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Aktuelle Ausstellung

Vernissage: Donnerstag, 14. Februar 2019, 18 Uhr
15. Februar bis 7. April 2019

of Color

Mit: BLA*SH – NETZWERK SCHWARZE FRAUEN*, PATRICIA BUCHER, FANO (MELAKU BELAY, MICHELLE ETTLIN UND JEROEN VISSER), ANN KERN, LYNNE KOUASSI, LUBOMIRA LAVRIKOVA, CAT TUONG NGUYEN, JEANINE OSBORNE, LEILA PEACOCK, NIKLAUS RÜEGG, ROMAN SIGNER, STELLA, GEORGE STEVEN

George Steven, Self Portrait, 2018
George Steven, Self Portrait, 2018

Diese Gruppenausstellung handelt von Farbe – «of Color» – und dem bewussten Um-gang damit. Diese Ausstellung handelt aber auch vom bewussten Umgang mit Farbbezeichnungen wie «Schwarz», «Weiss», «People of Color». Und nicht zuletzt handelt sie von unseren oft unbewussten Rassismen, die mit diesen Farbzuteilungen zusammenhängen.

Das Helmhaus Zürich ist nicht gerade of Color. Schon eher so weiss wie der berüchtigte Boden in den Ausstellungsräumen. Die Zürcher Künstlerin Lynne Kouassi hat uns vorgeschlagen, mit dieser weissen Norm – zumindest des White Cube – mittels einer neuen Farbe zu brechen. Daraus ist die Idee für die Ausstellung «of Color» entstanden. Sie bringt ein gutes Dutzend Künstler*innen zusammen, selbst People of Color oder nicht, die Farbe bekennen.

Farbe bekennen – ist das in einer Gesellschaft, die sich immer polarer zwischen arm und reich, zwischen links und rechts spaltet, einfacher geworden? Oder eben schwieriger, weil wir es uns, ohne grossen Widerspruch, in unserem eigenen Lager immer bequemer machen können? Künstler*innen kommen nie darum herum, sich mit der politischen Dimension von Farbe auseinanderzusetzen, selbst wenn sie vor allem im vermeintlich neutralen weissen Kubus arbeiten. Für People of Color wiederum kann «Farbe bekennen» zur nervigen – oder gar riskanten – Alltäglichkeit werden: In einem rassismuskritischen Workshop von Bla*Sh – Netzwerk Schwarze Frauen* in der Ausstellung «refaire le monde * PROPOSITION» fiel es vielen weissen Teilnehmer*innen schwer, sich als «weiss» zu bezeichnen – weil sie sich selbst noch nie so definieren mussten. PoC-Teilnehmer*innen gaben dagegen an, dass sie gezwungen sind, sich tagtäglich mit ihrer Hautfarbe in Gesprächen und Begegnungen auseinanderzusetzen, eben «Farbe zu bekennen». Weil auch in der fortschrittlichen und neutralen Schweiz nach wie vor ein sogenanntes Othering betrieben wird (ein aktives Distanzieren und Differenzieren der Gruppe, zu der wir uns zugehörig fühlen, um uns von anderen abzugrenzen), etwa anhand der Hautfarbe.

Ein Vorwurf, der auch gegenüber einer Ausstellung mit dem Titel «of Color» nicht ganz entschärft werden kann. Zumal hier eine, wie gesagt, hauptsächlich weisse Institution für die Betitelung einer Ausstellung eine Selbstbezeichnung der Black Community aus der Bürgerrechtsbewegung zitiert – «Person» oder «People of Color». In einem Artikel für die Wochenzeitung (WOZ Nr. 3, 17. Januar 2019) zu sprachlichen Ausgrenzungsmechanismen schreibt der Schriftsteller Martin R. Dean: «Heute gibt es die offizielle Kultur der Schweiz, es gibt die alternative – aber noch immer gibt es kaum kulturelle Institutionen, die sich mit der Kultur der Eingewanderten vermischen.»

Patricia Bucher, Im Museum, 2019, Aquarell, Linoldruckfarbe und Ölkreide auf Papier
Patricia Bucher, Im Museum, 2019, Aquarell, Linoldruckfarbe und Ölkreide auf Papier

Für uns hat die Ausstellungstrilogie «refaire le monde» letztes Jahr in vielerlei Hinsicht eine Suche losgetreten. Eine Suche, mitunter, nach einer Institution – nach einem Helmhaus –, wie sie sich Martin R. Dean wünscht: Eine Institution, die wirklich Teilhabe zulässt, die inklusiv, kollaborativ und vermischend statt spaltend oder hierarchisierend wirkt. Das ist kaum abschliessend zu finden, aber wir unternehmen Versuche. Einer davon ist die Ausstellung «of Color»: Sie bringt Künstler*innen zusammen, die Farbe – dieses fast schon urtümlichste künstlerische Gestaltungsmittel – einsetzen, sich mit Farbe auseinandersetzen, sich ihr widersetzen. «of Color» vereint Künstler*innen, die schwarzweiss malen – aber nicht schwarzweiss denken; die Farbbomben platzen lassen oder Farbe gleich ganz überflüssig machen – wenn sie sie nicht überfliessen lassen.

Das Ziel von «of Color» wäre: Farbe bekennen soll keine riskante Alltäglichkeit sein, und auch keine unangenehme Premiere, sondern eine mitunter lustvolle Bekleckerung von vermeintlich klaren Trennlinien.

Beteiligte*

Niklaus Rüegg, Préparations pour un miracle, 2010/2011, Mixed Media
Niklaus Rüegg, Préparations pour un miracle, 2010/2011, Mixed Media

Lynne Kouassi steht mit ihrer Idee, den Boden der Helmhaus-Ausstellungsräume einzufärben, in einer kleinen Helmhaus-Tradition: Cat Tuong Nguyen hat 2013 anlässlich der Ausstellung «Black Magic» die markanten Säulen im Helmhaus-Foyer pink malen lassen. Diesen Verweis auf den Usus beim US-Militär, vermeintlich Vietcong-infiltrierte Dörfer auf Armeelandkarten als «Pinkvilles» zu markieren, ergänzt der Künstler in «of Color» mit einer vielteiligen Zeichnungsserie, für die er Strassenoberflächen in Saigon abgerieben hat.

Patricia Bucher hat den Ausstellungstitel «of Color» zum Anlass genommen, in Tusch- und Aquarell-Zeichnungen über Farbenblindheit nachzudenken, während Leila Peacock sich in Wandtafelzeichnungen mit Theorien auseinandersetzt, die Farbe gleich ganz zur Fiktion degradieren. Der auch als Rapper SHIRT an der Ausstellungsvernissage aktive Amerikaner George Steven stellt sein «Self Portrait» zur Diskussion: Es besteht aus mehreren tafelbildartigen Elementen, auf denen die Namen der Vorbilder des Künstlers zu einem Selbstbildnis verschwimmen. Niklaus Rüegg hingegen legt einen Clown – diese ach so lustige Verkörperung von Vielfarbigkeit – auf eine schräge Holzplatte, sodass ihm scheinbar alle Farbe entfliesst.

Die junge Zürcher Künstlerin Stella zeigt nicht nur einen rund drei Meter hohen, verstümmelten Jesus, sondern bringt mit der Performance «Black Cheer» auch die dunkle Seite von Cheerleadern zum Vorschein. Lubomira Lavrikova dagegen schlüpft in die Rolle ihrer schon in verschiedenen Performances auftauchenden Kunstfigur einer «Dark Princess», die sich über Poesie und Bewegung neuen Handlungsspielraum verschafft.

Jeanine Osborne fragt nicht nur auf einer Leinwand, wovor wir eigentlich solche Angst haben. Sie beschäftigt sich in der Performance und der expressiven Malereiserie «Victory» auch mit dem Begriff des Siegs – und damit, dass ein Sieg immer auch eine Niederlage für die Gegner*innen darstellt. Bei Roman Signer indes wird die Farbe zur Waffe: Der Künstler hat 2012 in Shanghai eine blaue Farbbombe in einem riesigen Kamin platzen lassen – und so die Farbe gleichzeitig freudig sprudeln und bedrohlich brodeln lassen.

Die Zürcherin Ann Kern, die auch die Ausstellungsgrafik entwickelt hat, ist in der Ausstellung mit Filmstills weinender weisser Filmstars vertreten, die sich in den Untertiteln darüber beklagen, dass niemand ihre Haare anfassen will oder sie fragt, ob sie denn Afrikanisch sprächen. Während das Kollektiv Fano in einer Installation und Performance nach den Zwischentönen von Kulturen horcht, in diesem Fall zwischen einer äthiopischen und einer schweizerischen.

Veranstaltungen

Stella, Jesus, 2016
Stella, Jesus, 2016

Am Ende eines rund dreistündigen rassismuskritischen Workshops mit Bla*Sh – Netzwerk Schwarze Frauen* in der Ausstellung «refaire le monde * PROPOSITION» waren sich alle Beteiligten* einig: Jetzt fängt die Arbeit an den eigenen und erlebten Rassismen erst richtig an. Deshalb führen Bla*Sh an drei Abenden in der Ausstellung «of Color» diese Workshops weiter, auch neu Hinzukommende sind herzlich eingeladen.

In zwei 5-Uhr-Thesen wird das Thema Farbe aus verschiedenen Perspektiven verhandelt: Die Fem-Artivistin und Politikerin Yvonne Apiyo Brändle-Amolo denkt darüber nach, ob Farbe ganz überflüssig sein könnte. Während Barbara Diethelm aus ihrem Blickwinkel als Malerin und Leiterin des Künstlerfarbenherstellers Lascaux Farben darauf pocht, dass Farbe eben nie überflüssig ist. Mit Labitzke Farben ist noch ein weiterer, mittlerweile nicht mehr aktiver Farbenhersteller Thema einer Veranstaltung: Das Kollektiv «die grosse um_ordnung», mit dem das Helmhaus seit der «refaire le monde»-Trilogie 2018 näher zusammenarbeitet, lädt die Kulturwissenschaftlerin Diana Bärmann ein, im Gespräch ihre Recherche zu diesem ganz unterschiedlich – und vielfarbig – umgenutzten Zürcher Industrieareal vorzustellen.

Eine weitere intensive Kooperation sind wir für die Ausstellung «of Color» mit den Macher*innen des Luzerner Magazins Lack eingegangen. Das (un)abhängige Magazin koppelt sich für jede Ausgabe immer wieder neu an eine Ausstellung einer Institution an und vertieft deren Thematik in Interviews und Texten. Die Ausgabe «off-color» wird nun anhand eines Problemzone-Gesprächs mit den Herausgeber*innen und Autor*innen der Ausgabe vorgestellt.

Melaku Belay und Jeroen Visser, Jeanine Osborne und Lubomira Lavrikova ergänzen ihre Ausstellungsinstallation an je einem Abend mit einer Live-Performance, während George Steven (a.k.a. SHIRT) und Stella den Vernissageabend mit Rap und dunklem Cheerleading anreichern. Führungen mit Kunstvermittler*innen und Kurator*innen für Kinder und Erwachsene runden das Veranstaltungsprogramm ab.

NEUES GESPRÄCHSFORMAT: «Rederei»

Roman Signer, Kugel mit blauer Farbe, Shanghai Biennale 2013, Aufnahme mit High Speed Camera
Roman Signer, Kugel mit blauer Farbe, Shanghai Biennale 2013, Aufnahme mit High Speed Camera

Das Helmhaus ist seit 500 Jahren eine Anlegestelle direkt an der Limmat: ein Ort zum Ankommen, Verhandeln, Austauschen. Heute ist es Umschlagplatz für Ideen, Ansichten, Inhalte. Die «Rederei» ist ein neues Helmhaus-Format, ein Gesprächsangebot: An drei Tagen in der Woche sind Reder*innen mit unterschiedlichen Hintergründen und Lebensläufen in der Ausstellung anwesend – um zu reden. Mit Dir, über die Kunst und alles, was sie auslöst.

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