Mit der hohen, schlanken Stahlkonstruktion «Schräg im Gleichgewicht» im Klärwerk Werdhölzli und der bulligen «Pechmarie» in der Schulschwimmanlage Tannenrauch besitzt die Stadt Zürich zwei Grossplastiken von Jürg Altherr aus den achtziger Jahren. Unterschiedlich im Ausdruck, stehen beide für seine Leidenschaft, gewaltige Massen in ein labiles Gleichgewicht zu bringen. Beide Konstruktionen sind in jüngster Zeit restauriert worden. Die Plastik im Werdhölzli wurde im vergangenen Jahr nach einem vorübergehenden Abbau neu installiert.
Jürg Altherr (1944-2018) war nicht nur einer der herausragendsten Zürcher Plastiker; er hat sich ebenso für das Kunstleben der Stadt engagiert. Mit der Kunst als Lebensinhalt war ihm auch der Sinn für Kunstpolitik und Kunstpädagogik in die Wiege gelegt worden. Sein Grossvater, der Architekt Alfred Johann Altherr, war fast dreissig Jahre lang Direktor der Kunstgewerbeschule und des Kunstgewerbemuseums Zürich gewesen, wo er für die Ideale des von ihm mitbegründeten Schweizerischen Werkbunds einstand. Als Architekt, Industriedesigner (Entwerfer der berühmten «Landi Bank»), Lehrer und Mitbegründer der Zeitschrift «Bauen + Wohnen» führte sein Vater dessen Erbe weiter. Für Jürg Altherr war immer klar, dass sich Kunst nicht allein einer individuellen Begabung, sondern auch einem geeigneten Klima verdankt.
Die Stadt, in der er mit wenigen Unterbrüchen zeitlebens wohnte, war mitunter ein hartes Pflaster für ihn. Trotz begeisterter Unterstützung von Fachgremien kamen längst nicht alle Projekte wie geplant zustande. Das wundert nicht, war Altherr, der sich in den siebziger Jahren noch zum Landschaftsarchitekten ausbilden liess, doch alles andere als bescheiden. Mit seinem unhelvetischen Hang zum Monumentalen stiess er immer wieder auf Widerstand. Dieser scheint ihn aber nur angespornt zu haben und bestärkte ihn in seinem Anspruch, bis an die Grenzen des Machbaren zu gehen.
1979 hatte Jürg Altherr den städtischen Wettbewerb zur Gestaltung des Werdmühleplatzes gewonnen. Die Jury war von seiner Konstruktion mit den vier parallelen, leicht schräg gestellten und von Stahlseilen im Gleichgewicht gehaltenen Rohren beeindruckt, vermochte die Behörden aber nicht zu überzeugen. Zu seiner Enttäuschung konnte diese Monumentalplastik nicht in der Innenstadt realisiert werden. Altherr arbeitete am liebsten für konkrete Orte, in enger Beziehung zur umgebenden Architektur.
Den neuen Standort, das Klärwerk Werdhölzli, hätte er sich bestimmt nicht ausgesucht: ein Konglomerat von verschiedenen Bauten, mit zahlreichen technisch bedingten Elementen bestückt – keine markanten Fassaden, kein repräsentativer Platz. Dank seiner Lust am Lösen von scheinbar unmöglichen Aufgaben konnte Jürg Altherr schliesslich aber auch dieser Situation etwas abgewinnen.
Die einst als «Stahlkonstruktion XII» bezeichnete Plastik, die später den Titel «Schräg im Gleichgewicht» bekam, behauptet sich nun auf einer kleinen Terrasse vor dem Betriebsgebäude. Die vier parallelen, zwölf Meter langen Chromstahlrohre ragen wie überlange Bleistifte, auf den Spitzen stehend, von einem Zementsockel auf und werden von vier Seilen aufrecht gehalten, die an der Sockelplatte verankert sind, wodurch diese zu schweben scheint. Dass sie an Raketen denken lassen, hat mit ihrer Dynamik, aber auch mit der schimmernden Metalloberfläche zu tun. Bei bedecktem Wetter verleiht das irisierende Grau der profanen Anlage einen fast überirdischen Glanz.
Die gleichzeitig entstandene «Pechmarie» in der Schulanlage Tannenrauch ist wesentlich erdiger, will aber auch entdeckt werden. Sie steht in einem engen, nicht begehbaren Hof vor dem Hallenbad und ist für den Blick der Schwimmer*innen konzipiert. Eigentlich eine Freiplastik, entfaltet sie ihre Wirkung nur in Frontalansicht. Durch die Fensterfront betrachtet, wirkt sie wie ein grosses Tor, das dem Bau vorgelagert ist. Sie steht auf zwei dicken Beinen, die in scharfe Spitzen münden und wird von einer Spitzform bekrönt, über die ein am Boden verankertes Stahlseil gespannt ist. So hält sich der kolossale Körper in einem gewaltigen Kraftakt tänzerisch im Gleichgewicht.
Caroline Kesser