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Grabungstagebuch: Kein Gold

Niels Bleicher

Dr. Niels Bleicher ist wissenschaftlicher Leiter der Ausgrabung Parkhaus Opéra. Der Archäologe und Dendrochronologe arbeitet im Amt für Städtebau.

Fragen Sie niemals einen Archäologen: «Haben Sie Gold gefunden?» Eine goldrichtige Variante, das Gespräch abzukürzen. Warum? Weil der Materialwert das Letzte ist, was uns an den Funden interessiert, und weil eben genau das unsere Berufsehre ausmacht. Wir graben nach Erkenntnis, nicht nach Schätzen.

Das unterscheidet uns vom Schatzgräber. Für uns besteht der Wert eines Fundes in seiner wissenschaftlichen Aussage. Was würde es auf der Grabung Parkhaus-Opéra nützen, wenn man einen Goldring gefunden hätte, aber nicht mehr wüsste, wo er lag? Wenn er aus der Steinzeit stammte, wäre das eine Sensation, wäre er bronzezeitlich, wäre es nur ein hübscher Fund.

Man muss wissen, wie und wo er gefunden wurde, sonst ist er so wertvoll wie eine Zahnfüllung. Aber fragen Sie Archäologen einmal: «Haben Sie auch stratifiziertes Fundgut?» Dann haben Sie sie schon fast um den Finger gewickelt (zumindest, wenn es welches gibt, sonst haben Sie gerade Salz in die Wunde gestreut).

«Stratifiziert» bedeutet, dass sich Funde einer Schicht zuweisen lassen und wir alle Funde, die aus einer Siedlungsphase stammen, gemeinsam auswerten und von denen anderer Phasen abgrenzen können. Dann kann man zum Beispiel verfolgen, ob sich die Herkunftsgebiete von Rohstoffen und damit die Handelswege verändern. Sind die Funde nicht stratifiziert, sind sie wie ein Text, dessen Buchstaben jemand fein säuberlich auseinandergeschnitten hat. Die Einzelteile sind noch da – nur der Sinn nicht mehr.

Aus diesem Grund sind Schatzgräber bei Archäologen so unbeliebt. Der wichtigste Teil der Information ist dann zerstört. Und wenn Sie mich jetzt fragen: Ja, wir haben stratifiziertes Fundgut auf der Grabung Parkhaus-Opéra. Sogar viel.

(Tages-Anzeiger, 14. Juni 2010)

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