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«Da kommt ja mein Bodyguard» - Porträt des freiwilligen Helfers Simon Müller

News

10. Juni 2020

Schweizweit engagierten sich während der Corona-Pandemie zahlreiche Helferinnen und Helfer ehrenamtlich. Wir haben mit einem Helfer des Alterszentrums Limmat gesprochen. 

Simon Müller (38 J.) erfuhr über seine bei der Stadt Zürich arbeitende Partnerin davon, dass die Alterszentren Stadt Zürich für die Zeit der Corona-Pandemie freiwillige Helfer suchten. Herr Müller ist Leiter Fundraising bei der Rheumaliga Schweiz und macht aktuell seinen Masterabschluss im Fachgebiet Public Health.

Was hat Sie dazu bewegt, sich bei den Alterszentren zu melden und helfen zu wollen?
Eine Pandemie ist eine völlig aussergewöhnliche Situation. Ich wollte helfen und mich einbringen. Früher habe ich bereits mehrere Feldeinsätze bei «Ärzte ohne Grenzen» gemacht und war mehrmals zwischen zwei und sechs Monaten im Notfalleinsatz, zum Beispiel während der Ebola-Epidemie in Sierra Leone. Dort war ich zuständig für die administrativen Aufgaben des Projekts.
Meine Mutter war 30 Jahre lang im Alterszentrum Limmat als Pflegefachfrau im Nachtdienst tätig. Daher fühle ich mich dem Alterszentrum Limmat verbunden.

Wie viel Zeit konnten Sie aufbringen pro Woche? Wie viele Tage waren Sie im Einsatz?
Mein erster Einsatztag war Ende April. Im ersten Monat war ich jeweils zwei Nachmittage und einen Tag am Wochenende im Einsatz, mittlerweile komme ich an einem Nachmittag pro Woche. Meinen vorerst letzten Einsatz habe ich voraussichtlich Mitte Juni. Ich möchte aber gerne auch nach der Pandemie weiter als Freiwilliger im Alterszentrum Limmat arbeiten.
Ich habe mit meinem Arbeitgeber über diese Einsätze gesprochen und viel Verständnis und Entgegenkommen erfahren. Zum Teil habe ich dafür Urlaub genommen, zum Teil erhielt ich auch frei für die Einsätze.

Wie wurden Sie vor Ihrem ersten Einsatz geschult?
Es gab Schulungen zum Thema Hygiene und Schutzmassnahmen. Während meiner Einsätze war das Tragen von Maske und konsequente Handhygiene natürlich Pflicht.

Bei welchen Tätigkeiten haben Sie die Bewohnenden und Mitarbeitenden des Alterszentrums Limmat unterstützt?
Es ging vor allem um einfache Tätigkeiten und natürlich den sozialen Kontakt. Als Hauptaufgabe, das hat sicherlich 80% ausgemacht, kann ich das Begleiten bei Spaziergängen nennen. Ich habe auch Botengänge erledigt, beim Servieren des Mittagessens geholfen, Tische abgeräumt und auch einfach mal mit den Bewohnenden Spiele gespielt, mich unterhalten und Gesellschaft geleistet.

Was zeichnet Sie besonders aus im Umgang mit hochaltrigen Menschen?
Durch meine Arbeit bei der Rheumaliga bin ich sicherlich sensibilisiert für Themen des Alters und aufgeschlossen im Umgang mit Hochaltrigen.
Als «Externer» konnte ich den Bewohnenden oftmals so etwas wie eine Aussensicht der Situation schildern. Und ich habe versucht, Verständnis für die Sorgen, Ängste oder Unmut der Bewohnenden aufbringen zu können und sie ernst genommen.

Was hat Ihnen besonders Freude gemacht?
Der Kontakt mit den Menschen hat mir viel gegeben. Die Bewohnenden sind sehr herzig und machen es einem einfach. Ich habe viele tolle Geschichten gehört, das ist «living history» dort im Limmat! Was ich alles für Sachen gehört habe aus der früheren «Räuberhöhle» Langstrasse und Kreis 5, ich sag's Ihnen!
Besonders schön zu erleben fand ich, wie die Hochaltrigen auf ihr Leben zurückschauen und was sie als wichtig empfinden. Das gibt einem selber auch einen andren Blick darauf, was wirklich wichtig ist im Leben.

Welche Momente haben Sie in besonderer Erinnerung?
(lacht) Einmal warteten bei meiner Ankunft bereits zwei Damen in voller Ausgehmontur mit Mantel im Eingangsbereich auf dem Sofa auf mich und sagten: «Da kommt ja mein Bodyguard!». Auch erinnere ich mich gut daran, hier und da durch Gespräche vielleicht auch etwas Angst vor der Situation genommen zu haben.
Und trotzdem war nicht immer alles nur positiv und schön. Natürlich gab es auch schwierige Momente. Der Muttertag zum Beispiel war erfüllt von vielen Besuchen (Anm. d. Red.: damals in Besuchsboxen / -zelten möglich), fröhlichen Gesichtern und Freude über das Wiedersehen. Aber durch das Distanz halten müssen hatte der Tag auch eine gewisse Schwere.

Wir bedanken uns herzlich für Ihr Engagement und das Interview.

Das Interview führte Julia Marti am 3.6.2020.