Altes Krematorium
8003 Zürich
In seiner neusten interdisziplinären Performance vermengt Ælia art collective Händel, Britten, Elektronik, Choreografie und Szenografie und mäandert dabei gewohnt lustvoll zwischen historischer und zeitgenössischer Aufführungspraxis.
ÆLIA art collective
Dora Alexiadou - Violine / Performance
Alex Jellici - Violoncello / Performance
Claudius Kamp - Blockflöten / Barockfagott / Elektronik / Performance
Michael Mogl - Gesang / Rezitation / Performance
Simon Wehrli - Tanz / Choreografie / Performance
Mathilde Biard - Bühnenbild
Urša Recer - Kostüme
Raphael Vuilleumier - Lichtdesign / Technik
Ausgehend von Georg Friedrich Händels Wassermusik taucht Ælia art collective zusammen mit seinem Publikum ab und wird zum Fischschwarm. So wird der Raum zum imaginären Ozean, der vieles (aus-)halten kann. neró sucht dabei den Weg des geringsten Widerstandes, weiss aber auch, dass steter Tropfen den Stein höhlt. neró ist wie ein Naturphänomen: Einnehmend und schwer vorauszusehen.
Im Jahr 1717 komponierte Georg Friedrich Händel für eine Bootsfahrt von König Georg I. auf der Themse die berühmte Wassermusik. Während der König auf einem Boot die Themse entlangfuhr, begleiteten ihn zwei weitere Boote mit Musikern – eine Inszenierung, die zugleich politische Botschaft und Unterhaltung war. Eine Geste die gleichzeitig Nähe und Distanz suggeriert. Die Lichtfigur auf dem Wasser lässt dabei unüberwindbare Gräben sichtbar werden: Auf der einen Seite vererbter Wohlstand, Ruhm und Macht – auf der anderen ein Volk, dessen echter Aufstieg nicht vorgezeichnet ist. Die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen zeigen uns, wie tief die Spaltung in unserer Gesellschaft nach wie vor reicht und weitergetrieben wird. So festigt sich der kollektive Glaube an Hierarchien, an Verdienst, an das Recht, mehr zu haben, weil man schon hat. In diesem Spannungsfeld wird neró (griechisch für „Wasser“) zu einer Versuchsanlage, in dem es zu einem Ort wird, in dem wir uns auf Augenhöhe begegnen, auch wenn uns das Wasser schon bis zum Halse stehen sollte. neró will mehr Fluidität im wahrsten Sinne des Wortes. Ælia art collective wählt dabei Wasser als das alles verbindende Element. Das Wasser, das den König trägt, das Wasser in unseren Körpern (bis zu 65%!), das Wasser auf dem Planeten (71%!), welches Leben überhaupt erst ermöglicht, das Wasser als Gleichmacher. Denn ohne Wasser wären wir alle nicht hier, weder als König:innen, noch als Komponist:innen, noch als Publikum.
Als Ergänzung zu Händel werden Auszüge aus der Serenade für Tenor, Horn und Streicher von Benjamin Britten (in dessen 50. Todesjahr) bearbeitet. Im Gegensatz zur Wassermusik fehlt diesem Werk jegliches royale, pompöse und einende Element. Es ist eine höchst intime Musik, welche die Nacht und die Natur besingt und so auch das Individuum und seine Verletzlichkeit in den Fokus rückt. Zusätzlich wird mit einer elektronischen Klangebene gearbeitet, welche Wasser als akustischen Raum zwischen Distanz und Resonanz erkundet. Diese Klangebene versteht sich nicht als Ergänzung zu Händels und Brittens Klangsprache, sondern als deren atmosphärische Spiegelung in einer anderen Dimension.
Ælia art collective versteht neró als choreographiertes Konzert oder als konzertante Choreographie, in welchem sich Musik und Bewegung gleichermassen bereichern. Das Publikum seinerseits kann seine Perspektive wählen und sich frei im Aufführungsraum bewegen. Metaphorisch betrachtet befindet sich das Publikum sozusagen in denselben Gewässern wie die Performer:innen. Ælia art collective arbeitet dabei mit Gegensätzen wie Nähe und Distanz, Licht und Dunkelheit, Verlust und Neubeginn. Letzteres könnte fast in biblischem Ausmass verstanden werden: Einmal sintflutartig alles auswaschen, aushöhlen, abtragen, so dass Neues entstehen kann.