Kunst und Bau interagiert nicht nur mit der Architektur, sondern untersucht den Ort, für den sie entwickelt wird, auf vielfältige Weise. Gerade in schnell wachsenden und sich verändernden stadträumlichen und städtebaulichen Zusammenhängen kann Kunst und Bau – können Kunst und Bauen – einen wichtigen Beitrag zu Themen der Baukultur und Stadtforschung leisten. Für die neu entstandene kommunale Wohnsiedlung Leutschenbach in Zürich-Seebach wurden zwei Kunst-und-Bau-Werke realisiert, die interessante Perspektiven im Diskurs um Ästhetik und Wirksamkeit von Kunst und Bau eröffnen.
Kunst, die mit einem städtischen Bauvorhaben entsteht, muss nicht integraler Bestandteil des Baus sein; wohl aber muss sie mit dem Bau und seinem Kontext in einem produktiven Verhältnis stehen. Sie kann sich auf die Architektur und ihre Nutzung oder auf die städtebauliche und stadträumliche Situation beziehen. Sie kann die Geschichte des Ortes aufgreifen und etwa seine historischen oder sozialen Zusammenhänge reflektieren. Sie kann gegenwärtige gesellschaftliche Anliegen aufspüren, die auch in die Gestaltung des urbanen Raums einfliessen oder diesen prägen. Dabei muss die ortsspezifische Kunst weder in ihrer inhaltlichen Ausrichtung noch in ihrer Präsenz, Sichtbarkeit und Wirkung lokal verortet bleiben und kann über den physischen Ort hinausreichen.
Die Gestaltung des Stadtraums reagiert auch auf gegenwärtige Krisen und Fragestellungen. Krisen der Ökologie, des Klimas, der Ressourcen werden im Nachhaltigkeitsdiskurs ebenso adressiert wie etwa soziale Themen rund um gemeinschaftliches, durchmischtes Wohnen. Städtisches Bauen ist ökologischen wie sozialen Nachhaltigkeitszielen verpflichtet und versucht, Antworten auf die Fragen des gegenwärtigen und zukünftigen Zusammenlebens zu geben. Für die neu entstandene Wohnsiedlung Leutschenbach wurden zwei Kunst-und-Bau-Werke realisiert, die diese Nachhaltigkeitsthemen aufnehmen.
Mit der Wohnsiedlung am Leutschenbach entstand ein Ort von urbaner Dichte, der gleichermassen das Quartier verändert, wie auch dieses den Neubau prägt: Das ehemalige Industrieumfeld, unterschiedliche Wohn- und Arbeitsformen, eine durchmischte Bevölkerung mit wachsendem postmigrantischem Anteil, der die beiden Siedlungsareale durchquerende Riedbach sind Teile einer vielfältigen urbanen Landschaft, mit der die Siedlung in Beziehung steht. So war das Verständnis des urbanen Raums als dichtes Beziehungssystem menschlicher und nicht-menschlicher Akteure und Interaktionen Grundgedanke des Kunst-und-Bau-Wettbewerbs. Die künstlerischen Projekte sollten sich auf diese reichen Beziehungsgeflechte einlassen, sie als Bestandteile des Urbanen und Sozialen untersuchen und die darin liegenden Potenziale aufspüren und aktivieren.
Maria Iorio und Raphaël Cuomo dokumentieren mit ihrem Langzeitprojekt «Was das Wasser erzählt», wie aus der einstigen Brache die heutige Siedlung wurde. Im Zentrum der vierteiligen Werkgruppe steht ein Film, auf den eine Schriftinstallation in einem der Durchgänge in die Siedlung hinweist und der im Frühjahr 2026 auf einer projekteigenen Onlineplattform zu sehen sein wird. Eine Künstlerpublikation, die ebenfalls im Frühjahr 2026 erscheint, ermöglicht einen weiteren Zugang zum Werk.
Hauptprotagonist der filmischen Erzählung ist der Riedbach, der die beiden Siedlungsareale trennt wie auch verbindet. Über sieben Jahre hinweg haben Iorio/Cuomo den Bach seine Geschichte erzählen lassen, die sich in grössere zeitliche und räumliche Dimensionen weitet. Das Wasser hat erlebt, wie sich die Stadt immer weiter auf das ehemalige Sumpfgebiet ausdehnte. Das erzählende Wasser erinnert das Gebiet, auf dem nun die Wohnsiedlung steht, als einstiges Molassemeer. Die Wasserwege sind stromaufwärts mit dem Meer verbunden, in das sie stromabwärts münden. Die hydropoetische Erzählung nimmt konsequent die Perspektive des Flusses ein und vermeidet jede hierarchische Unterscheidung zwischen Mensch und Wasser. Gleichzeitig trifft diese Poesie auf die Wissenschaft der Hydrologie, die sich mit dem Element Wasser befasst – mit seiner Bewegung und Verteilung, seinen Eigenschaften und Wechselwirkungen mit der Umwelt.
«Was das Wasser erzählt» ist auch eine «Archäologie der Gegenwart»: Die filmischen Aufzeichnungen dokumentieren die verschiedenen Schichten des Bauprozesses und repräsentieren die menschlichen und nicht-menschlichen Akteure, die am Werden der Wohnsiedlung und an der Veränderung des Quartiers beteiligt waren und sind. In der Erzählung des Wassers überlagern sich postmigrantische (soziale) und nicht-menschliche (ökologische) Perspektiven. Mit Blick auf Gegenwart und Zukunft fragt die Erzählstimme im Film, die sich zwischen diesen Perspektiven bewegt und sich nicht eindeutig zuordnen lässt: «Wie können wir zusammenleben?» «Wie leben, ohne sich auszuschliessen?»
Sarah Burger ermöglicht mit «Phänomen L» der Wohnsiedlung ein eigenes Lichtphänomen. Der materiell äusserst sparsame Eingriff setzt ganz auf Wahrnehmung und Ereignis. Unterschiedlich farbige Glaselemente sind an vier Stellen im obersten Bereich der Innenhoffassaden angebracht. Bei Sonnenschein wandert farbiges Licht über die inneren Fassaden und die Innenhofbereiche der beiden Siedlungsareale. Diese Farbspieglungen werden zu bestimmten Tages- und Jahreszeiten an unterschiedlichen Stellen sichtbar.
Was auf den ersten Blick unspektakulär daherkommt, ist Ergebnis hochkomplexer und aufwendiger Untersuchungen und experimenteller Anordnungen. Damit die Glaselemente nämlich leisten können, was sich der künstlerische Entwurf wünscht – diffuse, nicht klar konturierte Farbspieglungen über grosse Distanz hinweg – wurden mit verschiedenen Techniken der Glasherstellung und mit unterschiedlichen Rezepturen die optimale Glasbeschaffenheit, Dicke und Farbe der Elemente ermittelt.
Sarah Burger will kein Lichtspektakel inszenieren. Sie lässt vielmehr ein Phänomen entstehen, dem man vielleicht zuerst zufällig begegnet, um es dann immer wieder zu suchen und aufzuspüren – ein Phänomen, das die Wohnsiedlung als individuellen und gemeinschaftlichen Resonanz- und Beziehungsraum erfahrbar machen kann.
«Was das Wasser erzählt» sinnt nach über Ökologie und Migration. Die Erzählung eines Flusses adressiert gegenwärtige Themen und reflektiert im Kontext des gemeinsamen Wohnens Lokalität, Mobilität und Begriffe von Heimat. Ausgangspunkt der Erzählung ist die Wohnsiedlung. Von dort öffnet sich der Blick auf das Quartier und die Stadt und schliesst letztlich eine globale Perspektive mit ein.
Auch «Phänomen L» enthält mit der Fokussierung auf das Licht einen universellen Aspekt. Sarah Burger spricht in diesem Zusammenhang von Licht als dem grössten gemeinsamen Raum, den wir bewohnen. In einer Art Gegenbewegung zu Iorio/Cuomo bündelt sie ein globales Phänomen (das Licht) zu einem Ereignis, das man nur in der Wohngemeinschaft am Leutschenbach wahrnehmen kann.
In beiden Arbeiten hat das physische Material den kleinsten Anteil am Werk. Ihnen liegen entweder jahrelange filmische Arbeit oder intensive Materialuntersuchungen zugrunde. Iorio/Cuomo schaffen immersive und affizierende Erfahrungsräume, Sarah Burger lässt ein zwar berechnetes, aber gleichzeitig auch unberechenbares Ereignis entstehen.
Text: Kristin Bauer