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Stimmen zum Projekt

FOKUS - Kunst im Spital «Kunst Station Triemli»

An der Vernissage der «Kunst Station» im Juli 2010 stillten neun Korbflaschen mit angehängten Schläuchen den Durst der Besucherinnen. Der Ostschweizer Künstler Max Bottini freute sich über das Interesse an seinem Flüssigkeitsausschank, den er in Anlehnung an medizinische Infusionen gestaltet hatte. Der Österreicher Oliver Hangl brachte Besucher mit einem Konzert und anschliessender Spitaldisco über Funkkopfhörer zum Tanzen.

Das Herzstück des neuen Kunst-und-Bau-Konzepts für das Stadtspital Triemli bildet die von der Londoner Künstler- und ArchitektInnengruppe public works entworfene «Kunst Station». Von hier aus verbreitet sich der Virus Kunst in das weitläufige Spitalgebäude. Die «Kunst Station Triemli» ist ein Ort der Information und Dokumentation, sie lädt aber auch zum Reflektieren, Diskutieren oder Verweilen ein.

Noch bis Anfang 2011 läuft das partizipatorische Projekt der Deckenwerkstatt von public works. Dabei werden Mitarbeiterinnen, Patienten und Besucherinnen des Spitals animiert, eine sich dauernd verändernde Sammlung von Decken zu bestaunen, zu benutzen oder gegen neu mitgebrachte Decken einzutauschen. Vier Mal im Monat findet eine betreute Deckenwerkstatt statt. Die Teilnehmenden reden über Kunst und Alltag, nehmen Suchaufträge und Bestellungen für Decken entgegen, arbeiten an Decken oder tauschen solche aus.

Nachgefragt: Was bringt Kunst im Spital?

Welche Dinge interessieren die Künstler bei ihrer Arbeit im Spital, was möchten Sie mit ihren Werken bewegen? Und was verändert sich durch Kunst im Arbeitsalltag von Personen, die im Triemli tätig sind? Kann sie überhaupt etwas verändern? Und wo?

Antworten von Personen im Spital und von Kunstschaffenden, die an der «Kunst Station» beteiligt sind.

Roger Schneiter, Spital-DJ und Internist*

Roger Schneiter in Aktion.

Wenn ich Zeit finde und mich darauf einlassen kann, zeigt mir Kunst eine andere Perspektive und bringt mich auf andere Gedanken. Denkanstösse empfinde ich als wichtig, auch in meinem sehr betriebsamen Spitalalltag als Internist. Ich finde es gut, wenn das Denken über Kunst anregt, das eigene Tun kritisch zu hinterfragen.

Schön fände ich es, wenn Kunst im Rahmen der Architektur des Neubaus ein wichtiger Bestandteil sein würde.

*Roger Schneiter, Internist und Spital-DJ, hat beim Dancefloor «Triemli on Ear II» aufgelegt.

Frau Meister, ambulante Patientin*

Ich verfolge das Projekt von Anfang an. Es kann sehr anregend sein. Das Deckenprojekt weckt Erinnerungen, weil ich selber geschneidert, gestickt und gewoben habe.

Auf das Spital bezogen, finde ich, bewirkt das Ganze nicht viel.

Von der Kunst im Spital macht mir der Wandschmuck am meisten Freude und ich finde diesen auch sehr wichtig. Aber Lesungen und Theater finde ich schwierig, weil diese Darbietungen nur sehr wenige Leute, von der Sprache her, verstehen. Das Interesse an Kultur und Kunst ist allgemein beim Durchschnittsbürger gering.

*Frau Meister, ambulante Patientin, hat im Sommer eine selbst gehäkelte Babyhäkeldecke gestiftet und verfolgt das Deckenprojekt von Anfang an.

Max Bottini, Künstler*

«Infusionsflasche» am Housewarming von Max Bottini

Mit der Einrichtung der «Kunst Station Triemli» hat das Spital einen wichtigen Schritt unternommen. Die Institution Spital, ein geschlossenes System mit eigenen Regeln und Gesetzmässigkeiten, geht das Wagnis ein, den Blick von aussen zuzulassen. Dieser Brückenschlag ermöglicht den Austausch zwischen dem Innen und dem Aussen sowie der Kunst und dem (Spital-) Alltag. Ich frage mich grundsätzlich:

Wie funktioniert eine aus verschiedensten Ethnien, Religionen, Nationalitäten und gesellschaftlichen Schichten zusammengesetzte temporäre Gemeinschaft auf engstem Raum? Wie kann ich dieses multikulturelle Potenzial für eine künstlerische Intervention ausschöpfen?

Mit welchen Mitteln kann ich in die fein austarierten, eingeschliffenen Alltagsabläufe eingreifen, um die Wahrnehmung der Spitalgemeinschaft auf kluge, witzige, überraschende, irritierende, poetische und subtile Eingriffe zu lenken?

*Max Bottini hat schweizweit und in Europa unzählige Kochprojekte im öffentlichen Raum realisiert. In der «Kunst Station» hat er Getränke über ein medizinisch anmutendes Schlauchsystem angeboten.

Birgit Räber, Zentrallabor*

Konkret hat sich die Situation in der Cafeteria verändert. Der Platz zum Sitzen ist enger und es hat nicht mehr so viele Sitzplätze wie vorher. Das Filmprogramm bei der «Kunst Station» nimmt unser Team des Zentrallabors wahr. Wir ziehen es aber vor, die Pausen bei Kaffee und Gespräch oder Zeitung zu geniessen.

Mir gefallen die Ausstellungen, die im Untergeschoss stattfinden. Mein Arbeitsalltag würde sich verändern, wenn Kunst als etwas Erholsames und Erbauliches genossen werden könnte, und nicht mit einer Anstrengung verbunden wäre.

*Birgit Räber, Biomedizinische Analytikerin, Zentrallabor, Stadtspital Triemli.

Ruth Günter, Leiterin Bereich Betrieb*

Wir sind und waren im Triemli bereits bisher mit Kunst umgeben, sei dies in den Patientenzimmer, den öffentlichen Bereichen, in den Büros oder in der Umgebung. Allerdings ist das Kunstprojekt fürs Triemli eine neue Dimension. Das Kunstprojekt bedeutet für mich eine grössere Auseinandersetzung mit dem Thema Kunst und fordert Erklärungsbedarf: Was ist eigentlich Kunst?

Ich wünsche mir, dass konstruktive Gespräche stattfinden können über Kunst. Dass durch das Kunstprojekt Patienten, Besucher und Mitarbeitende angeregt werden und sich mit der Kunst auseinandersetzen. Und dass es uns gelingt, den Leuten Kunst etwas näher zu bringen.

*Ruth Günter, Leiterin Bereich Betrieb, Stadtspital Triemli.

Samuel Herzog, Journalist, Künstler*

Samuel Herzog an seiner Lesung.

Mich interessiert die Frage, ob Kunst in der Situation, wie sie Patienten erleben, überhaupt wahrgenommen werden, ob sie eine Bedeutung bekommen, ob sie mehr sein kann, als ein Farbtupfer an der Wand. Dahinter steckt die Frage, ob Kunst ein reines Luxusgut ist - oder ob sie auch in schwierigen Lebenssituationen etwas beitragen kann, ob sie also existenziell sein kann.

Es geht mir darum, einen gedanklichen Raum zu schaffen (im konkreten Fall den einer fiktiven Insel), in dem ich meine Erlebnisse so darstelle, dass sie von Dritten als Erzählung wahrgenommen werden. Auf einer praktischen Ebene treibt mich die Lust an, mein eigenes Leben als Abenteuergeschichte zu verstehen. Auf einer theoretischen Ebene geht es mir um die Frage, was es braucht, damit Literatur oder Kunst stattfinden kann - und über welche Medien man mit einem Publikum kommunizieren kann (etwa über Gewürze oder Spionagegeschichten).

*Samuel Herzog, Journalist, Künstler und Importeur von HOIO-Produkten aus Santa Lemusa lotet in seinem gesamtkunstwerkhaften Projekt aus, wie nahe eine Fiktion an die Realität heranzukommen vermag. Er hat in der «Kunst Station» aus den Reiseabenteuern des Santa Lemusischen Geheimagenten Hektor Maille gelesen.

Lisa Isler, Mitarbeiterin Empfang / Information*

Mitarbeitende und Besucher und Patientinnen sind auf die Plakate und Flyer aufmerksam geworden und fragen nach, was die «Kunst Station» ist und wo sie sich befindet. Ich erkläre ihnen den Weg. Die Internetstation, welche weggeräumt wurde, wird von manchen vermisst.

Ich habe sehr gerne schöne Skulpturen, wie die liegende Frau im Triemlihof. Ich würde es begrüssen, wenn es noch mehr Kunstwerke gibt, die Geschichten erzählen und als Erkennungsmerkmal funktionieren, wie unsere liegende Frau und das goldige Mannli vor dem Universitätsspital.

* Lisa Isler, Mitarbeiterin Empfang Notfallaufnahme, Stadtspital Triemli.

Oliver Hangl, Künstler*

Kopfhörerkonzert; Oliver Hangel mit Fotoapparat v.r. hält den Moment fest.

Jede Intervention im öffentlichen Raum ist ein Agieren in ungeschützten Realitäten fernab eines White Cubes! Eine Performance in einem Spital erfordert die Entwicklung eines orts- und kontextspezifischen Szenarios, das die Wahrnehmung von Patienten, Ärztinnen, Personal und Besucherinnen miteinbezieht.

Die durch den Einsatz von Funkkopfhörern vollzogene Trennung von Bild und Ton funktionierte bei beiden, an der Oberfläche bewusst als Unterhaltung präsentierten Projekten, perfekt: Beide Kunstwerke entstanden durch die Summe der individuellen Wahrnehmungen von Teilnehmenden und Betrachtern. Genau in dieser Offenheit liegt mein künstlerisches, durchaus chirurgisches Kerninteresse.

*Oliver Hangl, arbeitet in interdisziplinären Kunstbereichen zwischen Performance, Theater, Aktion und bildender Kunst. Für die «Kunst Station» inszenierte er das Konzert «Triemli on Ear I», feat. Tim und Puma Mimi und den Tanzanlass «Triemli on Ear II» sowie ein Kino im Kopf als Zwei-Kanal-Hörfilmfassung. Bei allen Anlässen wurde der Ton ausschliesslich über Funkkopfhörer übertragen.

public works, Künstlergruppe*

Eine mobile Einheit der Kunst Station Triemli

Uns interessiert, wie sich kulturelle Produktion im Alltag niederschlägt. Damit meinen wir alle Arten kultureller Produktion, die künstlerische oder architektonische ist eine davon. Uns interessiert, was Leute an einem bestimmten Ort machen und wie dies Einfluss auf den Ort nimmt. Was passiert neben dem medizinischen Alltag im Spital? Wo mischen sich private Interessen mit öffentlichen? Was ist der öffentliche Raum des Spitals?

Unser Beitrag zur «Kunst Station» hat verschiedene Facetten. Zum einen haben wir die mobile «Kunst Station» gestaltet und damit einen benutzbaren Raum geschaffen, der sich spielerisch vom funktionalen Alltag abhebt. Ein anderer Beitrag ist die Deckenwerkstatt, in der Decken gemacht, bestellt und getauscht werden können. Die Decke ist ein gemeinsamer Nenner, an dem sich individuelle Interessen festhaken.

Uns interessiert das Spital als öffentlicher Raum, der seine eigenen Regeln hat, aber dennoch als gesellschaftlicher Raum agiert. Die mobile «Kunst Station» und das Deckenprojekt sind so angelegt, dass sie die unterschiedlichsten Realitäten eines Spitals erfahrbar machen. Was wir mit unserer Kunst bewegen möchten? Wir sind eine Kunst- und Architekturpraxis und beschäftigen uns mit kulturellem Handeln in sozio-kulturellen Räumen. Es geht uns weder um eine klare Abgrenzung von Kunst zum Umraum, noch um eine anthropologische Untersuchung des Alltags, sondern darum, kulturelles Schaffen in engen Zusammenhang zum Schaffen von öffentlichem Raum zu stellen.

*Public Works (Kathrin Böhm, Torange Khonsari, Andreas Lang und Polly Brannan), eine in London ansässige Kunst- und Architekturgruppe, konzipiert und realisiert partizipative und kollaborative Projekte im und für den öffentlichen Raum. Die Gruppe hat die «Kunst Station» designt und gebaut, das Konzept für die Webseite und das Projekt «Ein-Zu-Mit Decken» entworfen.

Text und Interviews: Charlotte Tschumi, Projektleiterin Kunst und Bau

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