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Kunst und Bau in Schulanlagen: Die Schule ist auch ein Fest

Welche Bilder ihres Schulhauses nehmen Kinder ins spätere Leben mit? Und wie können Kunstwerke diese Erinnerungen mitgestalten? Diese Fragen beschäftigen alle Kunstschaffenden, die Werke für die schulische Umgebung in Angriff nehmen.

Dominik Zehnder: Die Welt steht kopf auf der Mattscheibe der Camera obscura.

Der Bildhauer Dominik Zehnder hat bei der Recherche zum Projekt im Schulhaus Aemtler bemerkt, dass die ganze Schulanlage mit Kameras überwacht wird. Das hat ihn bewogen, die Bildproduktion und den Begriff des Bildes zu thematisieren und für die Kinder unmittelbar erfahrbar zu machen. Wie ein riesiges, von einem schweren Betonring gefasstes Auge mit Pupille und Netzhaut steht nun seine Camera obscura auf dem Schulhof. Mit vereinten Kräften kann die Kamera von Schülerinnen und Schülern gedreht und auf die Kolleginnen und Kollegen und die Schulanlage ausgerichtet werden. Die Kinder stellen mit dem Instrument eigene Bilder her. Dabei schreibt sich ihnen ein überraschendes Seherlebnis ein: Die Welt steht in der Camera obscura nämlich kopf. Bilder belegen also nicht, was ist – sie sind stets durch ihre Herstellung geprägt. Platziert ist das Objekt «LUEG» genau da, wo auch ein klassisches Monument mit Sockel und Figur seinen Platz gefunden hätte: auf dem Schnittpunkt zweier städtebaulicher Achsen. «Als Bildhauer ist es mir wichtig, dass das Werk präzis im architektonischen Kontext steht und dass es mit neuen Materialien eine deutliche Verbindung zum bestehenden Umfeld schafft», sagt Dominik Zehnder. Und zur Bedeutung der Arbeit fügt er an: «‹LUEG› ist nicht einfach ein beliebiges Spielzeug.» Die Kinder werden sich an dieses mächtige Gegenstück von Smartphone und Games erinnern.

Mickry3: Subtil modulierte Heiterkeit.

Die Künstlerinnengruppe Mickry3 wünscht sich, dass die Kinder «stolz auf ihr Schulhaus sein und sich damit identifizieren können». Das Trio hat für die Quartierinfrastruktur Schütze figurative Sujets und Bildzeichen gesucht, die Kinder direkt ansprechen. Das funktioniert offensichtlich: Ein Junge steuert zielsicher auf ein Relief zu, das ein altes Auto zeigt. An der gegenüberliegenden Wand führt Mickry3 die Mehrdeutigkeit des Formenvokabulars vor Augen: Bei einem Gesicht kann die Mütze umgedreht werden und einen Unterkiefer darstellen. Abstrakte Symbole lassen sich zu immer neuen Formen fügen: Die Kinder lernen so ganz nebenher, wie ein Alphabet von Zeichen funktioniert. Die Heiterkeit, die die Gebilde verbreiten, ist subtil moduliert. Im Foyer kommen drei Reitende auf einem Pferd mit extrem langen Beinen wirklich «hoch zu Ross» daher – im Eingang zum Kindergarten dann schrumpft das Tier auf Ponygrösse und begegnet ihnen auf Augenhöhe. Hinter der Leichtigkeit steckt viel technische Raffinesse. «Die Betonreliefs sollen so wirken, als wären die Teile einfach an die Wand geklatscht worden.» Umspielt werden die eleganten grauen Reliefs von LED-Leuchten, die ebenfalls in Beton gefasst sind. Mit der Elektronik liesse sich ein kunterbuntes Feuerwerk erzeugen. Doch Mickry3 will nicht mit visuellen Reizen strapazieren, sondern setzt das On und Off der Lichter gezielt für die Signaletik ein: Rottöne führen zur Primarschule, Blau in die Bibliothek, Gelb zum Quartiertreff und beim Kindergarten leuchtet die ganze Palette. Den liebevoll gestalteten Reliefs über vielen Hauseingängen von älteren Genossenschaftssiedlungen im Quartier fügt Mickry3 mit «Fiesta, Fiesta» eine gewitzte neue Spiel- und Kommunikationsart hinzu. 

Raphael Hefti: Die Farben des Regenbogens verzaubern den Schulhof.

Mit «Showtime» im neuen Schulhaus Schauenberg hat Raphael Hefti einen Volltreffer gelandet. Die Arbeit begeistert Schüler*innen, Lehrer*innen und Passant*innen gleichermassen. Im Verlaufe des Tages wandern die Farben seines Regenbogens durch den Innenhof. Aber eben nur bei Sonnenschein. «Die Arbeit reflektiert nicht nur unser Tageslicht, sondern veranschaulicht auch ganz direkt unsere Lebensvoraussetzungen. Zu starkes Ultraviolett oder Infrarot schädigt uns, aber ohne das Licht im Spektrum dazwischen könnte kein Leben auf unserem Planeten stattfinden», sagt Raphael Hefti und erläutert: «Prismen brechen die Tageslichtwellen auf und bringen in den Farben des Regenbogens das Licht zur Darstellung, das den Pflanzen, den Tieren und uns das Leben auf der Erde ermöglicht.» Der Künstler wollte ein Werk schaffen, das Kindern zugänglich ist. Und er wollte die aussergewöhnliche architektonische Situation vor Ort nützen. Denn die Öffnungen im Dach ermöglichen es, das Sonnenlicht über Prismen nach unten in den Innenhof zu lenken. Die Schatten, die das Dach und die Gebäude werfen, lassen die farbigen Lichter umso stärker strahlen. Dass «Showtime» verspielt und sich dauernd wandelnd so faszinierend wirkt, beglückt auch die Wettbewerbsjury, die bei der Wahl eines Werks, dessen Umsetzung nicht bis ins Letzte voraussagbar war, ein Risiko einging.

CKÖ: Schulklassen zeigen Flagge.

Wie ein grosser Riegel steht das neue Primarschulhaus Pfingstweid zwischen der stark befahrenen Einfallstrasse und einem weiten Park. Das Kunstkollektiv CKÖ hat auf die anspruchsvolle Situation mit einer dreiteiligen Arbeit reagiert: «So können wir sowohl die Kinder als auch die Passanten die Besucherinnen des Parks ansprechen.» CKÖ bringt Zeichen ein, die erst rätselhaft wirken, aber nicht willkürlich sind, sondern die Umgebung assoziativ erweitern. «In diesem neuen Stadtteil wirkt alles bis zu den Logos und Beschriftungen so perfekt, effizient und optimiert – wir möchten da ein paar subtile Kontrapunkte setzen und die Fantasie der Kinder anregen.» Das Billboard auf dem Dach der Schule zieht als bewusst überdimensioniertes grossstädtisches Element die Aufmerksamkeit auch tagsüber auf sich, findet das Auge aber vor allem in der Dämmerung und der Nacht, mit leuchtenden Neons, die einen Flamingo, ein Icon und die Zahl 399,85 zeigen. Die Zahl vermittelt die Höhe über Meer des Parks zwischen Schulhaus und Bahngeleisen. Auf diesem Gelände haben früher Schrebergärtnerinnen und Schrebergärtner Flaggen wehen lassen. Heute sind es Schulklassen, die zu Beginn jedes Schuljahres bei einer gemeinschaftlichen Aktion ihre – ebenfalls übergrossen – Fahnen an drei Masten aufziehen. Im Treppenhaus der Schule schliesslich grast auf einer Fototapete ein Pony mit pinkem Kopfschmuck. «Erstklässler haben sich gefragt, ob das Pony wirklich in der Schule war. Und sich darauf verständigt, dass dies nicht möglich und das Bild auf dem Computer gefertigt sei», erzählt CKÖ. Das Tier war für die Inszenierung der Fotografie aber wirklich im Haus. In ein paar Jahren zieht es weiter und das Bild wird ausgewechselt. Die Kinder werden ihr märchenhaftes Pony nicht vergessen.

Die Kinder haben die Geräusche und Rhythmen für die Pausensignale geschaffen.

Wer erinnert sich nicht an die ratternde Pausenglocke der Primarschule: «Trrrr trrrr trrrr»? An der Kantonsschule klang es schon gebändigter: «Ding dong». Das «Kaleidophon» von Sonja Feldmeier schlägt nun ganz andere Töne an. Die Künstlerin hat für die Schulanlage Looren eine Klanglandschaft geschaffen, die alle Gebäude umspielt, deren Aussen- und Innenräume. «Jedes Gebäude wird zu einem Instrument, ist Resonanzkörper und reflektiert den Schall. Und jedes der sieben Häuser tönt anders», sagt Sonja Feldmeier. Die Schüler*innen waren an der Herstellung der Audioskulptur beteiligt. Während über zwei Wochen hat die Künstlerin mit ihnen die Geräusche ihrer alltäglichen Verrichtungen aufgezeichnet: Mit dem Ball spielen, Reissverschlüsse ziehen, durch die Turnhalle rennen, in Büchern blättern, schreiben, Stifte spitzen, mit Papier rascheln. Gefordert war hohe Konzentration, denn Nebengeräusche mussten vermieden werden. Bis zu Feinheiten sind sich die Kinder der Geräusche bewusst geworden: Notieren sie Namen und Adresse, tönt der Bleistift anders, als wenn sie eine Rechnung lösen. Professionelle Musiker*innen haben zum rhythmischen Puls der Schüler*innen Melodien und Klänge gefügt. Mit dem Komponisten und Sounddesigner Vojislav Anicic hat Sonja Feldmeier dann die Pausensignale entwickelt, die nun als begehbare Audioskulptur immer wieder von Neuem überraschen, denn die Signale klingen überall auf dem Areal anders. Der Beginn der Pause wird in den Innenräumen ‹eingeläutet› und schickt die Kinder dann lauter werdend nach draussen, wo der Klang am Uhrturm endet. Das Signal zum Ende der Pause erklingt zuerst auf dem grossen Platz in der Mitte der Schulanlage, wandert dann im Gegenuhrzeigersinn über Schwimmbad, Singsaal, Kindergarten, Schulhäuser und Turnhallen, sammelt die Kinder mit einem grossen Tusch ein und geleitet sie in die Klassenzimmer zurück. Für den etwas andern Tagesverlauf im Kindergarten wurden die Signale entsprechend angepasst. «Ich wollte eine immer wieder neu erlebbare Klangskulptur schaffen, die lange Bestand hat. Im Verlauf der Zeit und mit dem Wechsel der Standorte im weiten Schulareal wird den Schülerinnen und Schüler die ganze Klanglandschaft vertraut», sagt Sonja Feldmeier.

Text: Peter Schneider

Foto: Pietro Mattioli (Dominik Zehnder)
          Gion Pfander (Mickry3)
          Stefan Altenburger (Raphael Hefti)
          Marcel Meury (CKÖ)
          Sonja Feldmeier (Sonja Feldmeier)

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