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Alterszentrum Stampfenbach

Otto Müller, «Kühlein mit Gestirn», 1954/1988

Otto Müller, Kühlein mit Gestirn

Architekt Ernst Gisel hat Otto Müller immer wieder zur künstlerischen Gestaltung seiner Bauten beigezogen. So auch beim 1988 vollendeten Alterszentrum Stampfenbach. Das aus dem Jahr 1954 stammende, für seinen neuen Standort in Bronze gegossene Relief «Kühlein mit Gestirn» ist wie eine Altartafel im Garten des Alterszentrums platziert.

Ein kurzer, von Weinreben umrankter Laubengang führt auf dieses stille Kunstwerk zu. Man muss sich förmlich hineinversenken, um das Sujet zu erkennen: die kleine Kuh in dem unendlichen Raum unter einer fernen Sonne.

Als Sohn eines Handlangers in Thalwil geboren, fand Otto Müller (1905–1993) nach einer frustrierenden Bildhauerlehre seinen Weg im Atelier von Karl Geiser, der ihn zwei Jahre als Mitarbeiter beschäftigte. Dessen Bekenntnis zu einem «sozialen Humanismus» wurde auch zu seinem Credo.

Am meisten lernte Müller jedoch durch die Anschauung archaischer Plastik – der griechischen vor allem, auch der ägyptischen und mesopotamischen. Mit zwei Arbeiterfiguren für das Technikum in Winterthur gewann er 1940 seinen ersten Wettbewerb. Neben dem Menschenbild, das ihn zeitlebens beschäftigte, rückte das Tier immer wieder ins Zentrum seines Interesses  ̶  auch dann noch, als er nach einem beharrlich verfolgten Abstraktionsprozess zur reinen Ungegenständlichkeit vorgestossen war.

Bei Otto Müller, der 1985 mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich ausgezeichnet wurde, ergänzen sich Figuration und Geometrie wie Erde und Himmel. Während jene für das Irdisch-Kreatürliche steht, verweist diese auf eine höhere, geistige Ordnung.

Die kleine Kuh ist hier zum Zeichen für die einsame, ausgesetzte Kreatur verdichtet. Ängstlich den Kopf hebend, hält sie sich am unteren Bildrand aufrecht. Boden hat sie keinen unter ihren Füssen; es fehlt nicht viel, und sie gleitet aus dem Bildfeld in die Tiefe. Gibt ihr das Gestirn als einziger Fixpunkt in einem leise bewegten Raum Halt oder bedroht es sie vielmehr in seiner Kompaktheit?

Otto Müller lässt diese Frage in der Schwebe, aber keinen Zweifel daran, dass dieses Tier ein äusserst fragiles Wesen ist.

Caroline Kesser, März 2013
 

Kunst Otto Müller (1905–1993)
«Kühlein mit Gestirn», 1954/1988
Bronze, 170 x 123 x 9 cm
Foto: Marc Lendorff
 
Adresse Alterszentrum Stampfenbach
Lindenbachstrasse 1
8006 Zürich 

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