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Grabungstagebuch: Wenn Sisyphus mit dem Bagger arbeitet

Jakob Obrecht

Jakob Obrecht war bis zum 15. Oktober technischer Leiter der Grabung Parkhaus Opéra und für die Lösung der technischen Probleme verantwortlich. Nun wendet er sich neuen Herausforderungen zu.

 Wie leert man eine satt gefüllte, aber fest verschlossene Biskuitbüchse, ohne die Guetsli zu zerstören, wenn in ihrem Deckel nur drei kleine Löcher vorhanden sind? Mit viel Geduld und den richtigen Werkzeugen.

 Mit diesem Beispiel lässt sich das Vorgehen bei den archäologischen Grabungen unter der 60 mal 90 Meter messenden Decke des künftigen Parkhauses Opéra vergleichen. Wie bei einem Sandwich der Schinken liegen zwischen Parkhausdecke und den Kulturschichtbändern aus der Jungsteinzeit rund 15 000 Kubikmeter Schutt. Die Parkhausdecke ist lediglich mit drei 80 Quadratmeter grossen Öffnungen durchbrochen. Die Schuttschicht besteht aus massiven Resten der längst abgetragenen barocken Stadtbefestigung, einer Uferverbauung aus dem Jahre 1862 und allerlei frühneuzeitlichem Abfall. Sie galt es zuerst einmal wegzuräumen.

Strapazierte Geduld

 Dies sollte selbstverständlich parallel zur laufenden Rettungsgrabung geschehen. Gearbeitet wurde mit einem Kleinbagger sowie einer leichten Laderaupe, deren Schaufel nicht einmal 500 Liter fasst. Als wenn das nicht schwierig genug gewesen wäre, erforderte der feuchte, kaum befahrbare Untergrund eine Vorgehensweise, die für die von ihren Vorgesetzten auf Mengenleistung getrimmten Bauleute anfänglich sehr gewöhnungsbedürftig war: Für einmal zählen hier am Abend nicht die abgeführten Kubikmeter, sondern einzig die Anzahl Quadratmeter an unversehrt freigelegter Kulturschicht – und sei sie noch so klein. Alles zusammen war das eine in jeder Hinsicht an der Geduld zerrende Sisyphusarbeit.

 Im Gegensatz zu jenem unglücklichen Griechen ist sie uns aber geglückt, und die Schichten aus der Pfahlbauzeit sind nach nun bald sechs Monaten mehrheitlich unbeschadet von ihrer Last befreit und frei zugänglich: ein Guetsli für die Archäologie.

(Tages-Anzeiger, 18. Oktober 2010)

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