Zürich ist eine Stadt der Gewässer: Am Zürichsee gelegen, durchfliessen neben der Limmat und der Sihl weitere Gewässer die Stadt. Die skulpturale Installation «Water Bodies» in den drei inneren Lichthöfen des Amtshauses Walche bezieht sich auf die historische, soziale und kulturelle Bedeutung dieser Gewässer: In unterschiedliche Abschnitte geteilte Wasseradern der Stadt liefern die Form für die Hängeobjekte.
Ausgangspunkt für die Installation «Water Bodies» ist die Tatsache, dass das Amtshaus Walche direkt am Zusammenfluss von Limmat und Sihl liegt. Die 39 hängenden Glasobjekte sind eine massstabgetreue Reproduktion ausgewählter Segmente von Limmat, Sihl und Schanzengraben. Ausgehend von Übersichtskarten aus verschiedenen Jahrhunderten hat der Künstler mögliche Gewässerläufe eruiert. Unterbrechungen durch Infrastrukturbauten – beispielsweise eine Brücke – zerschneiden den Gesamtlauf einer Wasserader in verschiedene Teile und bestimmen die Länge und Grenzen der Umrisse.
Die Zersplitterung der an simplen Stahlseilen abgehängten Objekte in den Lichtschächten ist Intention: «Water Bodies» ist kein schmuckes Mobile oder poppiges Design. Vielmehr sind es isolierte und in den Raum zersprengte Wasserkörper von Zürichs Wasserplan. Und immer auch: ein Spiel mit Farb- und Fliessverläufen, mit Lufteinschlüssen und Krümmungen, das die Bewegungen und Offenheit des Wassers ästhetisch wiedergibt.
«Der reissende Strom / wird gewalttätig genannt / Aber das Flussbett, / das ihn einengt / Nennt keiner gewalttätig.» Bertolt Brecht, «Über die Gewalt»
Obwohl jeder Fluss den gleichen hydraulischen Gesetzen unterliegt, hat er seine eigene Persönlichkeit und Geschichte“, schreibt der Anthropologe James C. Scott. „Es macht also Sinn, von der Lebensgeschichte eines bestimmten Flusses zu sprechen, von seiner Öko-Biografie.“
Doch trotz der Verflechtung des Unvereinbaren – der universellen Naturgesetze und der Kontingenz der Geschichte der Flüsse – die Flüsse werden auseinandergerissen, je nach dem, was wir von ihnen wollen – und verstehen wollen.
In other words, fragmented knowledge. Exploded hydrography.
Flüsse können Trinkwasser sein. Sie können Ressource für die Bewässerung von Anbauflächen oder für die Ablagerung von nahrhaftem Sediment sein. Sie können potenzielle Staustufen zur Stromerzeugung sein oder sie können die Überflutung wertvoller Grundstücke verhindern. Sie können auch schiffbare Durchgangswege für den Transport von Gütern sein oder einfach nur ein bequemes Abwasserentsorgungssystem.
Alles hängt von den jeweiligen Perspektiven ab: Von der einer Wasserbauingenieur*in, einer Gesundheitsbehörde, von Landwirten, Kaufleuten, Schifffahrtsunternehmen, einer Gerberei, einer Zementfabrik oder einer chemischen Industrie. Alles unterschiedliche Perspektiven „zum Nutzen der Menschheit“, stellt der Anthropologe fest. “For the benefit of humankind,”
«Der reissende Strom / wird gewalttätig genannt / Aber das Flussbett, / das ihn einengt / Nennt keiner gewalttätig.»
Es hängt alles davon ab, wie wir den Fluss kennen und nutzen.
Wir spazieren am Fluss entlang, ruhen uns an seinen Ufern aus, baden im Fluss und fotografieren den Fluss. Auf diese und andere Art und Weise lernen wir den Fluss kennen – ein Erfahrungskapital.
Um Flüsse zu verstehen, müssen wir uns mit dem auseinandersetzen, was der Politikwissenschaftler und Anthropologe als „Flusszeit“ bezeichnet: als River Time. Die Lebensspanne von Flüssen ist länger als die von uns Menschen. Er schlägt vor, dass unsere Standardeinheit das Leben eines Flusses sein sollte. Wenn wir eine solche Perspektive einnehmen, weichen wir von unserer Tendenz ab, vom geschrumpften zeitlichen Raum von nur gerade drei Generationen zu denken (unsere Eltern, wir selbst und unsere unmittelbaren Nachkommen).
«Der reissende Strom / wird gewalttätig genannt / Aber das Flussbett, / das ihn einengt / Nennt keiner gewalttätig.»
Ich bin zum ersten Mal auf Bertolt Brechts Zitat gestossen, als Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas, es verwendete, um den Zusammenhang zwischen staatlicher Gewalt und Widerstandsbewegungen zu verdeutlichen.
Widerstand, so argumentierte sie, kann nur dann als Terrorismus bezeichnet werden, wenn die staatliche Gewalt entweder ausgeblendet oder akzeptiert und normalisiert wird.
«Der reissende Strom / wird gewalttätig genannt / Aber das Flussbett, / das ihn einengt / Nennt keiner gewalttätig.»
To normalize is to obliterate, to naturalize is to write it into law—the so-called natural nature of laws.
Eines ist sicher: Flüsse und ihre Eigenschaften eignen sich für eine metaphorische Rhetorik. They are conducive to theories and knowledge.
Denn Vergleiche und Analogien dienen der Sinngewinnung. Daher ging es beim künstlerischen oder wissenschaftlichen Darstellen (der Welt) nie darum, sie zu duplizieren oder zu imitieren. Vielmehr war es immer eine Geste des Erfassens und der Aneignung – das wahre Gesicht der Wissensproduktion.
A nurturing act, they say.
Kann die Kunst und ihre rhetorische Methode, d. h. eine nicht-wörtliche Verwendung von Phänomenen, das hervorbringen, was wir Realität nennen? Oder kann die Kunst sich zu einem gesetzlichen Rahmen kristallisieren? Dem Gesetz der Natur?
Darstellen, was nicht ist. Schaffen, was nicht ist.
“What is a river, anyway? A river’s name evokes its representation on a map, its path through the landscape,” a well-behaved water body. Ein braves Gewässer.
«Der reissende Strom / wird gewalttätig genannt / Aber das Flussbett, / das ihn einengt / Nennt keiner gewalttätig.»
«Warum, so könnte man sich fragen, übersehen wir Kleinstwasserströme, die es nicht auf die Karte schaffen, weil sie zu klein oder saisonal sind? Jeder Nebenfluss hat seine eigenen Nebenflüsse, und diese wiederum sind die Rinnsale des Wassers, das ebendiese bildet» erinnert uns James C. Scott.
Sobald es durch die Stadt fliesst und in einen Kanal gezwungen wird, erhält dasselbe Wasser aus den Bergen neue Konnotationen – soziale, politische, ökologische -, denen man nicht so leicht ausweichen oder sie ignorieren kann.
«Der reissende Strom / wird gewalttätig genannt / Aber das Flussbett, / das ihn einengt / Nennt keiner gewalttätig.»
Verlockend ist die Vorstellung, dass sich das städtische Leben mit und um ein Gewässer herum entwickelt hat, was als symbiotische Beziehung zwischen dem Wasser und den Stadtbewohner*innen beschrieben werden kann.
Michel Serres schlug 1990 einen „Contrat de symbiose“ (Symbiose als Naturvertrag) vor und plädierte für eine Verschiebung der Anerkennung und des Handelns gegenüber der „Natur.“ Leider ist dieser Vorschlag noch immer von einer allzu klaren Vorstellung davon durchdrungen, was „Natur“ ist und was sie nicht ist.
In der Zwischenzeit haben andere Beobachtungen und Wissenschaftler*innen ein komplexeres und nuancierteres Verständnis von einer symbiotischen Beziehung angeboten. (Ich denke dabei an Lynn Margulis, Isabelle Stengers, Anna Tsing, Thom van Dooren, Deborah Bird Rose, Donna Haraway und viele andere mehr.) Allerdings gibt es zu viele rhetorische Hindernisse, die ein vollständiges Verständnis davon verhindern, wie eine symbiotische Beziehung entstehen könnte: Ist sie mutualistisch, kommensalistisch oder parasitär? Was ist, wenn alle drei Varianten zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Modalitäten zutreffen?
Konzepte und Beobachtungen werden von moralischen Urteilen über das, was gut oder schlecht ist, geplagt. Ist es eine gute oder schlechte symbiotische Beziehung? Und doch könnte man einwenden, dass Flüsse gut sind, um mit ihnen zu denken. “Rivers are good to think with.”
«Der reissende Strom / wird gewalttätig genannt / Aber das Flussbett, / das ihn einengt / Nennt keiner gewalttätig.»
James C. Scott reminds us that “the example of river management offers an ideal metric for the Anthropocene alone”—violence of another scale, I would add.
Brücken und Dämme verändern unsere Wahrnehmung, das heisst, sie verändern das, was wir als das Wesen des Flusses bezeichnen könnten. Der imaginäre Fluss wird unterbrochen oder umgeleitet, und das Hindernis, das er darstellt, wird umgangen oder überwunden.
What are these glass bodies, anyway? Was sind diese Glaskörper eigentlich? Sind sie eine Kopie, eine Reproduktion, eine Analogie, ein Kommentar zu den Gewässern von Zürich? Die rhetorischen Fragen zielen weder darauf ab, eine Antwort zu geben noch sie zu verwerfen. Vielmehr verweisen sie auf einen Raum zum Innehalten, Verweilen und Ausruhen.
They point to a space to pause, linger, and rest.
Grün, braun oder rosa sind die Farben der Flüsse, die die Stadt zu verschiedenen Zeiten und Jahreszeiten durchqueren. Farbe des Glases. Die Farbe von Altglas. Erinnerungen an unerfüllte Sehnsüchte.
Glas, sagen Wissenschaftler*innen, ist ein amorpher Feststoff. Obwohl die atomare Struktur von Glas Merkmale einer unterkühlten Flüssigkeit aufweist, besitzt Glas alle mechanischen Eigenschaften eines Festkörpers.“
What are these glass bodies, anyway?
Flüsse sind, wie das Wasser, manchmal sichtbar und manchmal unsichtbar; sie werden ignoriert oder je nach unseren Bedürfnissen genossen.
Das Wasser formt Körper, der Fluss formt die Landschaft.
Wir brauchen sie, aber wir vergessen sie. Flüsse, wie das Wasser, ruhen innerhalb unserer Aufmerksamkeitsspanne, moduliert von Mangel und Überfluss.
Man sagt, dass Skulpturen, wie Denkmäler im öffentlichen Raum, Präsenzen sind, die nach einer Periode der Prominenz langsam in Vergessenheit geraten. Anfänglich können sie Räume verbiegen und die Aufmerksamkeit der Passanten fesseln, doch mit der Zeit bleiben sie unbemerkt, wie das Hintergrundgeräusch einer lauten Sinfonie.
Aufmerksamkeitsspanne moduliert von Mangel und Überfluss.
What is a well-behaved sculpture, anyway? What is its essence?
Chus Martínez hat kürzlich Jean-Paul Sartres berühmtes Motto «L’existence précède l’essence», Die Existenz geht dem Wesen voraus“ umgedeutet. Sie schreibt: „Die Existenz ist die Einsicht, dass das Leben keinen Sinn a priori hat, und dass wir das Sinnvolle gemeinsam konstituieren.“
«Der reissende Strom / wird gewalttätig genannt / Aber das Flussbett... »
- Kunst Pascal Schwaighofer (*1976), Zürich (CH) und Ithaca (USA)
«Water Bodies», 2025
Glas gegossen, Stahlseil; 39-teilig in 3 Lichthöfen, 3 x 4 x 16m pro Lichthof
Foto: Stefan Altenburger Photography Zürich - Projektleitung Yvonne Volkart, kuratiert mit Felicity Lunn und Irene Grillo
- Bauherrschaft Stadt Zürich
- Eigentümervertretung Immobilien Stadt Zürich
- Bauherrenvertretung Amt für Hochbauten
- Bauzeit 2020–2024
- Zugang barrierefrei
- Es sind keine Behindertenparkplätze verfügbar.
- Es ist 1 Behindertentoilette verfügbar.