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Grabungstagebuch: Pfahlbauer mit «Rheumasohlen»

Emanuela Jochum

Emanuela Jochum ist Ausgräberin und Teamleiterin bei der Grabung Parkhaus Opéra.

«Darf ich einmal anfassen?» Nein, das ist keine Anmache, sondern eine zurzeit häufig gestellte Frage auf der Grabung Parkhaus Opéra. Seit sich der Winter mit nasskaltem Wetter zurückgemeldet hat und wir in ständigem Kontakt mit nasser Erde arbeiten, drehen sich die Pausengespräche vor allem um eins: Thermowäsche. Ob Wolle, Seide, modernstes Funktionsgewebe, Grosis gestrickte Pulswärmer oder die Mütze vom Weihnachtsmarkt – Vor- und Nachteile jedes Stücks lassen sich angeregt diskutieren. Einigkeit aber herrscht in einem Punkt: Eine Portion Schokolade hilft immer. Natürlich fragt man sich: Wie haben sich wohl die Pfahlbauer gegen widriges Wetter geschützt? Wohnen am Seeufer bedeutet im Winter viel kaltfeuchten Wind. Was haben die Pfahlbauer angezogen, wenn sie draussen gearbeitet haben? Es gibt wenige Funde: In Zug und am Bodensee hat man eine «Rheumasohle» gefunden: ein Moospolster mit dem Abdruck des Fusses oben und des Schuhs unten. Dann gibt es natürlich die Fellkleidung des Ötzis und seinen Regenmantel: einen geflochtenen Umhang aus dachziegelartig einander überlappenden Binsenelementen. Er schützt tatsächlich gut vor Nässe. Dann hat man verschiedentlich Hüte aus Baumbast gefunden. Beispielsweise in Kehrsiten am Vierwaldstättersee. Auf der Grabung Opéra-Parkhaus haben wir auch Textilien gefunden, aber bislang keine so grossen Fragmente, dass man ein Schnittmuster rekonstruieren könnte. Und warm sahen einige dieser Tücher wirklich nicht aus. Vielleicht waren die Pfahlbauer einfach harte Kerle im Nehmen.

 So wenig man rekonstruieren kann, wie die Leute damals gedacht und was sie gesprochen haben, herrscht aber doch über eins Einigkeit: Man hat sich auch damals schon gegenseitig gefragt: «Sieht warm aus, darf ich mal anfassen?»

(Tages-Anzeiger, 13. Dezember 2010)

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