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Kunst und Bau Gemeinschaftszentrum Seebach

Urs Eggenschwyler, «Löwe», 1898

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Zürich ist voll von Löwen. Der Schildhalter des Zürcher Wappens ist als «Zürileu» zu einem Wahrzeichen unserer Stadt geworden. Es gibt aber nur einen Bildhauer, der dieses königliche Tier wirklich kannte: Urs Eggenschwyler (1849–1923). Der gebürtige Solothurner, der sich 1878 in Zürich niederliess, ist indes nicht als Künstler, Schöpfer von prominent platzierten Löwen (etwa die vier Bronze-Exemplare auf der Stauffacherbrücke oder der grosse Löwe aus Kunststein im Hafen Enge), sondern als Stadtoriginal, Menageriebesitzer und Tierfreund in die Lokalgeschichte eingegangen.

In seinem privaten Tiergarten, den er 1891 auf dem Milchbuck eröffnete, fand man neben diversen Löwen und anderen Wildkatzen auch Affen, Bären, Adler und Wölfe. 1902 kam dort ein Löwe zur Welt, den er selbst aufzog und wie ein Haustier hielt. Er pflegte mit ihm in der Stadt zu spazieren, was ihm die Polizei aber verbot. Fortan führte er das «Zürileuli» nur noch in der Dunkelheit aus, so dass man es für einen sonderbaren Hund halten musste.

Da die Ernährung seiner Tiere äusserst kostspielig war, lebte Urs Eggenschwyler meist am Rande des Ruins. Er war aber mit so namhaften Zeitgenossen wie Gottfried Keller, Arnold Böcklin, Richard Kissling und Carl Hagenbeck befreundet und kam auch zu zahlreichen öffentlichen und privaten Aufträgen. Nach der Jahrhundertwende war er im In- und Ausland vor allem als Erbauer künstlicher Felsen für fortschrittliche Tierparks gefragt. Der Zoologe und Tierpsychologe Heini Hediger zählte ihn bewundernd zu den «Tiermenschen».

Der aus feinem Muschelkalk gehauene Löwe im Gemeinschaftszentrum Seebach stammt vom Palais Henneberg, dem Prunkbau, den der Seidenfabrikant Gustav Henneberg 1896–1900 am Alpenquai (heute General-Guisan-Quai) errichten liess. Zusammen mit einem Pendant, das sich heute in Zolliker Privatbesitz befindet, thronte er auf dem Dach über der Rückfassade. Die wenigsten Passanten werden dieses Löwenpaar in dieser Höhe wahrgenommen haben. Das Palais Henneberg wurde 1969 abgerissen. Mit anderem Bauschmuck, den die Stadt Zürich rettete, gelangte dieser Löwe in städtischen Besitz und so in dieses gerade erbaute Gemeinschaftszentrum. Seebach machte als Standort besonders Sinn, konnte Eggenschwylers Menagerie nach dessen Tod hier doch für ein paar Jahre weiter existieren. Ein Nachhall davon findet sich noch in der Voliere etwas weiter unten am Katzenbach.

Dass der Löwe seinen Kopf leicht nach rechts gewendet hat, erklärt sich durch seine ursprüngliche Position auf dem Dach, wo er sich einem identischen, bloss seitenverkehrten Gegenstück zuwandte. Mit einer üppigen Mähne versehen sitzt er aufrecht, den Schwanz um das rechte Hinterbein gelegt, das Maul halb geöffnet, alles anatomisch korrekt.

Dieser imposante Löwe blickt Respekt erheischend, aber auch etwas melancholisch von seinem hohen Betonsockel unter der mächtigen Linde herunter. Schwingt da auch Trauer über den Naturalismus mit, in dem er verharren muss? Eggenschwylers naturgetreue Plastik galt Kunstexperten schon vor dem ersten Weltkrieg als nicht mehr zeitgemäss.

Caroline Kesser, Juni 2013

Kunst Urs Eggenschwyler (1849–1923)
«Ohne Titel (Löwe)», 1898
Savonniere (Kalkstein), 218 x 85 x 140 cm
Adresse Gemeinschaftszentrum Seebach
Hertensteinstrasse 20
8052 Zürich 

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