Licht, Luft und Wind spielen im Quartier am Fusse des Uetlibergs seit langem eine wichtige Rolle. Als in den 1920er-Jahren die dortige Gartenstadt entstand, galten sie als elementare Kräfte gegen die Enge der Wohnblöcke – sie sollten den Arbeiter*innen durch Durchlüftung und Grün ein klimatisch heilsames Umfeld eröffnen. Eine soziale Utopie, die im Schatten des Landesstreiks, nicht zuletzt mit volkspädagogischer Absicht angereichert, tragfähig wurde: In den Gärten sollte nicht nur Gemüse wachsen, sondern auch soziale Stabilität. Im Zuge der vom Menschen verursachten Klimaveränderungen erhalten Licht, Luft und Wind heute im Quartier eine neue Ausprägung. Die 2025 fertiggestellte Schulanlage Borrweg ist längs zum Hang ausgerichtet, sodass die Kaltluftströme vom Uetliberg in das dicht bebaute Zürich gelangen können. Ihre markanten Brise soleil (horizontale Elemente an der Fassade) sorgen darüber hinaus für ein angenehmes Raumklima in den Klassenzimmern.
Licht, Schatten, Wind und Pädagogik stehen auch im Zentrum von Judith Kakons Arbeit «HORT». Die Künstlerin ersetzt in ihrer Kunst-und-Bau-Arbeit einzelne Brise soleil durch skulpturale Varianten: eine Markise, eine Zeltgruppe, eine Pergola. Sie eröffnet damit eine Typologie alltäglicher Schutzarchitekturen, die sie ihren ursprünglichen Kontexten entnimmt und in die metallene Realität industrieller Produktion übersetzt. Die Elemente sind aus verzinktem Stahl gefertigt, teils aus Lochblech, Gitterrosten oder Rundrohren, verschweisst und verschraubt in bauseits vorbereitete Rahmen. In Materialität und Oberfläche passen sie sich der Architektur an, unterbrechen jedoch den Rhythmus der Fassade und die exakt auf Sonnenstand und Jahreszeiten abgestimmte Beschattung. Sie machen sichtbar, was die Brise-Soleil sonst unauffällig leisten: die Übersetzung des Laufs von Sonne und Jahreszeiten in Beschattung. Zugleich verschieben sie den Fokus von stiller Regulierung hin zu einer bewussten Wahrnehmung von Licht und Schatten.
Eine Schule ist keine autarke Einheit; Lernen geschieht nicht abseits, sondern mitten in der Gesellschaft. Ebenso wenig ist ein Quartier durch feste Grenzen zu fassen: Es ist Teil eines grösseren Beziehungsnetzes, geprägt von Austausch und vielfältigen Verflechtungen und Abhängigkeiten. Die Kaltluftströme, die vom Uetliberg herabziehen, reichen bis weit in die Stadt hinein. In der Arbeit der Künstlerin finden diese unsichtbaren Bewegungen eine Form: An der Fassade und am Pavillon des Pausenhofs sind Rotoren und metallene Fahnen angebracht, die auf jeden Luftzug reagieren und so die Durchlässigkeit zwischen Quartier und Landschaft, zwischen Schule und Umgebung markieren. Dabei handelt es sich nicht um Messgeräte im technischen Sinn, sondern um sinnliche Indikatoren: einfache Konstruktionen – zwischen Anemometern, Wetterfahnen und Windspielen aus Kinderhand –, die sichtbar machen, was sonst nur als flüchtiger Hauch erfahrbar wäre.
Der Gedanke der Beschattung endet nicht an der Fassade. In der Arbeit «HORT» findet er eine Fortsetzung im Unterricht, wo die Schüler*innen Sonnenhüte und Caps entwerfen. Judith Kakon stellte den Lehrer*innen Schnittmuster und Materialien bereit, sodass sich das architektonische Prinzip für die Kinder in eine körperliche Erfahrung übersetzen lässt.
Judith Kakons Arbeiten entstehen meist aus Beobachtungen des Stadtraums und seiner implizit politischen und ideologischen Gestaltung. Indem sie alltägliche Strukturen verschiebt oder transformiert, legt sie deren doppelte Funktion frei – als Instrumente der Regulierung und zugleich als ästhetische Formen. Ihr Blick auf das Urbane richtet sich so auf das Spannungsfeld von Nutzung und Kontrolle, von praktischer Funktion und symbolischer Aufladung. Mit «HORT» übersetzt Kakon ihre Beobachtungen des Urbanen in eine architektonische und pädagogische Erfahrung. Schutzarchitekturen und Windanzeiger verbinden Schulraum und Stadtraum – und machen sichtbar, dass Lernen, Klima und Architektur Teil eines gemeinsamen Gefüges sind.
Text: Luca Beeler