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Vom keltischen Oppidum zum frühkaiserzeitlichen Vicus

Farbige Topographie Zürichs in keltischer Zeit mit Lage der keltischen Siedlungsbefunde

Topographie und wichtigste Fundorte der keltischen Siedlung
1  Graben und Siedlungsstrukturen (Fortunagasse 28/Rennweg 38; Oetenbachgasse 5–9) 
2
  Siedlungsstrukturen (Rennweg 5; Rennweg5/7) 
3
  Siedlungsstrukturen (Münzplatz) 
4
  Siedlungsstrukturen (Lindenhof) 
5
  Fundort Tüpfelplatten, Siedlungsstrukturen (Rennweg 35) 
6
  Fundort Stabbarren (Limmat) 
7
  Fundort Münzklumpen (Bahnhofstrasse 1/3, Alte Börse)
(Plan Stadtarchäologie)

Baustelle mit freigelegtem Graben vor der Hausfassade
Oetenbachgasse 5–9: Über 3 m tiefer, spitzförmiger Graben (Bild Stadtarchäologie)

Grabungsfläche mit Gruben und Pfostenlöchern
Rennweg 5: Spuren von keltischen Pfostenbauten (Bild Stadtarchäologie)

Tüpfelplattenfragement mit Vertiefungen
Rennweg 35: Keltische Tüpfelplatte zur Herstellung von Geld (Bild Stadtarchäologie)

Zürichs keltischer Ursprung

Bis vor wenigen Jahren war man davon überzeugt, dass die Wurzeln der heutigen Stadt Zürich etwas mehr als 2000 Jahre, bis in die frühe römische Zeit, zurückreichten. Neuere archäologische Forschungen haben dieses Bild nun aber über den Haufen geworfen: Nicht das römische Militär legte im Jahre 15 v.Chr. die Grundsteine zum heutigen Zürich, sondern es waren dies bereits mehrere Generationen zuvor um 80 v. Chr. die hier ansässige Bevölkerung, die Kelten. Sie gehörten zur civitas, der Stammesgemeinde der Helvetier, deren Territorium sich über das gesamte Schweizerische Mittelland erstreckte.

Spuren dieser keltischen Siedlung fanden sich bisher nur am linken Limmatufer – auf und um den Lindenhof – ein etwa 20 m über Limmat und See gelegener Moränenhügel, der sich geradezu ideal als Siedlungsstandort anbot. Angebunden an eine wichtige Nord-Südverkehrsachse, die von Italien über die Alpenpässe Richtung Norden führte, konnte man hier am Ausfluss zweier Seen als Umlad- und Etappenort von Handels- und Verkehrsströmen profitieren und diese zugleich kontrollieren. Funde von Tüpfelplatten (Gussformen für Münzschrötlinge) weisen diese Siedlung zudem als Münzpräge- und damit Zentralort auch für das weitere Umland aus (Keltische Tüpfelplatte).

Wohnen und Arbeiten unter dem Schutz der Götter

Mehrere Holzbauten mit bodenebenen Feuerstellen und zahlreiche Abfälle, zerbrochenes Geschirr und Speisereste lassen im Umkreis des Lindenhofs im 1. Jh. v.Chr. eine florierende Siedlung rekonstruieren, in der auch Handwerk betrieben und landwirtschaftliche Produkte verarbeitet wurden. So gibt es Hinweise darauf, dass in dieser Siedung auch Bier gebraut wurde. Importe aus dem Süden, so in Amphoren transportierter italischer Wein, der vorerst der Oberschicht vorbehalten war, bezeugen ausserdem intensive Kontakte zum Mittelmeerraum.

«Den Wein lieben sie (die Kelten) über alle Massen; den Wein, der von den Kaufleuten eingeführt wird, geniessen sie unverdünnt…» (Zitat Diodor)

Neben dem Alltag spielte der Kult und vor allem auch die damit verbundenen Festmähler eine wichtige Rolle im Leben der BewohnerInnen: Wie in anderen keltischen Siedlungen fanden diese in einem von einem Graben umgrenzten Bezirk statt. Dass dieser Graben etwa eine Generation später verfüllt und damit der Ort als Kultplatz aufgegeben wurde, musste ein einschneidendes Ereignis im Leben der BewohnerInnen gewesen sein! Ist dies vielleicht mit dem historisch überlieferten Auszug der Helvetier nach Gallien und ihrer Rückkehr nach verlorener Schlacht bei Bibrakte im Jahre 58 v.Chr. in Verbindung zu bringen?

Rom und der Mittelmeerraum rücken näher

Nach 58 v.Chr. waren die Helvetier Bündnispartner von Rom und zu Tributzahlungen verpflichtet. So verwundert kaum, dass in dieser strategisch prominent gelegenen keltischen Siedlung bereits ab etwa  40 v.Chr. römisches Militär präsent war, das Land und Leute kontrollierte. Mit den Soldaten kamen auch viele neue Güter wie Geschirr und bisher unbekannte Speisen und Gewürze, die von den einheimischen BewohnerInnen je länger je mehr ebenfalls geschätzt und erworben wurden.

Wie zuvor prägten in den ersten nachchristlichen Jahrzehnten weiterhin Gebäude aus Holz das Bild der nunmehr römischen Kleinstadt (vicus), die sich um eine mögliche militärische Befestigung auf dem Lindenhof erstreckte.

Die militärische Eroberung und Einbindung des Gebietes der heutigen Schweiz in das Römische Reich erfolgte unter Kaiser Augustus um 15/12 v.Chr. Die Folgen, u.a. die damit verbundenen neuen Verwaltungsstrukturen, bekamen auch die Turicenses zu spüren.

Bereits eine Generation später, im 2. Jahrzehnt. n.Chr, kam es in Turicum und der gesamten Region zu weiteren einschneidenden Veränderungen: zum einen veranlasste zu dieser Zeit die römische Obrigkeit die künstliche Absenkung des Seespiegels, um zusätzlichen Baugrund zu gewinnen. Zum andern wurde gleichzeitig in Vindonissa die 13. Legion mit ihrem Tross – wohl mehr als 8000 Menschen – stationiert und das Militär aus Turicum abgezogen. Die Errichtung neuer Wohn- und Gewerbequartiere und luxuriöser Villenbauten im ländlichen Umfeld Zürichs zeugen von einem bemerkenswerten Aufschwung.

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