Samuel Herzog: Seit 25 Jahren leitest du die Fachstelle Kunst und Bau (FS KuB). Im Rückblick: War das eine erfüllte Zeit oder reine Verschwendung von Lebensenergie?
Karin Frei Bernasconi: Da muss ich etwas ausholen. Von 1999–2001 war ich nur zu zwanzig Prozent für «Kunst am Bau» im Amt für Hochbauten zuständig, genau wie mein Vorgänger. Ich sah allerdings bald, dass die Prozesse eher auf die Architektur ausgerichtet waren und das künstlerische Potenzial gar nicht ausgeschöpft wurde. Die Perspektive von Künstler*innen und Kunstsachverständigen auf diese spezifischen Kontexte und Aufgaben spielte kaum eine Rolle.
Und was hast du unternommen, um dieser Misere zu begegnen?
In erster Linie ging es mir darum, das Feld zu öffnen – verschiedene Kontexte einzubeziehen, das Knowhow zu erhöhen und ein Netzwerk aufzubauen aus externen Kurator*innen und Fachexpert*innen. Gleichzeitig habe ich mir die Abläufe angeschaut. Architekturprojekte funktionieren ganz anders als künstlerische Projekte, sie haben eine andere Ausrichtung, andere Ziele. Die zentrale Frage lautete: Was für Verfahren braucht es, damit künstlerische Ideen zur Geltung kommen und auf eine faire Art evaluiert werden können? Wichtig war mir auch die Erarbeitung von Grundlagen wie Künstler*innenverträge oder die Klärung von Schnittstellen zu den Bauabläufen. Kurzum: Es ging um eine breite Professionialisierung auf inhaltlicher und operativer Ebene.
Ging es dir auch darum, andere Medien in den Bereich Kunst und Bau einzuführen? Und mit diesen anderen Medien auch andere Arten von künstlerischen Werken möglich zu machen?
Ja, Kunst und Bau wurde zu einseitig gedacht. Die alte Vorstellung, Kunst müsse so etwas wie eine Dekoration der Architektur sein, geisterte noch in den Köpfen herum. Ja, sie wurde manchmal gar dazu genutzt, bauliche Unzulänglichkeiten zu korrigieren oder wenigstens zu kaschieren. Ich setzte mich dafür ein, dass Kunst gar nicht mehr zwingend ein baulich integraler Teil der Architektur sein muss.
Kannst du mir da ein Beispiel nennen?
2001 haben wir die interaktive Arbeit «Horizont» von Hannes Rickli für das Schulhaus Gotthelf der Schulanlage Aegerten, damals die Heilpädagogische Schule Wiedikon, realisiert. Sie besteht aus einer horizontalen Linie (dargestellt auf vier Industriemonitoren), die umso höhere Wellen schlägt, je mehr Menschen sich im Raum bewegen. Die Farbe dieser Wellen wird von der Aussentemperatur bestimmt und variiert an warmen Tagen von Orange bis Pink, im Winter von Violett bis Blau. Zwar ist dieses Werk in eine Wand in der Eingangshalle eingebaut, überzeugt aber dennoch durch seine künstlerische Eigenständigkeit. Denn die Wand dient hier als Vehikel für die Präsentation der Arbeit. Die Kunst ist nicht in erster Linie Dekor, sondern hat eine eigene Präsenz und Wirkung, die durch das Verhalten der Schüler*innen mitbestimmt wird.
Immerhin ein bleibendes Werk, – ist das für dich eine Bedingung?
Nein und ja zugleich. Physisch muss eine Arbeit nicht unbedingt überdauern. Wichtig ist, dass sie in den Köpfen ihre Spuren hinterlässt. 2004 zum Beispiel haben wir in der Schule Birch ein vierundzwanzigstündiges Performancefestival mit fünfzehn Künstler*innen durchgeführt («Live-Art»), an das sich heute noch alle erinnern, die dabei gewesen sind. Das Festival diente auch dazu, die Bewohner*innen des neuen Quartiers zusammenzuführen.
Du sprichst die Bewohner*innen und somit das Publikum an. War Kunstvermittlung von Anfang an ein Thema?
Sagen wir, es war ein kontinuierlicher Prozess. 2003 gab ich zusammen mit Sibylle Omlin die Publikation «Hybride Zonen» heraus, die sich mit ausgewählten Kunst-und-Bau-Werken beschäftigte und vor allem der Frage nachging, wie sich das Publikum einbeziehen lässt. Diese Veröffentlichung stellt so etwas wie die theoretische Basis für die weitere Entwicklung der Fachstelle dar. Die wichtigste Erkenntnis daraus war, dass es nicht ausreicht, Werke zu produzieren. Genauso wichtig ist es, sie auch zu vermitteln. In den kommenden Jahren haben wir ganz unterschiedliche Dinge in Gang gebracht. Wir haben einen Newsletter geschaffen, ein Manual zur Praxis von Kunst und Bau publiziert, spezifische Kunstspaziergänge durch die Stadt konzipiert (Artloops von Matteo Hofer) und sogar mit Kurt Aeschbacher «Kunst bi de Lüt» gemacht. Heute vermitteln wir unsere Projekte auch in Schulen oder lassen die Künstler*innen im Rahmen von Videoporträts über ihre Werke sprechen. Daneben versuchen wir, verstärkt in den Medien präsent zu sein. Seit 2016 gehört auch die Pflege und Inventarisierung von Kunst-und-Bau-Werken zu den Aufgaben der Fachstelle. In Zahlen ausgedrückt betreuen wir heute über 1000 Kunst-und-Bau-Werke, einschliesslich 120 neuer Werke, die seit 2001 dazugekommen sind.
Gibt es etwas, worauf du besonders stolz bist?
Ja, darauf, dass wir in all den Jahren mit rund 800 Kunstschaffenden zusammenarbeiten konnten, sei es im Rahmen unserer jährlich acht bis zwölf Verfahren oder dann während der Umsetzung der Projekte.
Du hast der Fachstelle ja von Anfang an einen etwas ungewöhnlichen Namen gegeben: «Kunst und Bau» statt «Kunst am Bau». Eine Marotte?
Keineswegs! Kunst ist kein Anhängsel, das «an» der Architektur klebt, darum vermied ich von Anfang an den Ausdruck «Kunst am Bau». «Kunst und Bau» spricht eine Auseinandersetzung zwischen der Kunst «und» ihrem Umfeld an. Das «und» zwischen den beiden Themenfeldern steht für den Raum und die Möglichkeiten, die für jedes Werk neu beschrieben und ausgehandelt werden müssen. Das «und» meint auch, dass der ganze Kontext einbezogen wird, also die Architektur, die Geschichte, die soziale Realität, städtebauliche Aspekte oder auch ökologische Herausforderungen. Erst wenn man einen Ort mit einem so breiten Blick untersucht, kann auch eine ortsspezifische Arbeit entstehen.
Das klingt nach sehr offenen Prozessen.
Genau. So wie sich die Welt, so wie sich der Mensch ständig entwickelt, so bleibt auch die Kunst nicht stehen. Im Grunde müssen wir täglich neu aushandeln, was wir unter Kunst verstehen, was wir von Kunst erwarten. Und das gilt natürlich in besonderer Weise auch für Kunstwerke, die aus dem Kontext öffentlicher Bauwerke hervorgehen. Auf der Ebene von Auswahl und Umsetzung bedeutet dies nicht zuletzt auch, dass sich die Aushandlungsprozesse ständig neu gestalten.
Da braucht es einen wachen Geist.
Nicht nur einen! Zum Glück sind wir ein fantastisches Team. Wir machen auch alle paar Jahre wieder eine Art Boxenstopp. Das heisst, wir denken im Rahmen von Workshops darüber nach, wo wir stehen und wo wir hinwollen. Dabei ziehen wir immer auch Externe bei, die manchmal überraschende Perspektiven einbringen.
Du erwähnst immer wieder die externen Fachleute, mit denen ihr zusammenarbeitet. Könnte man nicht auch sagen, dass es eine wichtige Aufgabe von Kunst ist, im Rahmen eines Bauvorhabens so etwas wie einen externen Blick auf die Dinge zu liefern.
Ja, dieser externe Blick ist wichtig. Er unterstützt uns dabei, dass wir Kunst auswählen, die einen wesentlichen Beitrag zu einer hohen Baukultur leistet. Damit meine ich Werke, die unsere Perspektiven verändern, Diskussionen in Gang bringen, Parallelwelten aufzeigen, Wertesysteme in Frage stellen oder uns auf Aspekte des Ortes neugierig machen, die wir vorher gar nicht im Blick hatten. So leisten sie auch ganz direkt einen wesentlichen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft.
Was waren denn deine persönlichen Highlights in den letzten Jahren?
Einiges habe ich ja schon genannt. Sicher müsste man hier auch von der «Kunst Station Triemli» sprechen, die wir 2010–2016 betrieben haben. Die Idee kam mir während meines Nachdiplomstudiums in «Curating» an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Die konkreten Inhalte erarbeitete ich mit einem externen kuratorischen Beirat. Im Rahmen dieses Projekts entwickelten zwei Dutzend Künstler*innen performative, ephemere und dauerhafte Werke für das Stadtspital Zürich Triemli. Es ging uns darum, Mitarbeiter*innen wie auch Patient*innen für Augenblicke aus ihrer Realität herauszuholen, sie zu «Fenstern» zu führen, von wo aus sie andere Dinge und Welten in den Blick nehmen konnten. So tauchte im Spital zum Beispiel eine fiktive Insel auf, es gab ein Kino im Kopf und eine Ausstellung von den Mitarbeiter*innen. Zu den bleibenden Werken gehört etwa eine zweihundert Meter lange, sehr welthaltige Wandzeichnung von Ingo Giezendanner. Die Kunststation führte auch dazu, dass man im Spital ein Bewusstsein dafür entwickelte, welche Bedeutung Kunst im Rahmen einer solchen Institution haben kann.
Das war sicher nicht ganz einfach. Gab es noch andere Projekte, die besonders knifflig waren? Vielleicht auch in der technischen Umsetzung?
Oh ja. Ein Beispiel wären da die «Tastenden Lichter» von Pipilotti Rist auf dem Heimplatz. Eine Arbeit, die im Rahmen der Chipperfield-Erweiterung für das Kunsthaus Zürich entstanden ist. Und natürlich das Pferd («Der ungezähmte Horizont») von Yves Netzhammer auf dem Dach des Hochhauses Nord beim Projekt Tramdepot und Wohnsiedlung Depot Hard.
So, jetzt ist es Zeit für die gute Fee. Wenn dir jemand eine Million zur Verfügung stellen würde, mit der du in völliger Freiheit im «und», also im Perimeter eines städtischen Bauwerks ein Kunstwerk umsetzen könntest, was würdest du machen?
Da gibt es natürlich viele Möglichkeiten. Etwas, was mich reizen würde, wäre eine Art Symposium der besonderen Art. Ich würde einen grossen Raum mieten, Künstler*innen und Kurator*innen aus aller Welt einladen, um in allen möglichen Szenarien über Kunst und Bau nachzudenken, Visionen zu formulieren, Ideen und Projekte zu erarbeiten, Dinge vor Ort auszuprobieren … Kurzum: Ich würde ein Labor Kunst und Bau eröffnen.
Zum Schluss: Wenn du wieder dreissig wärst und man dir einen Job in Düsseldorf anbieten würde. Würdest du Zürich für die grosse Karriere in Deutschland verlassen? Oder noch einmal Kunst und Bau in Zürich aufbauen?
Ich drehe das «Rad» nicht gerne zurück. Doch grundsätzlich reizen mich neue Challenges, wenn man Verantwortung übernehmen und mitentscheiden darf. Ausgestattet mit dem heutigen Wissen, würde es mich eher reizen, in einer mir völlig fremden Kultur so etwas wie eine Fachstelle Kunst und Bau aufzubauen oder zu kuratieren.
Ich muss mich an etwas reiben können − das treibt mich an. Ich mag es, wenn mich meine Arbeit herausfordert, so wie es die Fachstelle Kunst und Bau in den letzten 25 Jahren getan hat.
Das Interview mit Karin Frei Bernasconi führte Samuel Herzog am 15. Juli 2026.
Samuel Herzog ist Künstler und Journalist. Karin Frei Bernasconi ist Architektin ETH Zürich, absolvierte ein Nachdiplom in «Curating» an der ZHdK und studierte Kunstgeschichte an der Universität Zürich. Seit 2001 leitet sie die Fachstelle Kunst und Bau, Amt für Hochbauten, Stadt Zürich.