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«It’s a… Women’s Women’s World!»

Karlas Geschichten: Neue Dauerausstellung im Zentrum «Karl der Grosse»

Daniela Keiser, «Montag 16.2013», 2013, Inkjet Print auf Papier auf Zeitung.

Wie gross war Karl der Grosse eigentlich? Die Frage kreuzt meine Gedanken, während ich mit einer wärmenden Tasse Cappuccino im Bistro des Debattierhauses sitze, das nach dem einstigen Frankenkönig und späteren römischen Kaiser benannt ist. Ich bin nicht seinetwegen hier, vielmehr wegen der Kunst, doch seine Aura dringt über den Namen des Altstadthauses zu mir vor und strahlt auch vom gegenüberliegenden Grossmünster ab. Sie wissen schon: Karl liess das Kloster hier erbauen, nachdem ihn ein Hirsch von Köln bis nach Zürich geführt haben soll, just dahin, wo unsere Stadtheiligen Felix und Regula begraben waren.

Gerahmte Zeitungsseiten an den Wänden des Bistros schieben sich in mein Blickfeld und holen mich zurück ins jüngste Weltgeschehen, das von anderen mächtigen Männern – ja, noch immer meist Männern – choreografiert wird: «Berlusconi stellt erneut die Vertrauensfrage», wird da getitelt, oder «Araber wollen UNO-Friedenstruppe für Syrien». Der Text zu den Headlines ist weitgehend «zensiert» durch ein Blatt, das sich an die untere Kante des jeweiligen Pressebildes legt und es in Achsenspiegelung doppelt. Die abgebildeten Konferenzsäle voller Regierender und Diplomaten werden durch den schlichten Eingriff ornamental abstrahiert und als formal präzise Inszenierungen entlarvt. 

Die Collagen stammen von der Künstlerin Daniela Keiser (*1963) und sind Teil der neu hier eingerichteten Dauerausstellung «It’s a … Women’s, Women’s, Women’s World». Kuratiert von der Kunsthistorikerin Bettina Meier-Bickel mit Werken aus der Städtischen Kunstsammlung, verschafft die Schau 13 wichtigen Zürcher Künstlerinnen verschiedener Generationen angemessene Präsenz in dem Haus, das zwar den Namen eines Herrschers trägt, aber im 20. Jahrhundert wesentlich von Frauen geprägt wurde: 1898 hatte hier der neu gegründete Zürcher «Frauenverein für Mässigkeit und Volkswohl» eines seiner alkoholfreien Wirtshäuser eröffnet – und es bis 1974 geführt. Der Alkoholismus als Nebenwirkung der Industrialisierung sollte so bekämpft werden, doch auch fortschrittliche Arbeitsbedingungen für die angestellten Frauen waren oberstes Gebot der engagierten Initiantinnen. 

Das lustvolle Spiel mit Rollenbildern

Schrift über Türsturz: Delphine Chapuis Schmitz, «WANDTEXTE (as far as I can tell) #2.1–2.2–2.3», 2019, Chromfolie // Wand hinten: Manon, «Die graue Wand oder 36 schlaflose Nächte», 1979, 36 Fotografien, S/W // Wand rechts: Daniela Keiser, «Donnerstag 12.2014», 2014, Inkjet-Print auf Papier auf Zeitung, Blatt: 48.3 x. 32.9 cm.

Der letzte Schluck Kaffee bringt mein Bewusstsein erneut zurück in die Gegenwart, wo ein Stück Schweizer Kunstgeschichte eine ganze Wand einnimmt und mir anstelle von Kuchen den Nachmittag versüsst: In einer 36-teiligen Fotoserie von 1979 führt die Performance-Pionierin Manon (*1940) ihre mal komisch, mal verführerisch, mal düster anmutenden Verwandlungskünste vor, erprobt dabei selbstbewusst und schrankenlos soziale Rollen. Dann entdecke ich eine Klebeschrift, unauffällig angebracht am Durchgang zu dieser Fotowand: «ONCE YOU GET THERE THERE IS NO TURNING BACK». Von welchem Ort gibt es kein Zurück? Die gebürtige Französin Delphine Chapuis Schmitz (*1979) lässt die Antwort auf diese Frage offen. Ich stehe auf und gehe unter dem Text hindurch, nehme den Weg in die weitere Ausstellung in Angriff, den die Worte mir zu weisen scheinen.

Pipilotti Rist, «Baum der Erkenntnis» und «Stemmung in die Lianen», 2006, Inkjet auf Papier.
Pipilotti Rist, «Baum der Erkenntnis» und «Stemmung in die Lianen», 2006, Inkjet auf Papier.
Pipilotti Rist, «Baum der Erkenntnis» und «Stemmung in die Lianen», 2006, Inkjet auf Papier.
Loredana Sperini, «Sara, Delia & Eva», 2006, Bleistift auf Papier.
Loredana Sperini, «Sara, Delia & Eva», 2006, Bleistift auf Papier.
Loredana Sperini, «Sara, Delia & Eva», 2006, Bleistift auf Papier.
Katja Schenker, «rencontre», 2011, Beton // Wand hinten: Shirana Shahbazi, «Plitvice & some other place» und «Erzurum & some», 2014, Direkter Flachdruck auf Papier.
Katja Schenker, «rencontre», 2011, Beton // Wand hinten: Shirana Shahbazi, «Plitvice & some other place» und «Erzurum & some», 2014, Direkter Flachdruck auf Papier.
Annelies Štrba, «Madonna (Nr.6)», «Madonna (Nr.9)» und «Madonna (Nr.10)», 2014, Pigmentdruck auf Hahnemühle-Papier und Goldfarbe.
Annelies Štrba, «Madonna (Nr.6)», «Madonna (Nr.9)» und «Madonna (Nr.10)», 2014, Pigmentdruck auf Hahnemühle-Papier und Goldfarbe.
Annelies Štrba, «Madonna (Nr.6)», «Madonna (Nr.9)» und «Madonna (Nr.10)», 2014, Pigmentdruck auf Hahnemühle-Papier und Goldfarbe.

Dieser Weg führt durch ein Haus, dessen sämtliche Stuben und Winkel prall mit Geschichte gefüllt sind und das doch ganz in der Jetztzeit verankert ist. Die neu hier eingenisteten Werke tragen das Ihre zu diesem Brückenschlag bei. Sie stammen von Künstlerinnen wie der Fotografin Shirana Shahbazi (*1974) oder der Performerin Katja Schenker (*1968), die in der hiesigen Kunstlandschaft auf ihrem jeweiligen Gebiet Wegweisendes geleistet haben.

Auch Verena Loewensberg (1912–1986) ist vertreten, die Frau, die sich einst im männlich dominierten Kreis der «Zürcher Konkreten» behauptet hat. Von Loredana Sperini (*1970) hängen zwei frühe Zeichnungen mit unheimlichen Figurenmotiven, ähnlich denen, die sie Anfang der 2000er-Jahre gestickt hat, noch bevor traditionell «weiblich» besetztes Handwerk für die Gegenwartskunst populär wurde.

Auf der obersten Etage, wo ich nach einem ersten Rundgang angekommen bin, stehen sich dann in zwei mietbaren Sitzungszimmern zwei klassische Frauenrollenbilder – neu interpretiert ‒ gegenüber: Im sogenannten «Turmblick» hängen drei Werke aus der berühmten Madonnen-Serie von Annelies Štrba (*1947). Die Video- und Fotokünstlerin hat die Farben ihrer gesammelten Bildvorlagen der Muttergottes mit Jesuskind digital verfremdet. Poppig modern statt ikonisch entrückt zelebrieren sie nun die Mutterfigur in sehr weltlichem Sinn.

Auf der anderen Seite des Flurs hält das «Weisse Zimmer» ein Wiedersehen mit einer paradiesischen Vision «unserer» weltberühmten Videokünstlerin Pipilotti Rist (*1962) bereit. Wer das Glück hatte, die Videoinstallation «Homo Sapiens Sapiens» in der Kirche San Stae auf der Biennale von Venedig 2005 zu sehen, bevor sie wegen empörter Katholik*innen geschlossen wurde, wird die lebenspralle Anmut nicht vergessen, mit der sich zwei nackte Frauen in üppiger Flora über die alten Kirchengewölbe bewegten. Diese beiden naturverbundenen «Evas», die bei Rist Pepperminta und Amber heissen, haben nun in zwei Filmstills einen Platz im «Karl der Grosse» gefunden.

Zwischen dem Ich und dem Wir, dem Damals und Heute

Über knarrende niedrige Holztreppen gelange ich zurück in den ersten Stock. Hier füllt sich das heimelig stilvolle Erkerzimmer gerade für eine Veranstaltung, die offenbar vor allem ältere Semester interessiert. Man könnte sich in einer Zeitkapsel wähnen, zurück in den 1980ern, als das «Karl» einstweilig ein Zentrum für Senior*innen war. Entstanden auf Initiative einer weiteren Pionierin, der ersten Zürcher Stadträtin Emilie Lieberherr, wurden hier auch die Alterswohnungen verwaltet – die damals eine neue, innovative Form des Wohnens brachten.

Das Publikum, das im Hier und Jetzt im Erkerzimmer Platz nimmt, wird derweil von Zwillingspaaren beäugt, deren schwarz-weisse Porträts reihum an den Wänden hängen und das vergleichende Sehen herausfordern. Barbara Davatz (*1944) hat die Serie «Doppelgänger» 1977 fotografiert, am Anfang ihrer künstlerischen Forschung zu Themen wie Identität, Individualität und Gruppenzugehörigkeit.

Barbara Davatz, «Doppelgänger», 1975/1977, S/W Fotografie.
Barbara Davatz, «Doppelgänger», 1975/1977, S/W Fotografie.
Barbara Davatz, «Doppelgänger», 1975/1977, S/W Fotografie.
Pipilotti Rist, «Mutaflor», 1996/97, Single-Channel-Bodenprojektion.
Pipilotti Rist, «Mutaflor», 1996/97, Single-Channel-Bodenprojektion.
Pipilotti Rist, «Mutaflor», 1996/97, Single-Channel-Bodenprojektion.

Ich ziehe mich zurück in den Coworking Space nebenan, wo die jüngste Künstlerin im Bunde der Ausstellenden, Milva Stutz (*1985), ihren soghaften Film «My Dear Lover» zeigt: Eine in Stop-Motion-Technik animierte rosa Knetmasse und eine digital erzeugte Hand überlagern sich im Bild ohne direkten physischen Kontakt, während eine Off-Stimme einen Liebesbrief an ein anonymes Gegenüber vorliest. Das Werk ist eine feinsinnige Reflexion über das Spannungsfeld von digitaler und analoger Welt und über den Wert der Berührung, der uns in Zeiten der Pandemie besonders bewusst geworden ist.  

Im Sekretariat schliesslich trifft man auf zwei frühe «Kitchen Paintings» von Clare Goodwin (*1973) und auf dem Weg zur Toilette – kess platziert am Eingang zum Männerklo – auf Zilla Leutenegger mit einem ebenfalls frühen Video, das im Zeitalter des Selfie rückblickend visionär anmutet.

Durch das Bistro trete ich zurück ins Freie, lasse mich dabei am Ausgang nochmals von Pipilotti Rists weit aufgerissenem Mund verschlingen: Ihr Video «Mutaflor» von 1996 wird als Loop auf den Boden am Eingang projiziert. Draussen, in der klirrenden Januarluft, fällt mir meine Anfangsfrage wieder ein: Wie gross war Karl der Grosse? Google weiss es, er mass rund 184 cm und war also für frühmittelalterliche Verhältnisse ein Riese. Ich werfe nochmals einen Blick auf das nach ihm benannte Haus. Der Schriftzug über der Bistro-Tür wurde vom Organisations-Team, das hier heute vielfältige politische Diskussionen anregt, überschrieben: «KARL*A DIE GROSSE», steht nun da. Ja, auch Karlas prägten und prägen die (Kunst-)Welt. Ihre Geschichten müssen bloss noch niedergeschrieben werden…       

Text: Deborah Keller

Foto: Raquel Brühlmann/Kunstsammlung Stadt Zürich

Dauerausstellung im Zentrum Karl*a der/die Grosse

«It’s a… Women’s Women’s World!» mit Werken von Delphine Chapuis Schmitz, Barbara Davatz, Clare Goodwin, Daniela Keiser, Zilla Leutenegger, Verena Loewensberg, Manon, Pipilotti Rist, Katja Schenker, Shirana Shahbazi, Loredana Sperini, Milva Stutz, Annelies Štrba

Kirchgasse 14, 8001 Zürich

Montag bis Samstag, 8–22 Uhr

Eintritt frei

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