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Grabungstagebuch: Einfach liegen lassen

Roby Weibel

Roby Weibel ist Ausgräber auf der Grabung Parkhaus Opéra.

 Es ist wie mit Geheimnissen. Was man am wenigsten versteht, macht die meiste Freude. Ich arbeite seit drei Jahren auf archäologischen Ausgrabungen und seit Mai auf der Grabung hier auf dem Sechseläutenplatz. Mein schönster Fund bislang war ein wunderbar gearbeiteter Feuersteindolch. Ein Spezialist meinte, der Feuerstein sei aus Norditalien. Unglaublich, dass so ein «armer Siech» in der Steinzeit dafür mit dem Rucksack über die Alpen wandern musste. Am häufigsten finde ich Steinbeile. Da hat es ganz unterschiedliche: Manche sind so oft nachgeschliffen worden, dass sie klein und schräg sind, andere sind gebrochen. Da verstehe ich, dass man sie weggeworfen hat. Andere aber sind noch gross, schön und so scharf wie damals. Wieso liegen die da in der Kulturschicht? Das muss man doch merken, wenn man so etwas Schweres verliert. Wenn man sieht, wie lange die Kinder im Schulprojekt an kleinen Beilen schleifen, kann ich mir nicht vorstellen, warum die Leute damals die Dinger nicht wieder aufgehoben haben. Ich habe unseren Leiter gefragt. Er weiss es auch nicht. Das bleibt wohl ein Geheimnis. Mir ist es nur recht, wenn die da alle noch rumliegen. Ich finde sie einfach furchtbar gern.

(Tages-Anzeiger, 4. Oktober 2010)

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