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Grabungstagebuch: Die Vorzeit war alles andere als primitiv

Niels Bleicher

Dr. Niels Bleicher ist wissenschaftlicher Leiter der Ausgrabung Parkhaus Opéra. Der Archäologe und Dendrochronologe arbeitet im Amt für Städtebau.

Es gibt so vieles, was wir heute für originell halten, und dabei ist doch vor Tausenden von Jahren schon jemand auf die Idee gekommen. Zum Beispiel das Thema Ergonomie. Was ist nicht alles ergonomisch geformt: Von der Tastatur bis zum Werkzeuggriff – ergonomisches Design ist in. Aber ist das wirklich alles so neu? Die Beilgriffe, die wir auf der Grabung Parkhaus Opéra finden, sind nicht runde Stäbe, sondern haben einen ovalen Querschnitt. Eine Untersuchung genau solcher Axtgriffe einer anderen Grabung ergab, dass ihr Querschnitt den Vorgaben der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) entspricht. Offensichtlich wusste man, wie man einen stabilen Griff macht, der gut und angenehm in der Hand liegt. Aber unsere Beilgriffe haben noch mehr zu bieten: Anders als heute sind es nicht einfach gerade Stäbe, sondern die Ansatzstellen grösserer Äste an den Stamm. In diese Gabeln hat man die Steinbeile geschäftet. Sie sind besonders stabil, weil der Baum diese Verbindungsstellen in optimaler Weise verstärkt, um mit wenig Holz maximale Stabilität zu erreichen.

Warum also etwas Neues erfinden, wenn man es nicht besser machen kann als ein Baum? Ähnlich arbeiten heute manche Ingenieure, die die Bauprinzipien der Bäume verwenden, um mit wenig Stahl Brücken zu bauen. Das nennt man «Bionik». Klingt modern, aber die Idee wurde schon in der Steinzeit vorweggedacht. Bei bronzezeitlichen Erntesicheln findet man noch Erstaunlicheres: Ihr Holzgriff sieht unbeschreiblich kompliziert aus – geradezu unförmig. Wenn man ihn aber anfasst, schmiegt er sich so bequem in die Hand, dass man ihn nicht mehr weglegen mag. Es ist wahrscheinlich der älteste Beleg für ergonomisches Design. Ergonomie und Bionik in Pfahlbaudörfern: Da wage es noch jemand, die Vorzeit «primitiv» zu nennen.

«Tag des offenen Bodens»: Am kommenden Freitag, 14. Januar, 11 bis 20 Uhr besteht zum letzten Mal die Möglichkeit, die Reste der Pfahlbausiedlung zu besichtigen und dem Grabungsteam bei der Arbeit zuzuschauen.

(Tages-Anzeiger, 10. Januar 2011)

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