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Fundort Kino

Im Haus an der Mühlegasse 5 war 1907 als eines der ersten Kinos von Zürich das «Radium» eingerichtet worden. Das 2008 geschlossene «Kinematographentheater» hinterliess archäologische Spuren: einen Stapel mit Plakaten aus der frühen Stummfilmzeit.

Ausschnitt aus dem Poster der Ausstellung «Fundort Kino – Archäologie im Kino Radium». Als Sujet diente das Plakat für den Film «Die dunkle Stunde» (D 1913). (Grafik Oliver Lüde)

Beim Umbau des Hauses kam im Sommer 2009 bei Räumungsarbeiten im Dachstock ein geheimnisvoller Stapel alter Papiere zum Vorschein. Trotz schlechter Erhaltung liessen sich einige Drucksachen erkennen, die mit der Frühzeit des Kinos «Radium» zu tun haben mussten. Die genaue Untersuchung durch einen Filmhistoriker machte schliesslich die ganze Bandbreite des Fundes sichtbar: 90 Filmplakate, 68 Programmzettel (inklusive Dubletten) sowie weitere Materialien zu Kino und Filmverleih aus der Stummfilmzeit, hauptsächlich aus den Jahren 1911 bis 1914.

Ein Mitarbeiter der Stadtarchäologie bei der Fundstelle im Dachstock. Weshalb die Papiere hinter dem Wandtäfer niedergelegt worden waren, ist nicht bekannt. (Foto AfS/Archäologie)

Die Ausstellung im Haus zum Rech schlug den Bogen von der Ausgrabung im ehemaligen Kinosaal bis zum Plakatfund aus der Stummfilmzeit und den Anfängen der Kinematographie in Zürich. (Foto Juliet Haller)

Die Titelfiguren des Films Die vier Teufel / De fire Djævle (DK 1911). Das Artistendrama war auch im Kino Radium zu sehen. 100 Jahre später gelangte es im Februar 2011 im Filmpodium erneut zur Aufführung.

Frühe Kinowerbung

Aus filmhistorischer Sicht ist der Fund spektakulär. In Plakatsammlungen sind Affichen aus der frühen Stummfilmzeit eigentliche Raritäten. Einfache Textplakate aus lokaler Produktion, wie sie einen Grossteil des «Radium»-Fundes ausmachen, waren in der Schweiz bisher praktisch unbekannt, da sie nur selten aufbewahrt oder gesammelt wurden. Der archäologische Fund aus dem Dachstock des Kinos «Radium» erweitert den bereits bekannten Plakatbestand aus dieser Zeit erheblich. So lassen sich die Werbeaktivitäten eines der ersten Schweizer Lichtspielhäuser auf breiter Basis rekonstruieren.

Das vollständige Inventar des Plakatfundes ist mit Abbildungen im Internet publiziert. Filmwissenschaftliche Bearbeitung: Adrian Gerber, Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich.

Internationale Filmplakate

Solange er Geld hat, ist er umworben. Danach ist ihm nur noch das Kindermädchen treu. - Dem in Grossbritannien gedruckten Plakat wurde der deutsche Titel nachträglich zugefügt.
Der reiche Vetter Franz / Wealthy Brother John (GB 1911)

Nach einer Anschuldigung degradiert, sieht der ehemalige Offizier nur noch einen Ausweg. - Der älteste beworbene Spielfilm des Plakatfundes. Das Plakat weist Bleistiftkritzeleien auf. Die dänische Produktionsfirma Nordisk war bis zum Ersten Weltkrieg eine wichtige Akteurin im internationalen Filmmarkt.
Die Ehre verloren – Alles verloren / Æren tabt alt tabt (DK 1907)

Eine Gruppe junger Frauen wird beim Campieren von Indianern angegriffen: Es sind ihre verkleideten Freunde. - Die Edison Company war die Filmproduktionsgesellschaft des Erfinders Thomas Alva Edison (1847–1931). Bis 1918 stellte sie Hunderte von Filmen her.
Die gestörten Ferienfreuden / The Modern Dianas (USA 1911)

Der Held holt geheime Pläne aus einem besetzten Schloss. - Spannendes Kriegsdrama der Berliner Neue Film-Gesellschaft, das heute wohl als «Actionfilm» bezeichnet würde.
Die Feuertaufe (D 1913)

Vor dem Hintergrund des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 verliebt sich Yvonne, die Tochter eines französischen Adligen, in einen preussischen Offizier. Die Liebe endet tragisch. - Star des Films ist Asta Nielsen, Regie führte ihr Ehemann Urban Gad.
Die Verräterin (D 1911)

Reiten und Lasso-schwingen im Urlaub sind schwerer als gedacht. Das nächste Mal ist Piefke ganz bescheiden. - Romeo Bosettis und Jean Durands série comique mit der Figur Calino umfasste über 70 Kurzfilme (1908–1913).
Piefke will Cowboy werden / Calino veut être cow-boy (F 1911)

Plakate aus der Eigenproduktion des Kinos Radium

Filmplakat des Kino Radium von 1913. Einfaches Textplakat mit hauseigenem Logo.

1913 und 1914 entstanden unter der Regie von Louis Feuillade fünf erfolgreiche Fantomas-Filme.
Bis heute bestens bekannt ist der bereits in der Stummfilmzeit beliebte Meisterverbrecher Fantomas.

Derart einfach gestaltete, von einem Kino selbst in Auftrag gegebene Affichen waren bisher praktisch unbekannt.

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