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Kühlein mit Gestirn, 1954, Otto Müller

Otto Müller, «Kühlein mit Gestirn», 1954, Foto: zVg Kunstsammlung, Stadt Zürich
Otto Müller, «Kühlein mit Gestirn», 1954, Foto: zVg Kunstsammlung, Stadt Zürich

Die einsame Kreatur

Architekt Ernst Gisel hat Otto Müller immer wieder zur künstlerischen Gestaltung seiner Bauten beigezogen. So auch beim 1988 vollendeten Alterszentrum Stampfenbach. Das aus dem Jahr 1954 stammende, für seinen neuen Standort in Bronze gegossene Relief Kühlein mit Gestirn ist wie eine Altartafel im Garten des Alterszentrum platziert. Ein kurzer, von Weinreben umrankter Laubengang führt auf dieses stille Kunstwerk zu. Man muss sich förmlich hineinversenken, um das Sujet zu erkennen: die kleine Kuh in dem unendlichen Raum unter einer fernen Sonne.

Als Sohn eines Handlangers in Thalwil geboren, fand Otto Müller (1905-1993) nach einer frustrierenden Bildhauerlehre seinen Weg im Atelier von Karl Geiser. Am meisten lernte Müller jedoch durch die Anschauung archaischer Plastik, der griechischen vor allem, auch der ägyptischen und mesopotamischen. Neben dem Menschenbild, das ihn zeitlebens beschäftigte, rückte das Tier immer wieder ins Zentrum seines Interesses. Bei Otto Müller ergänzen sich Figuration und Geometrie wie Erde und Himmel. Während jene für das Irdisch-Kreatürliche steht, verweist diese auf eine höhere, geistige Ordnung.

Die kleine Kuh ist hier zum Zeichen für die einsame, ausgesetzte Kreatur verdichtet. Ängstlich den Kopf hebend, hält sie sich am unteren Bildrand aufrecht. Boden hat sie keinen unter ihren Füssen; es fehlt nicht viel, und sie gleitet aus dem Bildfeld in die Tiefe. Gibt ihr das Gestirn als einziger Fixpunkt in einem leise bewegten Raum Halt oder bedroht es sie vielmehr in seiner Kompaktheit? Otto Müller lässt diese Frage in der Schwebe, aber keinen Zweifel daran, dass dieses Tier ein äusserst fragiles Wesen ist.

Auszug aus dem Text von Caroline Kesser

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