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Nachlässe in der Kunstsammlung der Stadt Zürich

Kunst ist lang – oder sie geht vergessen

Künstlerische Nachlässe sind ein Erbe, das viele überfordert. Die Betreuung ist äusserst aufwändig, braucht Fachkenntnis, Zeit und Geld. Wer Glück hat, kann den Nachlass einer Institution übergeben. Doch auch Museen können die Aufbereitung kaum leisten und die Kunstsammlung der Stadt Zürich hat seit zehn Jahren keinen Nachlass mehr entgegengenommen. Ein Blick auf Nachlässe, die zuvor den Weg in die städtische Kunstsammlung gefunden haben, verdeutlicht die Problematik: Werke, die beim Publikum kein Interesse mehr finden, kann ein Depot nicht im Bewusstsein von Kunstliebhabern und Kunstliebhaberinnen halten.

Von Caroline Kesser

Ursula Rüefli war überglücklich, als sie 2002 den aus rund fünfzig Bildern bestehenden Nachlass von Max Billeter (1900–1980) der Kunstsammlung der Stadt Zürich übergeben konnte. Über zwanzig Jahre lang hatte die Lehrerin das Werk ihres Lebensgefährten gepflegt und bei der Durchsicht der hinterlassenen Arbeiten auch Hilfe von Fachleuten geholt. Von der Qualität seiner Malerei überzeugt, war sie pragmatisch genug, um nicht jeden Pinselstrich von ihm der Nachwelt erhalten zu wollen. Das Konvolut, das sie der Stadt Zürich schenkte, war ein «gereinigter» Nachlass. Dennoch musste sie froh sein, dass sie für so viele Gemälde und Zeichnungen einen sicheren Platz fand. Jedes Museum hätte dankend abgelehnt. Auf die städtische Kunstsammlung als mögliche Abnehmerin war Ursula Rüefli gekommen, weil die Stadt schon zwanzig Arbeiten von ihm besass, zwischen 1933 und 1966 angekauft.

Max Billeter (1900–1980)

Vorstadt, Zürich-Seebach, o.J.

Berühmt war Max Billeter nie. Während einiger Jahrzehnte gehörte er mit seinem erdigen Realismus aber zum soliden Bestand der Zürcher Künstlerschaft und stellte auch regelmässig aus, meist im Kunstsalon Wolfsberg, der die besten figurativen Schweizer Maler im Programm führte. Heute kennt ihn kaum noch jemand, was aber nicht heisst, dass seine Bilder nicht mehr vermittelt werden könnten.

In den letzten zehn Jahren hat die städtische Kunstsammlung, die in dieser Zeit um gut tausend Originale gewachsen ist, keinen Künstlernachlass mehr entgegengenommen. Schon davor sollte sie aber kein Auffangbecken für hinterlassene Kunstwerke sein. Deshalb braucht es bei der Annahme von (grösseren) Kunstwerken ja auch einen Stadtratsbeschluss.

Die gewichtigste Schenkung

Der gewichtigste Nachlass, der je als Schenkung an die Stadt gelangte, ist das Atelier Hermann Haller an der Höschgasse. Hedwig Haller-Braus, die Witwe des Künstlers und selbst Bildhauerin, hatte mit der 1982 vollzogenen Schenkung die Auflage verbunden, das 1932 von Haller an bester Lage am See erbaute Atelier tel quel zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das war ein Glücksfall, ist Zürich doch so zu einem der intimsten Museen gekommen. Das Geschenk bedeutet(e) aber auch eine Bürde. Zu den Betriebskosten kommen die fachgerechte Inventarisation und der konservatorische Aufwand für die gut tausend hinterlassenen Plastiken, von denen die meisten aus Englisch Zement oder Terracotta und somit äusserst fragil sind.

Hermann Haller (1880–1950)

Aida (Büste), o.J.

Hermann Haller (1880–1950) war einer der bedeutendsten Schweizer Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Als er 1950 starb, war sein Ruhm verblasst, und als sein Atelier im bewegten Zürich an die Stadt gelangte, galt er vielen nur noch als verstaubter Klassiker. Diese Wahrnehmung hat sich inzwischen geändert. Mehr und mehr entdeckt man Hallers unerhörte Vitalität und die Souveränität, mit der er sein Handwerk – das vom Aussterben bedrohte Metier des Bildhauers – beherrschte.

Beliebte Namen

Eine unerwartete Bereicherung für die Kunstsammlung bedeuteten die fast 250 Arbeiten auf Papier aus dem Nachlass von Leo Leuppi (1893–1972). Diese Kleinformate, Collagen vor allem, entstanden in den letzten Lebensjahren des namhaften Konstruktivisten und überraschten durch ihre verspielte Spontaneität. Es dauerte einige Zeit, bis diese kaum für die Öffentlichkeit bestimmten Blätter inventarisiert und konservatorisch fachgerecht archiviert werden konnten. Der Aufwand hat sich gelohnt; immer wieder finden sie in der Stadtverwaltung begeisterte Leihnehmer.

Leo Leuppi (1893–1972)

Ohne Titel (Nr. 288), 1965

Max Hegetschweiler (1902–1995)

Hamamet, 1989–91

Anders als Haller und Leuppi, die auch international auftraten, war Max Hegetschweiler (1902–1995), dessen Dutzende von Gemälden umfassenden (Teil-)Nachlass Stadtpräsident Josef Estermann 1995 der Witwe verdankte, ein Lokalmatador, einst sehr populär in seiner gefälligen Modernität. Einzelne Bilder Hegetschweilers finden durchaus noch Anklang, das Gros seines von der Stadt verwahrten Werks wird aber wohl im Lager bleiben.

Trouvaillen

Ein Teil der von der Stadt übernommenen Künstlernachlässe ist zum sanften Entschlummern bestimmt. Einzelne haben sich aber auch als Fundgruben erwiesen, wie die klassische Peinture von Charlotte Frankl (1881–1969), die über 200 leichthändigen Aquarelle mit meist französischen Motiven von Brigitta Erny (1898–1975) oder auch die kleinformatigen, dichten Landschafts- und Blumenbilder von Henry Hintermeister (1893–1978). Von Hintermeister, der künstlerischer Berater in der Kunstanstalt Orell Füssli war und in seinem Leben ganze fünfmal ausstellte, gibt es eine einzige, postum erschienene Publikation. Von Frankl und Erny sind grad knapp die Lebensdaten dokumentiert.

Charlotte Frankl (1881–1969)

Stillleben mit Pfeife, o.J.

Brigitta Erny (1898–1975)

Paris, Près de les Halles, 1936

Henry Hintermeister (1893–1978)

Bunte Häuser, o.J.

Ganze Nachlässe würde die städtische Kunstsammlung kaum noch entgegennehmen. Es fehlten ihr schlicht die Mittel, sie zu betreuen. Lagerkosten und Inventarisation sind nur das eine; zur Betreuung gehörte ja auch das (wissenschaftliche) Aufarbeiten und Vermitteln. Sie kann das mit der zunehmenden Kunstproduktion immer grösser werdende Nachlassproblem, das die Visarte, der Berufsverband der bildenden KünstlerInnen, schon in einem Symposium und einem Sonderheft der «Schweizer Kunst» (2/07) behandelt hat, auch nicht lösen. Qualitätsvolle Einzelwerke liesse sie sich aber nach wie vor schenken.

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