Sätze wie «Work slowly» (Arbeite langsam), «Never allow shortcuts» (Erlaube keine Abkürzungen) oder «Cry on zoom» (Weine auf Zoom.
Die Intervention nimmt die Logik einer auf Effizient, Optimierung und Produktivität ausgerichteten Arbeitswelt aufs Korn. Was zunächst absurd erscheint, wird zum spielerischen Gegenentwurf: eine Einladung, Verlangsamung, Umwege und Ineffizienz neu zu betrachten. Weitere Formate tragen die zehn Anweisungen von der Fassade in den öffentlichen Raum und in den Arbeitsalltag.
Wer mit der S-Bahn an der Energiezentrale Josefstrasse vorbeifährt, liest ab dem 24. Oktober in roter Leuchtschrift «Work slowly» (Arbeite langsam), «Overcomplicate the simple» (Verkompliziere das Einfache) oder «Cry on zoom» (Weine auf Zoom). Mit «HowToSabotageWorkBetter_2027.pdf» richtet die !Mediengruppe Bitnik den Blick auf Routinen, Regeln und Widersprüche der heutigen Arbeitswelt – mitten in Zürich, einem bedeutenden Standort der Technologie- und Digitalwirtschaft.
Die zehn Anweisungen sind kurz, direkt und zunächst irritierend: «Require everything in writing» (Verlange alles schriftlich), «Insist on unattainable perfection» (Bestehe auf unerreichbarer Perfektion ) oder «Duplicate files. Misdirect Emails» (Dupliziere Dateien. Schicke E-Mails an falsche Kontakte). Sie greifen vertraute Routinen des Arbeitsalltags auf, überzeichnen sie oder erfinden neue, absurd übertriebene Bürokratie.
Wo sonst Tempo, Effizienz und Optimierung gefordert sind, empfehlen die Sätze Verlangsamung, Umwege und Reibung. Damit stellt die Arbeit eine einfache Frage: Was passiert, wenn Arbeitsanweisungen nicht dazu dienen, Prozesse schneller und reibungsloser zu machen, sondern sie bewusst ins Stocken zu bringen? Die vermeintlich absurden Aufforderungen machen sichtbar, wie selbstverständlich bestimmte Vorstellungen von produktivem Arbeiten geworden sind – und eröffnen einen Raum, um sie neu zu betrachten.
Work slowly Arbeite langsam
Overcomplicate the simple Verkompliziere das Einfache
Require everything in writing Verlange alles schriftlich
Hold meetings instead of emailing Halte Sitzungen ab, statt E-Mails zu schreiben
Insist on unattainable perfection Bestehe auf unerreichbarer Perfektion
Duplicate files. Misdirect emails Dupliziere Dateien. Schicke E-Mails an falsche Kontakte
Leak internal data by accident Gib versehentlich interne Daten weiter
Doomscroll at work not in bed Doomscrolle bei der Arbeit, nicht im Bett
Never allow shortcuts Erlaube keine Abkürzungen
Cry on zoom Weine auf Zoom
Auch der Standort der Intervention ist Teil der Arbeit. Die Energiezentrale Josefstrasse liegt an einer stark frequentierten S-Bahn-Strecke. Täglich passieren zahlreiche Pendler*innen den Ort auf ihrem Arbeitsweg – darunter auch Beschäftigte der grossen Technologieunternehmen.
Entlang derselben Bahnstrecke Richtung Flughafen befindet sich seit 1991 «How to Work Better» (Wie man besser arbeitet) des Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss. Das Werk an der Fassade eines Bürogebäudes in Zuerich-Oerlikon besteht ebenfalls aus zehn kurzen Anweisungen. Fischli und Weiss hatten die Sätze auf einer Reise in einer thailändischen Keramikfabrik entdeckt, wo sie als Regeln für gutes Arbeiten dienten. In Zürich erhielten sie eine neue Bedeutung: Die Aufforderungen lassen sich zugleich als praktische Lebensregeln und als ironischer Kommentar auf die Arbeitswelt lesen.
Mehr als dreissig Jahre später greift die !Mediengruppe Bitnik diese doppelte Lesbarkeit auf und verschiebt sie in die Gegenwart. Aus «How to Work Better» (Wie man besser arbeitet) wird «How to Sabotage Work Better» (Wie man Arbeit besser sabotiert). Die Regeln versprechen nicht mehr, die Arbeit zu verbessern. Stattdessen bringen sie jene Abläufe durcheinander, auf denen die Vorstellung effizienter Arbeit beruht.
Ein weiterer Bezugspunkt der Arbeit ist das 1944 erstellte «Simple Sabotage Field Manual» des US-amerikanischen Office of Strategic Services, einer Vorgängerorganisation der CIA. Das Handbuch beschrieb einfache Möglichkeiten, mit denen Zivilist*innen unter faschistischer Herrschaft Abläufe verlangsamen und Organisationen von innen stören konnten. Nach dem erneuten Amtsantritt von Donald Trump im Januar 2025 erlebte das «Simple Sabotage Field Manual» neue Aufmerksamkeit und verbreitete sich stark im Netz. Anfang Februar gehörte es zeitweise zu den meist heruntergeladenen Titeln auf Project Gutenberg.
Die unerwartete neue Aufmerksamkeit für das historische Handbuch zeigt, wie aktuell die darin beschriebene Idee der alltäglichen Sabotage geblieben ist. Daran knüpft die !Mediengruppe Bitnik an und überträgt sie auf die digital organisierte Arbeitswelt der Gegenwart.
Schon der Titel «HowToSabotageWorkBetter_2027.pdf» klingt wie eine Datei, die irgendwo zwischen Downloads, Versionen und Arbeitsunterlagen auf einem Computer liegen könnte. Die Arbeit nimmt damit auch die digitalen Systeme in den Blick, die strukturieren, wie wir kommunizieren, zusammenarbeiten und produktiv sein sollen.
Die Intervention endet nicht an der Fassade der Energiezentrale. Weitere Formate tragen die zehn Anweisungen in die Stadt und direkt in den Arbeitsalltag: Bushecks bringen die Botschaften auf die Strasse, virtuelle Hintergründe erscheinen in Videokonferenzen und Sticker-Editionen für Laptops gelangen bis ins Büro. Die Stickerbogen liegen in allen ALIVE Flyerboxen in der Stadt Zürich auf und können dort gratis mitgenommen werden. Es hat, solange es hat.
Die !Mediengruppe Bitnik ist ein international tätiges Künstlerduo. Die Arbeiten von Domagoj Smoljo und Carmen Weisskopf bewegen sich an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft. In Interventionen im öffentlichen und digitalen Raum untersuchen sie unter anderem digitale Infrastrukturen, Überwachung, Netzwerke und die Auswirkungen technologischer Systeme auf unseren Alltag.
Mehr zu !Mediengruppe Bitnik auf ihrer Website: Home – !Mediengruppe Bitnik
Club el Social (Viaduktstrasse 67, 8005 Zürich)
In Anwesenheit der Kunstschaffenden
Mit Apéro und Ansprache