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Blog «Wir pflegen. Zürich.»

Die 1:1-Betreuung in Thailand

Veröffentlicht am Dienstag, 26. Februar 2019 um 07.55 Uhr
Von Tadej Debeljak
In der Betreuung können enge Beziehungen entstehen

Wir haben Zeit. Wie oft kann man sowas bei der Arbeit sagen? Selten oder? Gibt es etwas Besseres, als wenn man beim Arbeiten nicht ständig pressieren und auf die Uhr schauen muss?

  

Spiel und Spass im Freien

Es wird ja ständig erklärt, wie wichtig es ist, auf die persönlichen Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner einzugehen. Das ist es! Aber ist es auch immer möglich? Mit der 1:1-Betreuung sind die Prioritäten hier in Thailand anders gesetzt. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden praktisch jeden Tag, morgens und abends, geduscht. Dafür kriegt man so viel Zeit, wie man braucht. Das Personal hat viel Zeit für verschiedene Aktivitäten mit den Bewohnerinnen und Bewohnern: Spazieren, Schwimmen im Pool, Ausflüge, Gesellschaftsspiele usw. Tagtäglich und ohne Zeitbeschränkung. Wie viel die Bewohnerinnen und Bewohner davon mitkriegen, ist schwierig zu sagen. Es wirkt sich aber gut auf ihren körperlichen Zustand aus. Praktisch alle, die im Rollstuhl sitzen, legen täglich eine Strecke von ungefähr 200 Metern zu Fuss zurück. Wahrscheinlich seid ihr jetzt ein bisschen verwirrt, das war ich auch. Ich dachte, mir setze die Hitze etwas zu, als ich einmal am Morgen einen Bewohner im Rollstuhl sah und denselben am Nachmittag mit seiner Betreuerin, wie sie Hand in Hand durch das Dorf spazierten, ohne Rollstuhl. Aufgrund der 1:1-Betreuung benötigen die Bewohnerinnen und Bewohner weniger Medikamente, die das Verhalten beeinflussen. Bei Verhaltensauffälligkeiten steht immer eine Person zur Verfügung. Wenn ein Bewohner z. B. oft sehr unruhig ist, kann er durch das Dorf spazieren. Der Betreuer ist ja die ganze Zeit in der Nähe. Und durch die umfangreiche Bewegung sind sie am Abend so müde, dass die meistens die ganze Nacht durchschlafen. Es ist interessant zu sehen, wie in einer anderen Kultur und mit anderen Voraussetzungen andere Betreuungsmodelle funktionieren können.

Verschiedene Menschen, verschiedene Beziehungen

Jeder Mensch ist ein bisschen anders, dadurch unterscheiden sich auch die Beziehungen zwischen Menschen. Wenn man mit jemandem nicht klarkommt, ist das nicht so tragisch. Mindestens, solange man sich aus dem Weg gehen kann. Was ist aber, wenn ein Bewohner seinen Betreuer nicht sympathisch findet? Auch das kann passieren. Bei der 1:1-Betreuung kann man nicht einfach nach ein paar Stunden sagen: «Ich kümmere mich jetzt um eine andere Person.» Das kann zur Herausforderung dieses Betreuungsmodells werden. Wie komme ich darauf?

Immer in Begleitung

Genau, bei wem hätte schon so etwas passieren können, wenn nicht bei mir?! Ich möchte euch von meiner speziellen beruflichen Erfahrung/Beziehung berichten:
Ich betreute am Anfang einen Bewohner, der eine Art Charmeur ist und die Gesellschaft der Frauen geniesst. Er wird auch nur von Frauen betreut. Und dann kam ich dazwischen. Die ersten paar Dienste liefen reibungslos und bereiteten uns gegenseitig Spass. Auf einmal reagierte er sehr ablehnend. Es dauerte eine Weile bis ich checkte, wo das Problem lag. Es ging schon wieder um die Frauen. Da er jetzt weniger Aufmerksamkeit kriegte und nicht mehr «der einzige Hahn im Korb» war, fühlte er sich wohl ein bisschen auf die Seite geschoben. Das Team erkannte die Situation sehr schnell. Es gab immer wieder Momente, auf die sie kaum warten konnten (ausser ich ab und zu).

Da er sich echt gut ausdrücken kann, kamen ständig herrliche Bemerkungen, wenn ich in der Nähe war: «Schon wieder du?!» «Hast du nichts Besseres zu tun, als hier rumzuquatschen?» Oder: «Ahh, nur noch das hat gefehlt! Seit er da ist, nimmt mich keine mehr ernst.» Ich entschied mich, ihm mehr Distanz zu geben. Was passierte? Er kam auf mich zu und wollte eine Art Beziehung aufbauen. Ich konnte es nicht glauben. Ich bereitete ihm Stress, ohne mich war es ihm aber auch langweilig. Einmal kam er zu mir und sagte: «Junge! Du hast deinen Besuch überhaupt nicht angekündigt, deshalb hast du auch keine Berechtigung, hier zu sein. Also, Abmarsch!» Dies fiel auch Martin Woodtli auf und so entschied er, mit dem Bewohner zu sprechen. Ich sei ein Praktikant hier, sagte er zum Bewohner. Und dann kam die Antwort: «Ah so, ein Praktikant, na ja, er scheint mir aber nicht so praktisch zu sein» (lach). Seither hat sich aber unsere Beziehung verbessert und ich darf ihn unangekündigt besuchen.

In meinem nächsten Blog werde ich mich vom Baan Kamlangchay verabschieden. Was an den letzten Tagen los war, erfährt ihr bald.

Wir pflegen. Den Austausch.

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Informationen zum Traumpraktikum Pflege

Das Zentrum Baan Kamlangchay in Thailand bietet Kurz- und Langzeitbetreuung für ältere Menschen an – vorwiegend aus dem deutschsprachigen europäischen Raum.
Die 12 bis 14 demenzkranken Gäste des Zentrums werden von jeweils drei persönlich zugeteilten Betreuerinnen und Betreuern in drei Schichten betreut.

Die Pflegezentren ermöglichen ausgewählten Mitarbeitenden ein Praktikum in diesem Zentrum. Dafür mussten sich die interessierten Pflegefachpersonen HF intern bewerben und einige Bedingungen erfüllen.

Das Praktikum dauert vier Wochen. Die Mitarbeiterin/der Mitarbeiter pflegt, betreut und unterstützt die Gäste des Zentrums in ihrem Alltag, wohnt auf dem Gelände des Zentrums und kann auch die Freizeit mit dem Personal des Zentrums verbringen.

Im April 2018 war Denise Bellwald, Berufsbildungsverantwortliche im Pflegezentrum Bachwiesen, in Thailand. Im November hat Sven Brenner, Berufsbildner Pflege und Betreuung im Pflegezentrum Bombach, sein Praktikum angetreten. Nun ist Tadej Debeljak, dipl. Pflegefachmann HF im Pflegezentrum Entlisberg, nach Thailand aufgebrochen.

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