Das 1971 entstandene Werk «Ohne Titel (Textiles Raumelement)» befindet sich in der Abdankungshalle des Friedhofs Uetliberg. Durch seine Grösse besitzt der aus Wolle gewobene Wandbehang eine aussergewöhnliche räumliche Präsenz. Er ist auf Metallleisten aufgezogen und löst sich dadurch von der Vorstellung eines flachen Wandbildes. Das Werk wirkt in den Raum hinein und gestaltet diesen aktiv mit.
Besonders wichtig ist dabei die Materialität der Wolle. Das Weben erzeugt eine Struktur, die nicht nur visuell, sondern auch über die Vorstellung von Berührung und Körperlichkeit wahrgenommen werden kann. Das textile Material bringt eine gewisse Weichheit und Wärme in den architektonischen Raum. Gleichzeitig steht die bewegte, textile Oberfläche in einem spannungsvollen Verhältnis zu den festen und klaren Elementen der Abdankungshalle. Das Werk vermittelt somit zwischen Fläche und Raum, zwischen Architektur und Material.
Auch seine Dimension trägt wesentlich zur Wirkung bei, da der Wandbehang so gross ist, dass er nicht einfach als einzelnes Bild betrachtet wird, sondern als Bestandteil der gesamten räumlichen Situation. Wer sich in der Abdankungshalle aufhält, nimmt das Werk nicht nur aus einer bestimmten Distanz wahr, sondern erlebt es als Teil der Umgebung. Seine Präsenz kann den Blick sammeln und dem Raum eine zusätzliche visuelle und haptische Qualität verleihen.
Im Zusammenhang mit dem Ort erhält das Werk eine besondere Bedeutung - die Abdankungshalle ist ein Raum des Übergangs, der Erinnerung und des Abschieds. Schieles textiles Raumelement setzt diesem eher formalen und sakral anmutenden Raum ein Material entgegen, das mit Nähe, Körperlichkeit und Handarbeit verbunden ist. Gerade dadurch entsteht eine zurückhaltende, kontemplative Wirkung. Das Werk muss dabei keine konkrete Bedeutung vorgeben und lässt Raum für individuelle Wahrnehmungen und Assoziationen.
Schieles Arbeit zeigt damit exemplarisch, wie Textil über seine traditionelle Funktion hinaus zu einem Medium der Raumgestaltung werden kann. Wolle, Webstruktur, Grösse und räumliche Ausdehnung verbinden sich zu einem Werk, das nicht allein an der Wand hängt, sondern wesentlich dazu beiträgt, wie die Abdankungshalle als Raum wahrgenommen und erlebt wird.
- Kunst Moik Schiele (1938–1993)
«Ohne Titel (Textiles Raumelement)», 1971
Wolle, gewoben und aufgezogen auf Metallleisten (Wandbehang), 420 × 230 × 90 cm
Foto: Stefan Altenburger Photography Zürich - Eigentümervertretung Immobilien Stadt Zürich
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