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Grabungstagebuch: Getränkedose der Steinzeit

Niels Bleicher

Dr. Niels Bleicher ist wissenschaftlicher Leiter der Ausgrabung Parkhaus Opéra. Der Archäologe und Dendrochronologe arbeitet im Amt für Städtebau.

Neulich fragte ein Besucher, warum wir uns so über alte Keramikscherben freuen. Für einen Archäologen ist das derart offensichtlich, dass ich einen Augenblick überlegen musste, um eine plausible Antwort geben zu können. Nehmen wir vielleicht ein neueres Beispiel: Anfang der 1930er kamen erstmals Getränkedosen auf den Markt. Die wogen damals fünfmal so viel wie heutige Dosen und mussten mit einem «Dolch» aufgestochen werden.

Seither wurden Design und Funktionalität der Getränkedose weiterentwickelt. Besonders der Öffnungsmechanismus wurde permanent verbessert, und seit 1960 lässt sie sich mit einer integrierten Metalllasche öffnen. Die Dosenmodelle der letzten 75 Jahre lassen sich also hervorragend chronologisch gliedern und geben Aufschluss über den Stand der Technik, die Konsumgewohnheiten und das Umweltbewusstsein.

Heute werden 45 Prozent aller Softdrinks aus Dosen konsumiert. Würde man mit Karten darstellen, in welchem Jahrzehnt beispielsweise wie viele Coca-Cola-Dosen in den verschiedenen Ländern der Welt zu finden waren, dann hätte man wohl einen recht guten Indikator für die fortschreitende Globalisierung. Unsere materielle Kultur ist aufgeladen mit Informationen. Und dasselbe gilt für steinzeitliche Keramik oder Geräte.

Zeigt man Archäologen eine Scherbe, können sie sagen, wie alt sie ist, und oft auch, woher sie stammt. Und wenn man all diese Funde auf einer Karte einzeichnet, dann erschliessen sich plötzlich Verkehrswege, Fernkontakte und Regionen, in denen Menschen derart intensiv kommunizierten, dass sie eine gemeinsame Sachkultur teilten. Man könnte sagen, die zerstörten Tontöpfe aus dem Boden unter dem Parkhaus Opera sind die Getränkedosen von damals.

(Tages-Anzeiger, 25. Mai 2010)

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