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Grabungstagebuch: 5000 Jahre Pfahlbau

Andreas Motschi

Andreas Motschi ist Archäologe beim Amt für Städtebau. Auf der Grabung kümmert er sich um die Reste der barocken Befestigungen, des Hafens und des ersten Tonhalle-Areals aus dem 17. bis 19. Jahrhundert.

Kennen Sie Herrn Bürkli? Nach ihm ist der Bürkliplatz in Zürich benannt. Er hat das heutige Stadtbild massgeblich bestimmt, indem er die Uferlinie des Zürichsees mit grossflächigen Aufschüttungen veränderte. Dabei verschwand einiges unter dem Erdboden. Unter dem Sechseläutenplatz, wo die Grabung Parkhaus Opéra liegt, befinden sich beispielsweise Reste von Zürichs barocken Befestigungsanlagen aus dem 17. Jahrhundert, mit denen ich mich beschäftige.

Meine Arbeit unterscheidet sich von der Archäologie der «schriftlosen» urgeschichtlichen Pfahlbauten darin, dass ich neben Ausgrabungsergebnissen auch auf zeitgenössische Dokumente in Wort und Bild zurückgreifen kann. Das scheint ja zuerst einmal recht praktisch zu sein. Warum gräbt man dann noch? Weil diese zusätzlichen Quellen – etwa zum Verlauf der Mauern – die Archäologie nicht ersetzen. Sie werfen vielmehr neue Fragen auf: Kann man etwa dem Plan aus dem 18. Jahrhundert auch im Detail vertrauen? Wie genau nahm es der Illustrator von 1835 mit der Darstellung der Stadelhofer Bastion?

Einzelheiten zu Lage, Konstruktion und Qualität vermitteln uns letztlich nur die Baureste selbst. Das jetzt ausgegrabene Quadermauerwerk und die stabil gezimmerten mit Pfählen verankerten Balkenfundamente waren in der Tat noch in keinem Text beschrieben und auf keinem Bild dargestellt. Technikgeschichtlich ist das für Zürich ein Novum. Den alten Plan haben die Ausgrabungsergebnisse übrigens bestätigt. Das demonstriert die hohe Qualität der damaligen Kartografie.

Zurück zu Herrn Bürkli und seinen Zeitgenossen: Sie haben dem See in nie dagewesenem Ausmass Land abgerungen. Was geschah nun auf dem Gelände? Man errichtete schon wieder Pfahlbauten. Das Opernhaus von 1890 ruht auf rund 1800 Holzpfählen und das Parkhaus das jetzt gebaut wird immer noch auf knapp 100 Stahlbetonpfählen. Manche Dinge ändern sich eben nie.

(Tages-Anzeiger, 5. Juli 2010)

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