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Angehörige

Die Unterstützung eines kranken Familienmitglieds kostet viel Kraft. Wir wollen Ihnen dabei helfen, eine Abhängigkeit zu verstehen und Ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen realistisch einzuschätzen.

Angehörige

Sucht betrifft uns alle

Auch dann, wenn nur einer der Beziehungspartner oder eines der Familienmitglieder ein Suchtverhalten aufweist, wirkt sich die Abhängigkeitserkrankung auf alle aus.

Der regelmässige Konsum verändert die Persönlichkeit des Betroffenen, führt zu Konflikten, Verlustängsten, enttäuschten Erwartungen, finanziellen Sorgen und teilweise gar zu Gewalt.

Kontakt & Anmeldung

Suchtfachklinik Zürich
Leitung & Administration
Emil-Klöti-Strasse 18
8037 Zürich

Ein Familienmitglied zeigt ein ausgeprägtes Suchtverhalten?

Wir sind für Sie da, unterstützen Sie mit einer persönlichen Beratung und den passenden Angeboten.
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Reto, 27 Jahre alt

Interview mit einem Patienten im Entzug der Suchtfachklinik Zürich

0:02 Sie hören einen Audiobeitrag der Suchtfachklinik Zürich.
0:06 Die folgenden Aussagen stammen von einem Patienten der Suchtfachklinik Zürich.
0:11 Aus Diskretionsgründen wurde der Name geändert und die Antworten von einem Schauspieler neu
0:17 eingesprochen.
0:18 Reto, wie bist du in die Abhängigkeit geraten?
0:22 Ich bin mit etwa 15 Jahren ins Heroin abgerutscht, um die ganzen Situationen, die ich damals
0:28 erlebte, zu verdrängen und zu vergessen.
0:30 Meine Mutter hatte Alkoholprobleme, ich habe Gewalt erlebt.
0:34 Das war wohl der Auslöser, so ist die Sucht entstanden und hat sich seither durch mein
0:38 Leben gezogen.
0:39 Die Drogen waren da, um all die Gefühle und Erinnerungen von damals zu verdrängen und
0:44 nicht daran arbeiten zu müssen.
0:45 Jetzt muss ich daran arbeiten – und das ist gut so.
0:48 Du hast gesagt, du seist in einer Massnahme.
0:52 Was bedeutet das?
0:53 Ich hätte eigentlich vier Jahre Gefängnis absitzen müssen.
0:57 Ich habe aber einen Antrag beim Gericht und bei der Staatsanwaltschaft gestellt, dass
1:01 ich eine Therapie machen kann, um mich mit meiner Sucht zu beschäftigen und alles zu
1:05 verarbeiten, was ich erlebt habe.
1:08 Das ist die Massnahme zur Suchtbehandlung gemäss Artikel 60 StGB – man kann Therapie
1:12 machen statt ins Gefängnis.
1:14 Es gibt bestimmte Regeln der Justiz, die man einhalten muss, aber die Behandlung bringt
1:18 in jedem Fall mehr, als ins Gefängnis zu gehen.
1:20 Was hat dich konkret dazu bewogen, den Antrag für eine Massnahme zu stellen?
1:25 Der Wunsch, etwas zu verändern.
1:28 Es war nicht so, dass ich auf keinen Fall ins Gefängnis gehen wollte.
1:32 Ich war schon einige Male im Gefängnis, aber jedes Mal, wenn ich entlassen wurde, ist alles
1:37 genau gleich weitergegangen.
1:38 Jetzt will ich etwas ändern.
1:41 Es ist mein erster richtiger Entzug.
1:42 Jetzt will ich auch tatsächlich, früher war das nicht so, ich sah keinen Grund, mit
1:47 dem Konsumieren aufzuhören.
1:49 Mittlerweile habe ich aber die Schnauze voll vom Ganzen.
1:52 Ich habe gemerkt, dass es nicht funktioniert, die Sachen immer zu verdrängen.
1:56 So wird alles einfach immer schlimmer.
1:58 Für welche Form des Entzugs hast du dich entschieden?
2:01 Zuerst war der Entzug von Benzos, also Benzodiazepinen.
2:05 Hier ist der Entzug schon durch.
2:07 Jetzt mache ich einen Teilentzug von Sevre-Long, das sind Opiate.
2:11 Danach werde ich wohl eine Zeit lang eingestellt bleiben, um mich psychisch stabilisieren zu
2:16 können.
2:17 Das gibt ein wenig Sicherheit vor dem, was noch auf mich zukommt.
2:21 Wie lange dauert denn die Entzugsbehandlung?
2:23 Ich bin schon seit vier Monaten im Entzug.
2:26 Zwei Monate lang war ich in einer anderen Institution, und seit etwas mehr als zwei
2:31 Monaten bin ich hier.
2:32 Es zieht sich schon relativ lange hin.
2:34 Bei mir wird es sicher noch sechs Wochen dauern, bis ich auf dem Level bin, um zur Therapie
2:38 übergehen zu können.
2:39 Jetzt bin ich einfach noch zu hoch dosiert.
2:41 Fühlst du dich wohl hier?
2:44 Sehr sogar.
2:45 Ich bin froh, dass ich hier bin.
2:47 Das Team ist super, der Umgang mit den Leuten gefällt mir.
2:51 Die zwei Monate, die ich nun hier bin, haben mir schon viel gebracht.
2:55 Ich habe zwei Mal pro Woche einen Termin beim Psychologen, mit dem ich reden kann und der
2:59 mir einige Techniken beigebracht hat, um mit dem Suchtdruck umzugehen.
3:03 So habe ich das Ganze bereits ein wenig aufarbeiten können.
3:06 Es ist gut, dass ich bereits im Entzug bei Therapiesitzungen mitmachen kann.
3:10 Generell wird hier gut darauf geachtet, dass es vorwärts geht.
3:13 Was würdest du Betroffenen antworten, die dich fragen, ob es sich lohnt, sich auf eine
3:19 Entzugsbehandlung einzulassen?
3:21 Man kann seine Probleme in Angriff nehmen, was man während der Sucht ganz eindeutig
3:26 nicht kann, weil sich dort alles nur um den Konsum dreht und um den nächsten Flash.
3:30 In der Sucht hat man gar keine Zeit, sich seinen Problemen zu widmen, was man im Entzug
3:35 absolut hat.
3:36 Ich empfehle aber, nicht nur den Entzug an sich zu machen, sondern auch noch eine Therapie.
3:41 Der Entzug alleine reicht nirgends hin.
3:43 Ich merke das ja selbst: Ich bin jetzt seit etwa vier Monaten im Entzug, und ich habe
3:48 immer noch zu kämpfen, wenn ich Wochenende habe.
3:51 Durch den Entzug nimmt man auch die Dinge wieder anders wahr, die Gefühle kommen wieder,
3:56 gute und schlechte.
3:57 Das hatte ich vorher alles nicht.
3:59 Das war kein Leben.
4:02 Es war immer das Gleiche, jeden Tag.
4:03 Man kann nichts erreichen.
4:05 Das hat mich dazu bewegt, den Entzug anzugehen.
4:08 Was wichtig ist: Man muss auch wirklich wollen.
4:11 Der Wille muss da sein, und er muss stark sein.
4:13 Wer nicht wirklich will, bricht wohl früher oder später ab.
4:16 Wenn der Wille aber da ist, fällt der Entzug auch leichter.
4:19 Hast du das Gefühl, dass es jetzt der richtige Moment ist, den Entzug zu machen, oder hätte
4:24 es auch vor zwei Jahren geklappt?
4:27 Es ist der richtige Moment, absolut.
4:28 Vor zwei Jahren hätte ich gar nicht den Willen oder die Kraft dazu gehabt, etwas an meiner
4:33 Situation zu ändern.
4:35 Es war einfacher, zu konsumieren und meine Gefühle und Probleme zur Seite zu schieben.
4:39 Seit dem Entzug wird dies nun nach und nach besser, ich konnte einige Probleme bereits
4:44 lösen.
4:45 Welche Perspektive siehst du?
4:47 Welche Lebensziele hast du?
4:48 Ich will mit meinen Emotionen und Gefühlen umgehen können, ohne konsumieren zu müssen.
4:55 Das ist sicher das erste Ziel.
4:58 Danach will ich wieder einen Job suchen und finden, möchte mein Leben wieder stabil leben
5:02 können, ohne Auf und Ab, ohne Abstürze, nach denen ich mich wieder hochkämpfen muss.
5:08 Ich will, dass es funktioniert.
5:09 Vielen Dank, Reto, für deine offenen Worte – und viel Erfolg!

Martin, 48 Jahre alt

Interview mit einem Patienten der stationären Therapie in der Suchtfachklinik Zürich

0:02 Sie hören einen Audiobeitrag der Suchtfachklinik Zürich.
0:06 Die folgenden Aussagen stammen von einem Patienten der Suchtfachklinik Zürich.
0:11 Aus Diskretionsgründen wurde der Name geändert und die Antworten von einem Schauspieler neu
0:17 eingesprochen.
0:18 Martin, wie bist du in die Sucht geraten?
0:22 Bei mir war es am Anfang so, dass ich ins kriminelle Milieu abgerutscht bin.
0:28 Ein Teil davon war damals Heroin.
0:31 Irgendwie hat mich das gereizt, es war eine Art Gemeinschaft, in die man hat reinkommen
0:36 wollen.
0:37 Man hat mir natürlich gesagt, dass das kein Spass ist, aber irgendwie glaubt man es nicht
0:42 so ganz oder denkt, dass das alles schon richtig ist.
0:47 So bin ich ziemlich bewusst in diese Welt abgesunken.
0:50 Wie alt warst du damals?
0:52 Als ich mit dem Konsumieren von Heroin angefangen habe, war ich wohl etwa 22 Jahre alt.
0:58 Was hat dich dazu bewogen, eine stationäre Therapie zu machen?
1:02 Ich habe 26 Jahre lang Drogen genommen, davon 16 Jahre lang intravenös, war am Ende jahrelang
1:10 obdachlos.
1:11 Da sieht man keinen Sinn mehr, das ist kein einfaches Leben.
1:15 Es ist Stress, es ist Energie, es ist Kraft, es ist jeden Tag ein Kampf – ein Kampf für
1:22 nichts.
1:23 Ich bin ein Mensch, der dann irgendwann sagt: Für nichts mache ich es auch nicht mehr,
1:28 dann lebe ich lieber gar nicht mehr.
1:31 Aber mangels anderer Erfahrungen habe ich mir dann gesagt, dass es vermutlich noch etwas
1:36 anderes geben müsse.
1:38 Und das will ich zuerst noch ausprobieren, bevor ich für mich eine Entscheidung treffe,
1:43 eventuell die Sache ganz zu beenden.
1:45 Wie hast du festgestellt, dass jetzt der richtige Moment für eine Behandlung ist?
1:51 Bei einer bevorstehenden Gefängnisstrafe, der x-ten in meinem Leben, war der Zeitpunkt
1:57 gut.
1:58 Ich habe bereits in der Untersuchungshaft mit dem Abbau angefangen und dabei sehr schnell
2:03 gemerkt, dass ein Teil des Ganzen die Substanz ist.
2:07 Die Substanz verändert dich.
2:09 Sie hat mich verändert, hat verändert, wie ich fühle, wie ich die Dinge wahrnehme, wie
2:14 ich die Welt sehe, welche Ansprüche ich habe.
2:16 Je mehr ich mit der Substanz zurückgegangen bin, desto mehr habe ich andere Seiten an
2:22 mir entdeckt – und auch an meinem Umfeld.
2:26 Warum hast du dich für die Suchtfachklinik entschieden?
2:28 Das hat verschiedene Gründe.
2:31 Einmal, mit vielleicht 18 Jahren, war ich wegen Alkohol kurz in einer Therapieeinrichtung,
2:37 die sehr abgelegen und abgeschieden lag.
2:39 Ich glaube, es ist ein Trugschluss, dass die Therapie in dieser Abgeschiedenheit besser
2:45 funktioniert.
2:46 Zuerst ist vielleicht noch alles einfach und gut, doch bei der ersten Konfrontation mit
2:51 der Realität kommt dann die Bruchlandung.
2:53 Da habe ich mir gesagt: wenn überhaupt Entzug oder Therapie, dann hier in Zürich, möglichst
2:59 mitten im Geschehen, und entweder funktioniert es oder nicht.
3:04 Warst du schon mal hier?
3:05 Ja, war ich – nicht im Zusammenhang mit einem Entzug, sondern bei einer Krisenintervention
3:11 mit der Abgabestelle.
3:13 Ich hatte damals mit einer Lungenentzündung zu kämpfen, auch sonst lief alles ein wenig
3:18 unglücklich, wir haben keinen Zugang zueinander gefunden.
3:22 Aber irgendwie hatte ich den Eindruck, dass es hier anders ist als das, was man von einer
3:27 Therapie erwartet.
3:28 Ich will nicht sagen, dass sie es hier besser machen, aber sie machen die Dinge zum Teil
3:34 sehr unkonventionell, und das ist gut.
3:37 Ich denke, das Schlimmste im Zusammenhang mit Sucht ist es, eine Lösung haben zu wollen.
3:44 Es gibt keine Heilung.
3:46 Es braucht einfach einen Punkt, an dem man etwas ändern will und die Entscheidung für
3:51 sich trifft.
3:52 Und dann braucht es sehr viel Freiraum, denn es funktioniert bei jedem anders.
3:58 Ich bin eher der Typ, der sich vordergründig wehrt und ein wenig bockt, aber im Hintergrund
4:03 läuft es.
4:05 Und wenn du so bist und jemand das nicht akzeptiert und denkt, dass du es nicht verdient hast,
4:10 hier zu sein, dann hast du keine Chance, obwohl du eigentlich auf einem guten Weg bist.
4:15 Ich denke, es lässt sich nicht nach Schema F behandeln, so etwas wie «10 Punkte bis
4:20 zum Entzug», das funktioniert einfach nicht.
4:23 Der Entzug klappt vielleicht vorerst, man kann die Distanz zu den Drogen einfach erzwingen,
4:29 erkämpfen, erarbeiten.
4:31 Aber der Therapieteil danach, der ist sehr vielschichtig und sehr individuell.
4:37 Wie sieht denn dein Therapieplan aus?
4:40 Seit dem Übertritt in die Therapie bin ich hier an der Werkstatt angegliedert – im
4:45 Sinne von Beschäftigung, nicht unbedingt im Sinne von Arbeit.
4:49 Es ist wichtig, einfach wieder einmal Strukturen zu haben, eine Aufgabe zu haben, am Morgen
4:54 aufzustehen und zu denken, dass da etwas ist, nicht einfach nur Drogen.
4:59 Ich hatte hier auch meine Psychotherapie, zwei Mal pro Woche.
5:02 Das hat mir in meinem Fall sehr viel gebracht.
5:05 Ich konnte die Dinge aufarbeiten.
5:07 Vielleicht war es nicht einmal nur das Aufarbeiten, sondern vor allem auch das Anschauen.
5:12 Warum hat sich mein Leben so entwickelt?
5:15 Warum bin ich so, wie ich bin?
5:17 Mein Elternhaus war sehr intellektuell gesteuert, überhaupt nicht gefühlsmässig.
5:23 Die Erwartungen und der Leistungsdruck waren hoch, Selbstwert konnte nur über Leistung
5:29 definiert werden.
5:30 Heute ist mir ziemlich klar, warum ich so bin, wie ich bin, zumindest zum Teil.
5:35 Das heisst nicht unbedingt, dass man es ändern oder gar heilen kann, aber man kann es besser
5:40 verstehen und in gewissen Situationen dann bewusst anders handeln.
5:45 Zu verstehen, warum man so ist, wie man ist, das ist der wichtigste Teil der Therapie.
5:52 Ich hatte das Gefühl, dass sehr viele neue Sachen auf mich zugekommen sind, die gar nicht
5:57 auf meinem Lebensplan standen.
5:59 Aber sie tun mir gut und ich merke, dass ich mich zum Positiven verändere.
6:04 Zwar ist es auch hier manchmal Leistung, die gefordert wird, aber es macht Spass, diese
6:10 Leistung zu bringen.
6:11 Es macht Sinn.
6:12 Ich kann mich nun immer besser darauf einlassen, bin aber immer noch in einem Prozess.
6:17 Gibt es innerhalb dieses Prozesses etwas, dass dir besonders gut hilft?
6:23 Es klingt vielleicht ein wenig ungut, aber ich denke, die Reibungen, die manchmal entstehen,
6:28 waren für mich das Rezept.
6:30 Die Reibungen, die ich mit der Therapie und den Therapeuten hatte.
6:34 Ich reagiere nicht gut auf Zwang, was wohl auch mit meiner Geschichte zusammenhängt.
6:39 Und da kam es oft zu Reibungen, die wohl im Grenzbereich waren, vielleicht sogar etwas
6:44 darüber.
6:45 Das hatte bei mir dann tatsächlich den Effekt, dass ich mir danach überlegt habe: Was ist
6:51 da jetzt geschehen?
6:52 Warum habe ich so reagiert?
6:54 Und aus diesen Situationen habe ich dann Rückschlüsse gezogen, wie sich die Dinge ändern lassen,
7:01 habe gemerkt, warum ich in solchen Momenten oftmals keinen anderen Weg mehr gefunden habe
7:07 als eben den Rückzug in die Drogen.
7:09 Ich denke, die Reibungspunkte mit der Therapie waren bei mir der Schlüssel zum Erfolg.
7:15 Und natürlich die Tatsache, dass es diese Reibungspunkte geben durfte und nicht einfach
7:20 gesagt wurde: «Jetzt ist genug, der passt nicht hierhin, der muss gehen.»
7:25 Ich habe viel Kulanz genossen.
7:27 Gibt es Dinge, mit denen du in der Therapie ein wenig auf Kriegsfuss stehst?
7:32 Die gibt es sicher, ja.
7:36 Wahrscheinlich eine ganze Liste.
7:38 Aber vielleicht ist es genau das.
7:40 Dass es eben nicht so harmonisch und lieb und gut ist wie irgendwo in vollkommener Abgeschiedenheit.
7:46 Ich muss mich manchmal sehr stark mit den Dingen auseinandersetzen, die ich machen will.
7:52 Es gibt ja auch Stimmen, die sagen: «Du musst arbeiten gehen, du solltest keinen Kontakt
7:56 mit gewissen Leuten haben.»
7:58 Für mich war das Gegenteil massgebend.
8:00 Ich habe mich zum Teil bewusst mit diesen Leuten getroffen, habe mich in jene Gegenden
8:06 begeben, in die man vielleicht wirklich nicht gehen sollte.
8:10 Wenn dann jemand den Zeigefinger hob, habe ich mich aufgeregt und gesagt: «Seht ihr’s
8:15 denn nicht?
8:16 Es ist ja alles gut.»
8:17 Man will einen immer davon wegbringen.
8:20 Vielleicht war es ja auch gut gemeint.
8:22 Ich habe manchmal schon das Gefühl, dass viele Leute Ratschläge geben, die eigentlich
8:28 sehr wenig Ahnung haben vom Ganzen.
8:30 Aus deiner Sicht: Warum lohnt sich eine Suchtbehandlung?
8:35 Es ist wichtig, erfahren zu können, wie es ist, ohne Substanzen zu leben.
8:40 Ganz egal, ob man süchtig ist oder nicht: Mit Substanzen siehst du die Welt anders.
8:47 Es lohnt sich, die andere Seite einmal anzuschauen.
8:49 Vielleicht wird es dann doch eine Entscheidung für die Drogen.
8:53 Aber zumindest ist es eine Entscheidung.
8:55 Und man hat die andere Welt einmal kennengelernt.
8:58 Hatte die Chance und das Wissen, dass es noch etwas anderes gibt.
9:02 Viele Leute, die ich treffe, sagen mir, dass sie nun schon zwanzig Jahre abhängig sind
9:07 und dass eine Behandlung sowieso nichts bringe, dass sie nicht funktioniere.
9:12 Doch dann sage ich ganz klar: Das ist Mumpitz.
9:15 Ich war 26 Jahre lang Dauerkonsument, abgesehen von einigen Zwangsentzügen im Gefängnis.
9:22 Trotzdem klappt es.
9:24 Es hat nichts mit der Dauer oder Intensität des Konsums zu tun.
9:28 Es klappt.
9:29 Und das ist es wert, es zumindest einmal auszuprobieren.
9:32 Was sind deine Perspektiven und Ziele?
9:37 Primär mal: Weiter so!
9:39 Ich habe mittlerweile eine IV-Rente, müsste mich also nicht nach einer Beschäftigung
9:44 orientieren.
9:45 Aber ich merke, dass ich eine Herausforderung im Alltag brauche.
9:50 Darum gehe ich als freiwilliger Helfer in ein Spital und in ein Altersheim, betreue
9:55 Kinder auf einem Spielplatz und baue mit ihnen Hütten.
9:58 Das ist jetzt nicht das, was ich mir für mein Leben vorgestellt habe.
10:02 Aber es gibt mir viel, und ich kann es, und ich merke, dass es mir guttut.
10:08 Aber konkrete berufliche Ziele habe ich noch nicht und weiss auch nicht, wie und wo ich
10:14 später leben werde.
10:16 Aber es ist wohl auch nicht realistisch, alles an einem Ding festzumachen.
10:20 Man muss den Weg selber finden.
10:22 Und wenn man einen Punkt erreicht hat, an dem man denkt, dass man hier hingehört, dann
10:28 muss man das wahrnehmen – und auch dort bleiben.
10:30 Vielen Dank, Martin, für deine offenen Worte – und weiterhin viel Erfolg!

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