Der eintägige Performance-Anlass «Live-Art» im Schulhaus Im Birch in Zürich-Oerlikon brachte Kunst, Architektur und Öffentlichkeit auf eindrucksvolle Weise zusammen. Im Rahmen des Neubaus wurde ein Teil des Kunst-und-Bau-Budgets gezielt für einen performativen Kunstbeitrag eingesetzt, der den architektonischen Raum lebendig werden liess und Kunst für Schüler*innen, Quartierbewohner*innen und Besucher*innen unmittelbar und hautnah erlebbar machte.
Die Performances eröffneten neue Wege der Kunstvermittlung: Kunst wurde nicht nur betrachtet, sondern unmittelbar erfahren – körperlich, sinnlich und gemeinsam. Mit fünfzehn Performances verwandelte das Kunst-und-Bau-Projekt das Schulhaus in einen lebendigen Ort der Begegnung, des Austauschs und der kulturellen Teilhabe. «Live-Art» ermöglichte einen direkten Zugang zu zeitgenössischer Kunst und lud dazu ein, sich den neu gebauten Schulraum aus einer anderen Perspektive anzueignen. So entstand eine inspirierende Verbindung von Architektur, Kunst und Gemeinschaft, die über den Moment der Performances hinauswirkt.
Programm «Live-Art», 5. November 2004 :
Gaspard Buma, Lausanne: «Partition for 8 muscles and 1 sampler»
Für seine «Partitur für 8 Muskeln und 1 Sampler» brauchte Buma einen Computer, Elektroden, Adapter, verschiedene Kabel, einen Verstärker und Lautsprecher. Der Körper war sein Instrument. Mithilfe moderner Technik wurden die Bewegungen der Muskeln von Midi-Musik kontrolliert. Vor der Performance konnte das Publikum die Partitur kaufen.
Yan Duyvendak, Genf: «You’re dead!»
«You’re dead!»: Das vernichtende Schlusswort zahlreicher Videogames hören viele Jugendliche mehrmals täglich. Duyvendak konfrontierte Spielsequenzen aus dieser virtuellen Welt mit der physischen Präsenz seines Körpers. Er holte die Kämpfe und Gewaltszenen zurück in die Wirklichkeit, in ihrer ganzen Absurdität und Tragik.
Patrick Huber, Zürich: «Performing the Space»
Für «Live-Art» stellte Patrick Huber ein 60-minütiges Film- und Videoprogramm zusammen. Die Kurzfilme des ersten Teils beschäftigten sich mit den kinematographischen Möglichkeiten, Raumerfahrungen neu auszuloten – der Film als Performance. In einem zweiten Teil waren kurze Videos von Performances zum Thema Körper und Raum zu sehen.
Charlotte Hug, Andy Guhl, Zürich, St. Gallen: «Flimmerbilder oder mit Klängen zeichnen»
Charlotte Hug zeichnete mit ihren Bratschenklängen Lichtzeichen an Wände, Decke und Boden. Mit Magnetfeldern manipulierte Andy Guhl diese Lichtbilder, liess sie flackern, sich verändern, wandern, Form annehmen und wieder verschwinden. Die bewegten Projektionen wiederum stimulierten weitere musikalische Improvisationen. Spiel und Gegenspiel erzeugten eine nahezu unendliche Vielfalt von Tönen und Lichtformen, die sich in die Architektur einschrieben.
San Keller, Zürich: «Ohne Freunde keine Wärme»
San Keller lieferte sich eine Nacht lang der Kälte aus. Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang stand der Unerschrockene auf dem Pausenplatz vor dem Schulhaus. Nur dank der wärmenden Zuwendung von Schülern und Lehrern musste San Keller dort nicht bis auf die Knochen frieren.
Köppl Zacek, Zürich, Biel: «Ohne Titel»
Seit im Schulhaus der Lehrbetrieb aufgenommen wurde, sammelten die Hauswarte für diese Performance alle Papierabfälle, fein sortiert nach Schuljahren. Im ersten Teil ihrer Aktion haben die Performer den Containerinhalt auf dem Boden der Sporthalle ausgelegt. Sie gingen systematisch vor und liessen sich dabei viel Zeit. Von den Emporen aus konnte ihre Arbeit beobachtet werden. Im zweiten Teil wurde die Sporthalle geöffnet und die «Ausstellung» begehbar gemacht.
KUVERUM, Zürich, Aarau: «Blick auf die Kunst, im KuveRoom»
Im Vorfeld haben Teilnehmende der Ausbildung KUVERUM (Kulturvermittlung/Museumspädagogik) den Lehrkräften stufengerechte Angebote zur Kunstvermittlung angeboten. Alle Kinder und Jugendlichen haben ein Tool, um den Performancetag zu dokumentieren, erhalten. Der «KuveRoom» sand am 5. November allen offen, die mehr über Kunst und den Blick auf die Kunst wissen wollten.
Les Reines Prochaines, Basel: Konzert «Halluzination»
Les Reines Prochaines rieben sich die Hände und tranken noch einen Schluck. Spülen. Sie griffen zu Saxophon, Klarinette, Bass und Trompete, um in gewohnt lässiger Professionalität tragische Geschichten, unmögliche Geschichten, schöne Geschichten zu singen, zelebrieren, erzählen und tanzen.
Heinrich Lüber, Basel: «Ohne Titel»
An der Eckkante des Schulhausdaches standen zwei identisch aussehende Männer aufeinander. Als menschliche Skulptur ergänzten sie für einen kurzen Moment das architektonische Gesamtbild.
mit, Zürich: «mit spritzt»
Die Zürcher Künstlerinnengruppe inszenierte für die Schule Im Birch einen temporären, mobilen menschlichen Brunnen. Das «tableau vivant» nahm, in Anlehnung an Jean Tinguely, humorvoll und ironisch gebrochen Bezug auf ein klassisches «Kunst-am-Bau»-Thema. «mit» waren: Klodin Erb, Sabine Hagmann, Regula Michell, Gabriele Rérat, Eliane Rutishauser, Karoline Schreiber, Meret Wandeler, Agatha Zobrist, Hanna Züllig.
Victorine Müller, Zürich: «Gate C»
Ein neues Schulhaus – ein ganz neues Konzept – Einblick und Ausblick – Mobilität – die Farbe setzt sich rein. Ich schaffe eine Hülle – Ich fasse Fuss – Einblick und Ausblick – Mobilität – die Farbe träumt sich ein- und aus.
Perform.S., Zürich: «Flugmarkt»
Flugversuche wurden gestartet, andere flogen bereits. Startmöglichkeiten standen zum Angebot, und jede*r konnte seinen eigenen Flug antreten. Höhenflüge wurden gefunden und zum Tausch angeboten, Himmelspersonal begleitete die Reise ins Blaue. «Stellen Sie sich vor, Sie könnten an einen sehr fernen Punkt gelangen: Vergessen Sie, wo Sie sind, und lesen Sie aus.»
Gabriele Rérat, Zürich : «Weder Fisch noch Vogel» – Der Vortrag
Vortragende sagen manchmal mit vielen Worten wenig, mit wenigen Worten viel, mit vielen Worten viel und mit wenigen Worten wenig. Die Performerin hatte ohne Worte viel gesagt. Der Vortrag handelte von akustischen Mitteln zur Verständigung und Partner*Innensuche singender Fische in den oftmals trüben Küstengewässern.
Katja Schenker, Zürich: «Halten, solange sie hält»
Das Zusammenspiel von Mensch und Architektur verleiht dem Raum Bedeutung. In ihrer Performance trieb Katja Schenker dieses Zusammenspiel auf die Spitze: Sie baute Raumstrukturen, die ohne die Präsenz ihres Körpers in sich zusammenfielen. Ihre Räume hielten nur, solange sie hielt.
Maren Strack, Berlin: «muddclubsolo»
Unter dem Schulhaus-Vordach geriet eine Campingsituation ins Rutschen: Eine Frau stand nicht auf dem Boden, sondern hing an ihren Haaren. Sie sass nicht in ihrem Zelt, sondern trug es als Rock. Das Öffnen der Zelttür kam deshalb einem Striptease gleich und gab den Blick auf die für das Campen im Regen notwendigen Utensilien frei – die alsbald zu tanzen begannen. Mit beiden Füssen im Schlamm stehend, erlebte das Publikum eine scheinbar gegen die Gesetze der Physik verstossende Aufführung.
- Kunst «Live-Art», 15 Performances, 5. November 2004
Gaspard Buma, Lausanne: «Partition for 8 muscles and 1 sampler»
Yan Duyvendak, Genf: «You’re dead!»
Patrick Huber, Zürich: «Performing the Space»
Charlotte Hug, Andy Guhl, Zürich/St. Gallen: «Flimmerbilder oder mit Klängen zeichnen»
San Keller, Zürich: «Ohne Freunde keine Wärme»
Köppl Zacek, Zürich/Biel: «Ohne Titel»
KUVERUM, Zürich/Aarau: Blick auf die Kunst, im «KuveRoom»
Les Reines Prochaines, Basel: Konzert «Halluzination»
Heinrich Lüber, Basel: «Ohne Titel»
mit, Zürich: «mit spritzt»
Victorine Müller, Zürich: «Gate C»
Perform.S., Zürich: «Flugmarkt»
Gabriele Rérat, Zürich : «Weder Fisch noch Vogel» – Der Vortrag
Katja Schenker, Zürich: «Halten, solange sie hält»
Maren Strack, Berlin: «muddclubsolo»
Fotos: Martin Stollenwerk, Zürich - Projektleitung Karin Frei Bernasconi
- Kuratorisches Konzept Dr. Sibylle Omlin und Victorine Müller (Mitarbeit), Prof. Dr. Philip Ursprung (Beratung)
- Realisation Karin Frei Bernasconi (Leitung), Ursula Steinacher (Assistenz), Toni Schönbächler (Schulleiter Im Birch), Pius Tschumi mit Karin Sartori und Franziska Nyffenegger (Kunstumsetzung GmbH), Peter Märkli und Christoph Ansorge (Studio Märkli), videocompany.ch (Videotechnik), Brugger Hüsser gestalten (Grafik), Franziska Dürr mit KUVERUM (Kulturvermittlung/Museumspädagogik), Marc Schwarz (Filmdokumentation), Martin Stollenwerk (Fotografie)
- Bauherrschaft Stadt Zürich
- Eigentümervertretung Immobilien Stadt Zürich
- Bauherrenvertretung Amt für Hochbauten
- Bauzeit 2002–2004