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Knabe mit zwei Schafen, 1950, Karl Geiser

Karl Geiser, «Knabe mit zwei Schafen», 1950, Foto: zVg, Kunstsammlung Stadt Zürich
Karl Geiser, «Knabe mit zwei Schafen», 1950, Foto: zVg, Kunstsammlung Stadt Zürich

Ländliche Motive

Das von Stadtbaumeiser A. H. Steiner gebaute Schulhaus Probstei (1946-1951) ist nur ein Steinwurf von der Schulanlage Stettbach und doch Welten von diesem entfernt. Dort eine Betonlandschaft als Ausdruck eines an der Technik orientierten Fortschrittsglaubens, hier ein idyllisches ländliches Reservat für die freie Entfaltung der Kinder. Dabei liegen keine zwanzig Jahre zwischen diesen Anlagen.

Das Schulhaus Probstei ist ein typisches Produkt der Nachkriegszeit, in der man vom Bildungstempel wegkam und gerne verschiedene kleinere funktionale Bauten zu einem Ensemble vereinte. Typisch für diese Zeit sind auch die verwendeten einheimischen Materialien, die dem Ganzen einen Touch von Heimaststil verleihen. So wichtig wie die Architektur ist in dieser Schule die Natur, in die sie eingebettet ist. Was aussieht, als wäre es schon immer dagewesen, die Wiesen und der reiche Baumbestand, wurden bewusst für den Freiluftunterricht gestaltet.

Als Karl Geiser (1898-1957) den Auftrag für eine Brunnenplastik für dieses Unter- und Mittelstufenschulhaus bekam, war er längst einer der namhaftesten Bildhauer der Schweiz. Es ist anzunehmen, dass ihm das Motiv dafür freigestellt war. Jedenfalls ging er mit der Figurengruppe Knabe mit zwei Schafen auf die ländliche Atmosphäre in diesem Schulareal ein. Der gebürtige Berner, der seit 1922 in Zürich lebte, war ganz der Menschendarstellung verpflichtet, hatte davor mit dem Schreitenden Löwen (1934-1939) vor dem Kantonalen Verwaltungsgebäude Walche aber auch eine markante Tierskulptur für Zürich geschaffen. In seinem Nachlass fanden sich hundert Aufnahmen von Schafen und einem Knaben mit ausgestrecktem Arm, die zeigen, wie er sich auf die in Bronze gegossene Plastik vorbereitete.

Mit seinen Knickerbockern und der Schildmütze hat der Knabe, der zwei Schafen den Weg weist, mehr von einem Städter als von einem Bauernjungen. Was ihn mit diesen Tieren verbindet, ist nicht ganz klar. Seine Haltung ist aber freundlich entschieden, und die beiden Schafe, wohl ein Muttertier mit Lamm, folgen ihm munter.

Nach Anfängen, in denen er an einem zeitentrückten, klassischen Menschenbild arbeitete, hatte sich der politisch engagierte Geiser in den dreissiger Jahren dem «Alltagsmenschen» zugewandt, den er vor allem in der Arbeiterschaft fand. Ihm widmete er fortan all seine Aufmerksamkeit, wie auch sein zeichnerisches und fotografisches Werk belegt. Damit hatte er, wie er es selbst nannte, zu einem «sachlich-dokumentierenden Stil», das heisst zum Realismus gefunden.

Karl Geiser, der zur selben Zeit mit grösseren öffentlichen Aufträgen beschäftigt war, soll über diese Arbeit «unglücklich» gewesen sein. Weshalb, ist nicht überliefert. War sie ihm zu spannungslos, zu wenig komplex? Tatsächlich wirkt die in einer Linie aufgereihte Figurengruppe vor der mit Naturstein verkleideten Schulhausfassade etwas brav. In ihrer Liebenswürdigkeit passt die schön patinierte Bronzeplastik aber vorzüglich zu dieser naturnahen Schulanlage.

Caroline Kesser
© Kunstsammlung Stadt Zürich / Fachstelle Kunst und Bau

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