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Grabungstagebuch: Die Grabung und der Gletscher

Niels Bleicher

Dr. Niels Bleicher ist wissenschaftlicher Leiter der Ausgrabung Parkhaus Opéra. Der Archäologe und Dendrochronologe arbeitet im Amt für Städtebau.

 Diese Woche sprach ich mit einer Geologin über die Auswertung der Steingeräte, die wir auf der Grabung Parkhaus Opéra finden. Ein grünes Steinbeil weckte ihre Neugier. «Dieser Stein ist Serpentinit und kommt aus dem Alpeninnern», sagte sie. Mein Interesse war geweckt. Ich fragte, ob er ein Beleg für Handelsbeziehungen in die inneralpine Schweiz sei, so wie unser Feuersteindolch aus Italien kommt. Sie verneinte. Der Linth-Gletscher wuchs während der letzten Eiszeit bis nach Zürich und hat dabei grosse Mengen Steine aus den Alpen vor sich her geschoben. Die steinzeitlichen Siedler könnten den Stein also in Zürich gefunden haben, obwohl er aus den Alpen kommt. Ich war enttäuscht, und das war mir wohl anzusehen, denn sie empfahl mir, dem Gletscher nicht zu böse zu sein: Schliesslich habe er bei seinem Vorstoss auch gleich das Seebecken geformt. Ohne den Gletscher gäbe es also keinen Zürichsee und mithin keine Pfahlbauten und keine Grabung. Ich war ein wenig versöhnt.

 Übrigens waren die Gletscher nach der letzten Eiszeit häufig kleiner als heute, weil es wärmer war. Erst im späten vierten Jahrtausend v. Chr. begannen sie wieder zu wachsen. Unsere Siedlungen unter dem Theaterplatz liegen am Anfang dieser Wiedervereisung und somit in einem paläoklimatisch sehr interessanten Zeitraum. Heute, da die Gletscher wieder schmelzen, kommen auf den Pässen manchmal Dinge ans Tageslicht, die damals jemand verloren hat. Auch Ötzi wurde einst ein- und kürzlich erst ausgefroren. Vielleicht finden wir in den Schweizer Alpen ja auch noch einen steinzeitlichen Wanderer. Zum Beispiel jemanden, der mit Feuersteindolchen aus Italien auf dem Rücken auf dem Weg ins Zürcher Seefeld war.

(Tages-Anzeiger, 22. November 2010)

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