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Grabungstagebuch: Sprung ins kalte Wasser

Andreas Mäder

Andreas Mäder ist Leiter des Kompetenzzentrums Unterwasserarchäologie und Labor für Dendrochronologie der Stadt Zürich.

 Als Leiter der Fachstelle «Unterwasserarchäologie und Labor für Dendrochronologie» der Stadt Zürich darf man den Sprung ins kalte Wasser nicht scheuen. Als ich vor fünf Monaten meinen Traumjob antrat, hätte ich mir nie erträumen lassen, mit der Grabung Parkhaus Opéra gleich von Beginn an in eine Grossgrabung unserer Fachstelle involviert zu werden, wie sie seit nunmehr 30 Jahren in Zürich nicht mehr stattgefunden hat.

 Aber diese Rettungsgrabung war wohl für alle Beteiligten ein Sprung ins kalte Wasser: Allein die Grösse der Pfahlbausiedlung, die kurze Vorbereitungszeit, die grabungstechnischen und wissenschaftlichen Herausforderungen sowie das enge Zeitfenster verlangen allen, vom Projektleiter bis zu den Ausgräberinnen und Ausgräbern, alles ab.

 Natürlich juckt es mich in den Fingern, selbst Schaufel und Kelle in die Hand zu nehmen und mich dem Forscherdrang hinzugeben. Doch nebst dem Parkhaus Opéra gibt es noch zahlreiche weitere Pfahlbaufundstellen an und in den Seen im Kanton Zürich und den umliegenden Kantonen, um die meine Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und ich uns kümmern, die entdeckt, inventarisiert, beprobt, geschützt, erforscht und nötigenfalls ausgegraben werden wollen. Die Bedeutung der Pfahlbauten für Mitteleuropa zeigt sich zum Beispiel in der gemeinsamen Kandidatur aller Länder rund um die Alpen für das UnescoWeltkulturerbe-Label. Die Evaluationsmission der Unesco hat kürzlich auch nicht irgendwo begonnen, sondern dort, wo derzeit die Pfahlbauten die erste Geige spielen: auf unserer OpéraGrabungsstelle.

 In Zürich leisten fünf professionelle Archäologietaucher die Kernaufgabe unter Wasser – den Sprung ins kalte Wasser wagen sie jeden Tag aufs Neue, das ganze Jahr hindurch. Das ist nicht nur fachlich anspruchsvoll, sondern auch körperlich anstrengend. Und man muss aufpassen: Man holt sich schnell das Pfahlbaufieber.

(Tages-Anzeiger, 25. Oktober 2010)

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