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Grabungstagebuch: Die spinnen, die Pfahlbauer

Niels Bleicher

Dr. Niels Bleicher ist wissenschaftlicher Leiter der Ausgrabung Parkhaus Opéra. Der Archäologe und Dendrochronologe arbeitet im Amt für Städtebau.

 Wenn man genau hinsieht, erkennt man in den Kulturschichten der Grabung Parkhaus Opéra kleine Pflanzenstängel. Es sind die Stängelbruchstücke, die übrig bleiben, wenn man aus Flachspflanzen Fasern für Textilien gewinnt. Sie widerlegen hervorragend das Klischee der dummen, Bärenfell tragenden Vorzeitmenschen: Aus Flachs Leinentuch zu machen, ist nämlich gar nicht einfach. Man muss die Pflanzen erst kontrolliert ein paar Wochen lang verrotten lassen. Bakterien zerlegen den Zellverbund so, dass die Fasern leichter zu gewinnen sind. Später kann man die Stängel trocknen, brechen und die Fasern reinigen. Wenn man die Pflanzen jedoch zu lange verrotten lässt, ist die ganze Ernte verdorben. Darauf muss man erst einmal kommen!

 Um Garn aus den Fasern zu machen, hatte man auch am Zürichseeufer Handspindeln, also ein Holzstäbchen mit einem Schwungrad aus Ton. Solche «Spinnwirtel» haben wir auch gefunden. Ich habe versucht, einen Faden so herzustellen – das Ergebnis will sicher niemand zu einem Tuch verarbeiten. Wer die Technik beherrscht, muss in mühevoller Arbeit viele Hundert Meter Garn spinnen, damit es für ein grosses Tuch reicht. Das dauert. Und weil es ausserdem eintönig ist, hat man das bis ins 19. Jahrhundert hinein oft gemeinsam gemacht und dabei geschwatzt. Offensichtlich nicht nur über hochgeistige Dinge. Denn nicht ohne Grund hat «spinnen» bis heute noch eine zweite Bedeutung, die genau von diesen Sitzungen herrührt, die in der Steinzeit wohl nicht viel anders abgelaufen sein dürften.

 Flachs hat man in Mitteleuropa schon im 6. Jahrtausend v. Chr. zusammen mit dem ersten Getreide eingeführt. Aber erst im 4. Jahrtausend v. Chr. erlebte die Textilherstellung einen grossen Schub. Spätestens seitdem spinnt man in Europa. Und in Zürich.

(Tages-Anzeiger, 11. Oktober 2010)

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