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Grabungstagebuch: Evolution oder Tradition?

Niels Bleicher

Niels Bleicher ist wissenschaftlicher Leiter der Grabung Parkhaus Opéra. Der Archäologe und Dendrochronologe arbeitet im Amt für Städtebau der Stadt Zürich.

Nur ein trockenes Krachen war zu hören, dann flogen einem Schützen um das Jahr 3063 v. Chr. die Splitter seines Bogens um die Ohren. In seinem Frust warf er die Bruchstücke auf den Boden – wer einmal selbst einen Bogen aus Eibe gebaut hat, weiss warum –, und wir haben sie etwa 5070 Jahre später auf der Grabung Parkhaus Opéra gefunden. Wissenschaftlich gesehen sind Pfeilbögen nicht die wichtigsten Funde, aber bei unseren Besuchern zählen sie zu den beliebtesten. Sicher, weil sie die Phantasie mehr anregen als Kulturschichten und Kochtopfscherben, deren Bedeutung erst nach der Auswertung klar wird.

Die Bögen der Pfahlbauten sind eigentlich gerade Eibenstäbe mit fast dreieckigem Querschnitt. Langbögen im Mittelalter waren auch gerade und aus Eibe, aber der Querschnitt war völlig anders. Weil ein Kriegsbogen gegen Ritter etwas anderes leisten muss als ein Jagdbogen, sahen die meisten Wissenschaftler in den unterschiedlichen Designs eine bemerkenswerte technologische Anpassung an die vorhandenen Materialien, Werkzeuge und Bedürfnisse. Prüft man diese These aber mit Messungen, stellt man fest: Die Unterschiede zwischen den Designs sind punkto Leistung kaum wahrnehmbar. Welchen Sinn machen sie dann? Ich vermute keinen. Es war schlicht Tradition. Man macht den Bogen so, wie Opa ihn gemacht hat – ob das Sinn macht oder nicht.

Über den Pfahlbaubogen kann man nur sagen: Er bricht tendenziell schneller als andere Formen. Und doch blieb man dabei, obwohl andere Bauweisen bekannt waren! Das ist ein Beleg für einen spannenden Sachverhalt: Man ist schnell versucht, eigene Werte auf die Vorgeschichte zu übertragen. Zum Beispiel Vorstellungen von Effizienz. Aber wenn man das tut, überspannt man den Bogen – kracks!

(Tages-Anzeiger, 19. Juli 2010)

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