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Restaurierungen

Die Pflege und gegebenenfalls Restaurierung ihrer Werke zählen zu den zentralen Aufgaben von Kunstsammlungen. Bei der Kunstsammlung der Stadt Zürich zeigt das grosse Engagement zur Sensibilisierung der Leihnehmenden im Umgang mit Kunst mittlerweile Wirkung: Die Zahl der Schäden nimmt tendenziell ab.

Rechtzeitig interveniert, langfristig gespart

Restaurierung von Werken der Kunstsammlung

Mathis Sauter von der städtischen Kunstsammlung im Gespräch mit Restaurator Thomas Zirlewagen.

Die Kunstsammlung der Stadt Zürich lässt pro Jahr rund 50 der über 34 000 Kunstwerke restaurieren. Dafür stehen jeweils 90 000 Franken zur Verfügung. Mathis Sauter von der städtischen Kunstsammlung ordnet diesen Betrag wie folgt ein: «Die üblichen Restaurierungen sind damit gedeckt. Aufwändige Arbeiten können allerdings schnell einen erheblichen Teil des Jahresbudgets ausmachen. Es gilt daher immer, abzuwägen und Prioritäten zu setzen.» Erleichternd komme hinzu, dass positive Auswirkungen der Standortkontrollen bemerkbar seien. «Die Sensibilisierung der Leihnehmenden im Umgang mit den Werken hat dazu geführt, dass die Schäden in den letzten Jahren rückläufig sind – und zwar sowohl deren Anzahl als auch deren Ausmass.»

Gefährlich fürs Werk oder nur störend?

Bei der Planung der Restaurierungen haben die konservatorisch bedingten Aufträge Vorrang. Sauter beschreibt einen typischen Fall: «Wir achten bei Gemälden auf kleinste Risse in der Farbschicht. Greift man nun rechtzeitig ein, so lassen sich grössere Risse oder gar Abplatzungen verhindern.» Selbstredend, dass eine spätere Restaurierung deutlich höhere Kosten verursachen würde. Daneben gibt es Schäden, die primär ästhetischer Natur sind. «Entdecken wir leichte Verschmutzungen auf Malereien oder sogenannte Stockflecken – also kleine Feuchtigkeitsschäden auf Papier –, so müssen diese nicht unbedingt sofort behandelt werden, weil der Schaden nicht grösser wird.» Schliesslich erwähnt Sauter noch einen Aspekt, welcher der Schadensprävention dient: «Die Fragilität eines Werks ist immer mit ausschlaggebend für den Ausleihentscheid.» Bei Gipsplastiken zum Beispiel prüfe man den künftigen Standort besonders genau …

Der Zustand der Werke wird unter anderem während der Standortkontrollen, welche die städtische Kunstsammlung seit 2008 systematisch durchführt, überprüft. Hinzu kommt die Werkkontrolle bei Rücknahme in das Lager. Ausserdem sind die Leihnehmenden gemäss Leihschein dazu verpflichtet, der Kunstsammlung Schäden an den Werken zu melden. Die meisten Restaurierungen betreffen übrigens Bilder – Originalwerke und Druckgrafiken. Dies widerspiegelt die Zusammensetzung der städtischen Kunstsammlung.

2017 restauriert: «Dado» von Lea Zanolli im Schulhaus Waidhalde.

Kunst im schulischen Umfeld

Die aufwändigste Restaurierung im zurückliegenden Jahr betraf die Eisenplastik «Dado» von Lea Zanolli (vgl. auch unten stehenden Text). Sie steht im Schulhaus Waidhalde und ist damit eines von vielen Werken der städtischen Sammlung, das an halböffentlichen Orten auch einem breiteren Publikum zugänglich ist. Mathis Sauter hat den Zustand des Werks anlässlich der letzten Standortkontrolle genauer untersucht. «Die Plastik wies diverse Farbabschläge und Kritzeleien auf. Für die weiteren Abklärungen kontaktierte ich Restaurator Thomas Zirlewagen.» Obwohl mit der Platzierung von Werken in einem schulischen Umfeld ein gewisses Risiko verbunden sei, wolle die Stadt Zürich auf diesem Weg weiterhin das Kunstinteresse wecken, wie Sauter ausführt. «Und ausserdem: An einem Werk, das sich in tadellosem Zustand befindet, wagt man weniger, Spuren zu hinterlassen. Die Restaurierung hat also auch die Hemmschwelle für Kunstinterventionen der ungewollten Art wieder erhöht.»

Alte und neue Herausforderungen

Gelegentlich lösen auch alte Restaurierungen wieder neue aus: Der Klassiker bei Gemälden sind Firnisse – ursprünglich klare Schutzanstriche –, die nach einigen Jahrzehnten vergilben. «Das Wissen über die Verwendung und Veränderung von Materialien ist heute fundierter als früher. Aber natürlich lernt man immer aus den Eingriffen der Vergangenheit. Bestimmte langfristige Entwicklungen waren schlicht nicht vorhersehbar», gibt Sauter zu bedenken. Eine aktuelle Herausforderung der städtischen Kunstsammlung sind Fotos aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Gegen die dort auftretenden Verfärbungen ist man allerdings grösstenteils machtlos. «Glücklicherweise können von Fotos meistens Reprints angefertigt werden.»

Feinarbeit am 200-Kilogramm-Kunstwerk

Restaurierung des «Dado» von Lea Zanolli

Diplom-Restaurator Thomas Zirlewagen.

Das Werk «Dado» von Lea Zanolli (1899–1995) wurde 1973 angekauft. Ursprünglich stand die Plastik mit den sechs 1 m2 grossen Eisenflächen im Kindergartengebäude Wiedikon. Wegen der Umgestaltung des Spielplatzes Ende der 1980er-Jahre wurde das Kunstwerk im Keller des Schulhauses Aemtler deponiert. 1993 wurde der Eisenwürfel ein erstes Mal restauriert und anschliessend im Eingangsbereich des Schulhauses Waidhalde platziert. Im Folgenden erläutert Diplom-Restaurator Thomas Zirlewagen seine 2017 geleistete Arbeit.

Thomas Zirlewagen, worin genau bestand die Herausforderung am Würfel?

Obwohl die der Restaurierung vorausgehende Untersuchung erfreulicherweise ergeben hatte, dass die Farbfassung von 1993 grundsätzlich noch gut mit dem Untergrund verbunden ist, war der Zustand geprägt von zahlreichen kleineren und grösseren Farbverlusten durch unbeabsichtigte und leider auch mutwillige Beschädigungen sowie diverse Verschmutzungen. Neben einer gründlichen Reinigung war das Ziel der Restaurierung, alle Verluststellen in der Farbfassung durch Kittung und Retusche wieder zu schliessen und farblich zu integrieren, damit Lea Zanollis klare Formensprache wieder ungestört zu Geltung kommt.

Ein erschwerender Umstand war, dass die freiliegende Zinkoberfläche in den Ausbrüchen mittlerweile korrodiert war. Die besondere Herausforderung bestand also in der aufwändigen Vorbehandlung der zahlreichen kleinen Flächen, um eine gute Verbindung der restauratorischen Ergänzungen mit dem Untergrund zu gewährleisten.

Eine schadhafte Stelle auf Lea Zanollis «Dado» vor, während (gekittet) und nach der Restaurierung. 


Weshalb wurde die Plastik nicht vor Ort restauriert?

Für eine so umfangreiche Restaurierung bietet das Atelier viel bessere Bedingungen in Bezug auf Beleuchtung oder technische Infrastruktur und nicht zuletzt auch die nötige Ruhe für eine konzentrierte und effektive Durchführung der Arbeiten. Ausserdem hätte die Einrichtung einer Baustelle mit gewissen Lärmemissionen vor Ort den Schulbetrieb gestört, auch wenn es für die Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte sicherlich auch spannend gewesen wäre, die Arbeiten live mitzuverfolgen.

Wie läuft ein solcher Transport ins Atelier ab?

Die Plastik wiegt über 200 kg und besitzt eine empfindliche Lackoberfläche, weshalb der Transport einem professionellen Art-Handler-Team anvertraut wurde. Der Würfel wurde dazu aus seiner Bodenverankerung gelöst und für die Reise im Lastwagen vorsichtig auf eine massgefertigte und gepolsterte Palette gelegt und verpackt. Im Atelier wurde sie auf einem mobilen Sockel wieder aufgerichtet, so dass sie von allen Seiten bearbeitet werden konnte.

Weshalb entschied man sich für das Aufbringen eines Graffitischutzes? Was ist dabei zu beachten?

Am aktuellen Standort – in einem stark frequentierten Schulgebäude – sind neue Verschmutzungen und auch Graffitis zu erwarten. Daher erschien es uns sinnvoll, vorbeugend eine transparente Schutzschicht aufzubringen. Grundsätzlich stehen zwei unterschiedliche Anti-Graffiti-Schutzsysteme zur Verfügung: zum einen permanente Beschichtungen, die auch gegen scharfe Reinigungsmittel beständig sind, und zum anderen sogenannte «Opferschicht»-Systeme. Diese Beschichtungen sind reversibel und werden gegebenenfalls mitsamt dem Graffiti entfernt, also «geopfert». Anschliessend muss die Schutzschicht an der gereinigten Stelle wieder erneuert werden.

Was zunächst als Vorteil des ersten Systems erscheint, nämlich seine Dauerhaftigkeit, kann jedoch auch zum Nachteil werden: Wenn die Schutzschicht zum Beispiel durch Kratzer oder wiederholtes Reinigen beschädigt wurde, kann sie nicht entfernt werden, ohne dass die darunterliegenden – zu schützenden – Schichten beschädigt werden. Es kann bestenfalls eine weitere Schutzschicht aufgebracht werden.

Für Lea Zanollis Plastik wurden verschiedene Produkte beider Systeme auf Probetafeln getestet und evaluiert. Die Entscheidung fiel zugunsten einer reversiblen Wachsbeschichtung als «Opferschicht» aus, die zudem den Vorteil hat, dass ihr Oberflächenglanz sehr präzise an das ursprüngliche Erscheinungsbild der Plastik angepasst werden kann.

Und noch eine generelle Frage: Wie hat sich die Restaurierung von Kunstwerken in den letzten Jahren verändert?

An historischen Kunstwerken gehen Schäden in der Regel auf die natürliche Materialalterung oder auf Unfälle zurück. Als Restaurator sieht man sich jedoch nicht selten auch mit Problemen konfrontiert, die durch frühere Restaurierungsmassnahmen und -mittel ausgelöst oder verstärkt wurden.

Daraus versucht man zu lernen, indem man Eingriffe auf minimal-invasive Massnahmen beschränkt, die mit möglichst reversiblen Materialien ausgeführt werden. Reversibilität und Alterungsbeständigkeit sind daher zu den wichtigsten Prämissen in der modernen Konservierung und Restaurierung geworden. Alle restauratorischen Zutaten – zum Beispiel Retuschefarben, die ja ihrerseits auch der Alterung unterliegen –, sollten später wieder entfernt werden können, ohne dass der originale Bestand dadurch Schaden nimmt. Diese Erkenntnis ist nicht neu, bleibt jedoch eine ständige Herausforderung bei der Findung von nachhaltigen Restaurierungslösungen. Eine differenzierte Dokumentation aller Arbeitsschritte, die heute Bestandteil jeder Restaurierung ist, hilft Restauratoren in der Zukunft, den Zustand richtig einzuschätzen und adäquate Massnahmen zu ergreifen. 

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