Jakob Gubler war einer der Ersten, der in den 1920er-Jahren vom städtischen Programm zur Arbeitsbeschaffung für «notleidende» Künstler profitierte. Von Stadtbaumeister Hermann Herter unterstützt sah die Zürcher Regierung nach dem Ersten Weltkrieg die Bemalung von kommunalen Bauten vor und veranstaltete zu diesem Zweck zahlreiche Wettbewerbe. Beflügelt wurde diese soziale Initiative von der Idee der «farbigen Stadt», einer Bewegung, die in Deutschland aufgekommen war und bald auch bei uns an Boden gewann. Gubler nahm schon am ersten, 1920 ausgeschriebenen Wettbewerb für eine Fassadenmalerei teil. Gefragt waren Entwürfe zur Bemalung des Hauses «zum Rüden» am Limmatquai. Gublers Eingabe kam nicht in die ersten Ränge, wurde aber durch einen Ankauf ausgezeichnet. Die Teilnahme am Wettbewerb zur farbigen Ausgestaltung der Eingangshalle im Amtshaus I machte ihn zum Mitarbeiter von Augusto Giacometti, der diese Konkurrenz mit Abstand gewonnen hatte. Während zwei Jahren, 1923/24, war er unter dessen Leitung mit den Decken- und Gewölbefresken beschäftigt, die Zürich einen einzigartigen, sakral wirkenden Farbraum bescherten. Sein Name ist gross an einem Gurtbogen der Giacometti-Halle – auch «Blüemlihalle» genannt − verewigt, zusammen mit denen von Franz Riklin und Giuseppe Scartezzini, Giacomettis anderen zwei Gehilfen. Von Gublers Frühwerk ist so gut wie nichts bekannt. Einst eine ernstzunehmende Grösse im Zürcher Kunstbetrieb, ist er nach und nach gänzlich in Vergessenheit geraten. Das wenige, was man weiss: Der 1891 in Zürich geborene Jakob Gubler besuchte 1906 die Kunstgewerbeschule in Zürich und machte von 1907 bis 1910 eine Lehre als Theatermaler am Zürcher Stadttheater. Er besuchte anschliessend in den Wintersemestern die Académie de la Grande Chaumière in Paris, sah sich in Bornholm, Dresden, Rom und dem Tessin um, bevor er sich in Zürich und ab 1925 in Zollikon niederliess.
1926, im selben Jahr, in dem er Lehrer an der Zürcher Kunstgewerbeschule wurde, übertrug man ihm die Fassadenmalerei der neuen städtischen Wohnsiedlung Birkenhof. Die nach Plänen der Architekten Albert Froelich, Karl Kündig und Heinrich Oetiker gebaute Siedlung umfasst 16 unterschiedliche Mehrfamilienhäuser und ist als offene Hofrandbebauung angelegt, zum mächtigen Schulhaus Birkenhof ausgerichtet. Die Anlage ist grosszügig, fast schon feudal, und zeugt vom Selbstbewusstsein einer sozial eingestellten, zukunftsgläubigen Regierung. Es war der Beginn des «Roten Zürich». Wie bei ähnlichen städtischen Aufträgen in dieser Zeit hatte Jakob Gubler andere mittellose Maler beizuziehen. Es wurden sieben: Neben Giuseppe Scartezzini, mit dem er im Amtshaus I zusammengearbeitet hatte, Heinrich Appenzeller, Pierre Gauchat, Wilhelm Hartung, Otto Lüssi, Max Tobler und Oscar Weiss. Sie waren unterschiedlichen Alters, aber ausnahmslos eigenständige Gestalter. Gubler war für die Bemalung der fünf vier- bis fünfgeschossigen Häuser an der Schaffhauserstrasse zuständig, für die Fassaden und die markanten Erker zu beiden Seiten. Er bekam dafür 4‘500 Franken, gut ein Drittel der für die ganzen «dekorativen Malereien» vorgesehenen Summe.¹ Vier seiner Mitarbeiter (Appenzeller, Gauchat, Tobler und Weiss) waren einzig mit der Ausmalung der Treppenhäuser beschäftigt. Diese Dekorationen gibt es nicht mehr, sie müssen bei der Renovation von 1973/74 überstrichen worden sein. Jakob Gubler setzte über die einzelnen Hauseingänge ein über drei Stockwerke führendes Geviert, in dem Figürliches und reines Dekor teppichartig verwoben sind. Alle diese Bildfelder enthalten ein Motiv, das den Themenkreisen Familie, bäuerliche Arbeit und Freizeit zuzuordnen ist. Man erkennt ein Paar mit Hund, das es sich auf dem Boden ruhend wohl sein lässt, ein Paar bei der Feldarbeit, eine Mutter mit zwei Kindern, drei Kinder beim «Blinde Kuh»-Spiel und einen Schlittschuhläufer. Diese erzählerischen Darstellungen drängen sich nicht in den Vordergrund. Das liegt zum einen an der ornamentalen, wenig plastischen Malerei, zum anderen an der zurückhaltenden Farbigkeit. Aus der Entfernung nimmt man vor allem den speziellen Farbklang wahr. Ton angebend ist der gedämpft weinrote Verputz. Die Malereien sind in Rotocker-Grün gehalten, wobei das Grün mit der Farbe der Fensterläden korrespondiert. Gubler hat sein Werk auf der Fassade des Hauses an der Schaffhauserstrasse 109 signiert und datiert. Ikonographisch unterscheiden sich Gublers Bildmotive kaum von anderen Malereien an Arbeitersiedlungen in dieser Zeit. Auch sie beschwören ein zeitloses, ländliches Idyll, das mit dem Alltag der Bewohner*innen wenig zu tun hat. Jan Capol hat dieses Phänomen als «Sehnsucht nach Harmonie» bezeichnet.² Affirmativ und reichlich bieder sind im Birkenhof die in die Bildfelder integrierten Sprüche wie «Friede im Herzen / Sonnenschein im Haus» oder «Ost oder West / im Haus das Best». Für Jakob Gubler scheinen die Motive allerdings eher ein Vorwand für leichtfüssige, elegante Posen gewesen zu sein. So wird nicht klar, was die beiden jungen Leute auf dem Feld in den Boden stecken. Die Pflanzen, mit denen sie hantieren, haben sich zu ornamentalen, blütenartigen Elementen verselbständigt, die in einem umfassenden Dekor aufgehen. Seinen Figuren fehlt das Körperliche, dafür sind sie duftig und bewegt. Das zeigt sich auf den Erkern, in der abstrahierten Pferdeszene und an der Frau mit Tauben, in einer geometrisierenden Stadtlandschaft und an einem Mann mit einem Schaf.
So ungewöhnlich wie die Fassadenmalerei ist die Dekoration der Eingangsnischen bei den niedrigeren Häusern. Sie wurde Wilhelm Hartung, Otto Lüssi und Giuseppe Scartezzini übertragen. Es sind weitgehend abstrakte Muster, in die einzelne Tiere oder Pflanzen eingearbeitet sind. Die verschiedenen Handschriften sind gut unterscheidbar. Hartungs Bemalungen an der Guggachstrasse wirken etwas unbestimmt, dagegen muten die von Otto Lüssi bemalten Eingänge an der gegenüberliegenden Häuserzeile in ihrem strengeren, auch farblich dezidierteren Dekor erstaunlich modern an. Bemerkenswert ist auch der von Scartezzini ausgemalte Hauseingang am Schlatterweg 6. Sein Fresko mit schwarzen Vögeln zwischen weissen Blüten auf rotem Grund weist ihn als souveränen Schüler von Augusto Giacometti aus.
Text: Caroline Kesser
¹ «Akten und Pläne des Hochbauamtes 1881-1940» im Stadtarchiv Zürich, V.G.c.62:1.22.
² Jan Capol, Die Sehnsucht nach Harmonie. Eine semiotische und mentalitätsgeschichtli che Interpretation der Fassadenbilder der Zürcher Baugenossenschaften, Zürich: Chronos Verlag, 2000.