Der eintägige Performance-Anlass «Live-Art» im Schulhaus Im Birch in Zürich-Oerlikon brachte Kunst, Architektur und Öffentlichkeit auf eindrucksvolle Weise zusammen. Im Rahmen des Neubaus wurde ein Teil des Kunst-und-Bau-Budgets gezielt für einen performativen Kunstbeitrag eingesetzt, der den architektonischen Raum lebendig werden liess und Kunst für Schüler*innen, Quartierbewohner*innen und Besucher*innen unmittelbar und hautnah erlebbar machte.
Die Performances eröffneten neue Wege der Kunstvermittlung: Kunst wurde nicht nur betrachtet, sondern erlebt – zeitlich, körperlich und gemeinsam. Gleichzeitig verwandelte das Kunst-und-Bau-Projekt mit fünfzehn Performances das Schulhaus in einen lebendigen Ort der Begegnung, des Austauschs und der kulturellen Teilhabe. «Live-Art» ermöglichte einen unmittelbaren Zugang zu zeitgenössischer Kunst und hat dazu eingeladen, den vertrauten Schulraum aus einer neuen Perspektive wahrzunehmen. So entstand eine inspirierende Verbindung von Architektur, Kunst und Gemeinschaft, die weit über den Moment der Performances hinauswirkte.
Programm «Live-Art», 5. November 2004 :
Köppl Zacek, Zürich, Biel: «Ohne Titel»
Seit im Schulhaus der Lehrbetrieb aufgenommen wurde, sammelten die Hauswarte für diese Performance alle Papierabfälle, fein sortiert nach Schuljahren. Im ersten Teil ihrer Aktion haben die Performer den Containerinhalt auf dem Boden der Sporthalle ausgelegt. Sie gingen systematisch vor und liessen sich dabei viel Zeit. Von den Emporen aus konnte ihre Arbeit beobachtet werden. Im zweiten Teil wurde die Sporthalle geöffnet und die «Ausstellung» begehbar gemacht.
Heinrich Lüber, Basel: «Ohne Titel»
An der Eckkante des Schulhausdaches standen zwei identisch aussehende Männer aufeinander. Als menschliche Skulptur ergänzten sie für einen kurzen Moment das architektonische Gesamtbild.
Gabriele Rérat, Zürich : «Weder Fisch noch Vogel» – Der Vortrag
Vortragende sagen manchmal mit vielen Worten wenig, mit wenigen Worten viel, mit vielen Worten viel und mit wenigen Worten wenig. Die Performerin hatte ohne Worte viel gesagt. Der Vortrag handelte von akustischen Mitteln zur Verständigung und Partner*Innensuche singender Fische in den oftmals trüben Küstengewässern.
KUVERUM, Zürich, Aarau: «Blick auf die Kunst, im KuveRoom»
Im Vorfeld haben Teilnehmende der Ausbildung KUVERUM (Kulturvermittlung/Museumspädagogik) den Lehrkräften stufengerechte Angebote zur Kunstvermittlung angeboten. Alle Kinder und Jugendlichen haben ein Tool, um den Performancetag zu dokumentieren, erhalten. Der «KuveRoom» sand am 5. November allen offen, die mehr über Kunst und den Blick auf die Kunst wissen wollten.
mit, Zürich: «mit spritzt»
Die Zürcher Künstlerinnengruppe inszenierte für die Schule Im Birch einen temporären, mobilen menschlichen Brunnen. Das «tableau vivant» nahm, in Anlehnung an Jean Tinguely, humorvoll und ironisch gebrochen Bezug auf ein klassisches «Kunst-am-Bau»-Thema. «mit» waren: Klodin Erb, Sabine Hagmann, Regula Michell, Gabriele Rérat, Eliane Rutishauser, Karoline Schreiber, Meret Wandeler, Agatha Zobrist, Hanna Züllig.
Maren Strack, Berlin: «muddclubsolo»
Neben dem Schulhaus geriet eine Campingsituation ins Rutschen: Eine Frau stand nicht auf dem Boden, sondern hing an ihren Haaren, sie sitzte nicht in ihrem Zelt, sondern trug es als Rock. Das Öffnen der Zelttür kam deshalb einem Strip gleich und legte den Blick auf das notwendige Material für Campen im Regen frei – das zu tanzen begann. Mit beiden Füssen im Schlamm stehend, unterlag der Zuschauer einer anscheinend gegen die Gesetze der Physik verstossenden Aufführung.
Katja Schenker, Zürich: «Halten, solange sie hält»
Das Zusammenspiel von Mensch und Architektur gibt dem Raum einen Sinn. In ihrer Performance hat Katja Schenker dieses Spiel auf die Spitze getrieben: Sie baute Raumstrukturen, die ohne die Präsenz ihres Körpers in sich zusammenfielen. Ihre Räume hielten nur, solange sie hielt.
Perform.S., Zürich: «Flugmarkt»
Flugversuche wurden gestartet, andere flogen schon. Startmöglichkeiten standen im Angebot, jeder konnte seinen eigenen Flug antreten. Höhenflüge wurden gefunden und zum Tausch angeboten, Himmelspersonal begleitete die Fahrt ins Blaue. «Stellen Sie sich vor, Sie könnten an einen sehr fernen Punkt gelangen: Vergessen Sie, wo Sie sind, und lesen Sie aus.»
Charlotte Hug, Andy Guhl, Zürich, St. Gallen: «Flimmerbilder oder mit Klängen zeichnen»
Charlotte Hug zeichnete mit ihren Bratschenklängen Lichtzeichen an die Wand, die Decke, den Boden. Mit Magnetfeldern manipulierte Andy Guhl diese Bilder, so dass sie flackerten, sich veränderten, wanderten, Form annahmen und sich wieder verloren. Die bewegten Bilder stimulierten ihrerseits weitere musikalische Improvisationen. Spiel und Gegenspiel erzeugten eine fast unendliche Vielfalt von Tönen und Lichtformen.
Patrick Huber, Zürich: «Performing the Space»
Für «Live-Art» stellte Patrick Huber ein 60-minütiges Film- und Videoprogramm zusammen. Die Kurzfilme des ersten Teils beschäftigten sich mit den kinematographischen Möglichkeiten, Raumerfahrungen neu auszuloten – der Film als Performance. In einem zweiten Teil waren kurze Videos von Performances zum Thema Körper und Raum zu sehen.
Yan Duyvendak, Genf: «You’re dead!»
«You’re dead!»: Das vernichtende Schlusswort zahlreicher Videogames hören viele Jugendliche mehrmals täglich. Duyvendak konfrontierte Spielsequenzen aus dieser virtuellen Welt mit der physischen Präsenz seines Körpers. Er holte die Kämpfe und Gewaltszenen zurück in die Wirklichkeit, in ihrer ganzen Absurdität und Tragik.
San Keller, Zürich: «Ohne Freunde keine Wärme»
San Keller lieferte sich eine Nacht lang der Kälte aus. Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang stand der Unerschrockene auf dem Pausenplatz vor dem Schulhaus. Nur dank der wärmenden Zuwendung von Schülern und Lehrern musste San Keller dort nicht bis auf die Knochen frieren.
Gaspard Buma, Lausanne: «Partition for 8 muscles and 1 sampler»
Für seine «Partitur für 8 Muskeln und 1 Sampler» brauchte Buma einen Computer, Elektroden, Adapter, verschiedene Kabel, einen Verstärker und Lautsprecher. Der Körper war sein Instrument. Mithilfe moderner Technik wurden die Bewegungen der Muskeln von Midi-Musik kontrolliert. Vor der Performance konnte das Publikum die Partitur kaufen.
Victorine Müller, Zürich: «Gate C»
Ein neues Schulhaus – ein ganz neues Konzept – Einblick und Ausblick – Mobilität – die Farbe setzt sich rein. Ich schaffe eine Hülle – Ich fasse Fuss – Einblick und Ausblick – Mobilität – die Farbe träumt sich ein- und aus.
Les Reines Prochaines, Basel: Konzert «Halluzination»
Les Reines Prochaines rieben sich die Hände und tranken noch einen Schluck. Spülen. Sie griffen zu Saxophon, Klarinette, Bass und Trompete, um in gewohnt lässiger Professionalität tragische Geschichten, unmögliche Geschichten, schöne Geschichten zu singen, zelebrieren, erzählen und tanzen.
- Kunst «Live-Art», Fünfzehn Performances, 5. November 2004
Köppl Zacek, Zürich/Biel: «Ohne Titel»
Heinrich Lüber, Basel: «Ohne Titel»
Gabriele Rérat, Zürich : «Weder Fisch noch Vogel» – Der Vortrag
KUVERUM, Zürich/Aarau: Blick auf die Kunst, im «KuveRoom»
mit, Zürich: «mit spritzt»
Maren Strack, Berlin: «muddclubsolo»
Katja Schenker, Zürich: «Halten, solange sie hält»
Perform.S., Zürich: «Flugmarkt»
Charlotte Hug, Andy Guhl, Zürich/St. Gallen: «Flimmerbilder oder mit Klängen zeichnen»
Patrick Huber, Zürich: «Performing the Space»
Yan Duyvendak, Genf: «You’re dead!»
San Keller, Zürich: «Ohne Freunde keine Wärme»
Gaspard Buma, Lausanne: «Partition for 8 muscles and 1 sampler»
Victorine Müller, Zürich: «Gate C»
Les Reines Prochaines, Basel: Konzert «Halluzination»
Fotos: Martin Stollenwerk, Zürich - Konzept und Realisation Karin Frei Bernasconi (Projektleitung), Ursula Steinacher (Assistenz), Toni Schönbächler (Schulleiter Im Birch), Victorine Müller und Sibylle Omlin (kuratorisches Konzept), Pius Tschumi, Karin Sartori, Franziska Nyffenegger, (Kunstumsetzung GmbH, Produktion), Franziska Dürr mit KUVERUM (Kulturvermittlung/Museumspädagogik), Patrick Huber (Film- und Videoprogramm), Marc Schwarz (Filmdokumentation)
- Bauherrschaft Stadt Zürich
- Eigentümervertretung Immobilien Stadt Zürich
- Bauherrenvertretung Amt für Hochbauten
- Bauzeit 2002–2004