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«Liebe auf den ersten Blick!»

Auszeichnung «Goldene Letter» in Leipzig für «Almanach Ecart. Une archive collective, 1969-2019». © Baptiste Coulon, HEAD–Genève 2020.
Auszeichnung «Goldene Letter» in Leipzig für «Almanach Ecart. Une archive collective, 1969-2019». © Baptiste Coulon, HEAD–Genève 2020.

Bereits zum 10. Mal ist der Wettbewerb «Die schönsten Schweizer Bücher» des Bundesamts für Kultur im Helmhaus Zürich zu Gast. Als schönste Bücher wurden 19 Druckerzeugnisse des letzten Jahres erkoren. Darunter das Buch «Almanach Ecart. Une archive collective, 1969-2019», das zudem die höchste Auszeichnung, die «Goldene Letter», im Wettbewerb der «Schönsten Bücher aus aller Welt» erhalten hat. Ausserdem geht der diesjährige Walter-Tiemann-Preis an das Schweizer Buch «Kolkata – City of Print», das im Rahmen der Ausstellung «Auf der Suche» als Wandtapete im Helmhaus Zürich zu bewundern war.

Aber was zeichnet ein schönes Buch aus? Lassen sich Tendenzen feststellen? Welche Schweizer Qualitäten stecken zwischen zwei Buchdeckeln? Und wozu dient ein gebundenes Druckwerk im digitalen Zeitalter noch? Wir haben nachgefragt bei:

Kerstin Forster (KF), Jurymitglied Walter-Tiemann-Preis und Verlegerin Triest Verlag

Elisabeth Jobin (EJ), Mitautorin und Herausgeberin von «Almanach Ecart. Une archive collective, 1969-2019», Auszeichnung «Goldene Letter», 2019

Krispin Heé (KH), Gestalterin, zusammen mit Tim Wetter: «Kolkata – City of Print», 2019

Mara Züst (MZ), Künstlerin von «Kolkata – City of Print», 2019

Mirjam Fischer (MF), unabhängige Buchproduzentin und Herausgeberin in den Bereichen Kunst, Fotografie und Design mit mille pages

«Kolkata – City of Print», Ausstellungsansicht «Auf der Suche», Helmhaus Zürich, Foto: Zoe Tempest.
«Kolkata – City of Print», Ausstellungsansicht «Auf der Suche», Helmhaus Zürich, Foto: Zoe Tempest.

EJ: Pour qu’un livre soit beau, il faut que forme et contenu soient cohérents. Le graphisme ne suffit pas à faire «tenir» un livre dont le propos serait futile. Prenez l’exemple des catalogues d’exposition: si les œuvres de l’artiste qui y sont présentées ne sont pas intéressantes, cela se voit tout de suite, indépendamment de la qualité du graphisme du livre lui-même. Il faut trouver un équilibre entre graphisme et contenu, et donc établir un dialogue entre le/la graphiste et les autrices/auteurs d’un livre.

KH: Schön ist, was Freude bereitet, wenn es leicht und unbeschwert anmutet und wirkt wie ein Kinderspiel – und wenn die Spannung stimmt: also weder zwei Stunden auf Safari in der Hitze, ohne eine einzige Giraffe zu entdecken, noch die Begegnung mit haufenweise Tigern und Löwen auf einmal.

MZ: Verführung, optisch, sinnlich und im Inhalt – Liebe auf den ersten Blick!

«Kein Stil», 2017.
«Kein Stil», 2017.

KF: Im Wesentlichen besteht ein Buch aus zwei Buchdeckeln oder einem Umschlag sowie eingehängten Seiten oder Lagen. In der Buchgestaltung – in der Wahl der Ausstattung und des Formats – lassen sich Tendenzen ausmachen: Eine Zeit lang waren sehr grosse Bücher sehr gefragt; ich erinnere mich, dass ich oft nach der maximal möglichen Grösse beim Buchbinder nachfragen musste, die Formate wurden möglichst ausgereizt. Offene Rücken mit sichtbarer Fadenheftung oder mit Graukarton gebundene Bücher waren gehäuft zu sehen. Oder Bücher mit japanischer Bindung. Auch, welche Papierarten verwendet werden, ist gewissen Trends unterworfen, und nicht immer hängt es davon ab, ob eine Papiersorte neu auf dem Markt ist. Farbschnitte und Sonderfarben kommen mir in den Sinn … Das Buch wurde physisch sehr inszeniert.

Neben Format und Ausstattung spielt natürlich die Typografie eine entscheidende Rolle in der Buchgestaltung, das heisst, welche Schriften gewählt werden und wie der Umgang mit Schrift und Bild im Buch ist. Von allen Parametern, die in der Buchgestaltung möglich sind, hat man bei den Schriften vermutlich die grösste Auswahl: Jährlich kommen Tausende neue Entwürfe auf den Markt, nicht alle sind natürlich für eine Buchtypografie geeignet.

MF: Das ungebremste Interesse und die Freude an gut gestalteten und hergestellten Büchern sind ungebrochen gross, besonders im Kulturbereich, aber nicht nur. Das hat sicherlich damit zu tun, dass so viele Beteiligte – seien es die Auftraggeber*innen, die Gestalter*innen, Fotograf*innen, Übersetzer*innen und Lektor*innen, seien es die Papierlieferanten, die Druckereien oder die Verlage – ein Buchvorhaben immer noch mit viel Stolz und Beherztheit angehen. Die typisch schweizerische Handschrift ist mittlerweile aber schon längstens international geprägt. Das Netz der oft langjährigen Kollaborationen spannt sich über die Landesgrenze hinaus.

KH: In der Buchgestaltung gibt es keine No-Gos, schon gar keine absoluten. Wenn dann doch eines auftauchen sollte, dann wäre mein spontaner Reflex wohl, es in ein Go zu verwandeln, da es mich reizt, ins Unbekannte zu springen und im vermeintlich Hässlichen Harmonie zu suchen.

KF: Als Verlegerin gewichte ich zunächst nur nach dem Inhalt; wenn der nicht stimmt, kommt es zu keiner Veröffentlichung. Das heisst, das Manuskript muss schon als Word-Dokument funktionieren oder als Exposé. Die Form findet sich dann gemeinsam mit Herausgebern, Gestalterin und Verlag – alle müssen sich darüber Gedanken machen, wie die Inhalte zu transportieren sind und wie sie am besten in Buchform übersetzt werden können. Das schönste Cover mit dem falschen Titel bringt genauso wenig wie ein genialer Titel und herausragende Inhalte, die dann, lieblos verpackt, vom Buchhandel und vom Publikum unentdeckt bleiben.

MF: Bücher, die mich nicht interessieren und die keine Notwendigkeit verspüren lassen, dass es sie braucht, würde ich nie herausgeben. Mich interessiert zudem die Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit allen am Buch Beteiligten. Ein Buch zu realisieren, braucht viel Zeit und Energie. Deshalb muss auch der Prozess anregend, respekt- und lustvoll sein.

EJ: S’il y a des tendances de mode dans la conception est une question qu’il faudrait poser à un.e graphiste! Mais, en ce qui concerne les livres d’art, je pense qu’il y a une nouvelle fascination pour le document – la lettre, les notes manuscrites, bref, tout ce qui tient sur une feuille A4. «L’Almanach Ecart» en est un exemple. Les documents que cet ouvrage regroupe donnent à comprendre des phénomènes artistiques plus conceptuels ou abstraits, qui ne s’accompagnent pas toujours d’objets: les lettres et les cartes postales parlent d’amitié et des réseaux d’échanges alternatifs, d’autres documents rendent compte des performances ou des expositions dont on n’a plus d’autres témoignages. Tous ces documents en apparence dérisoires ont un fort potentiel historique et émotionnel. Je pense aussi au livre qui vient de paraître sur l’installation que Thomas Hirschhorn a faite à Bienne en 2019: on y retrouve également la passion de l’archive, de la trace, du document.

MZ: Wenn etwas typisch Schweizerisches in meinem Buch steckt, dann vielleicht die Idee, eine Buchproduktion in Kolkata kontrollieren zu wollen. Eigentlich ein No-Go …

Klaus Born, «Bücher. Bilder zum Lesen», 2020, Scheidegger und Spiess.
Klaus Born, «Bücher. Bilder zum Lesen», 2020, Scheidegger und Spiess.

KF: Die Frage, ob gedruckte Bücher im digitalen Zeitalter noch relevant sind, stellt sich nicht. Denn aus meiner Sicht sind nicht alle Inhalte dazu geeignet, nur als digitale Publikation zu erscheinen. Gleichzeitig sind auch nicht alle Inhalte, die digital verfügbar sind, geeignet, als Buch veröffentlicht zu werden. Die Frage ist also nicht, ob es das Buch noch braucht, sondern für welche Inhalte noch Bücher gemacht werden.

Als Verlag eines kleinen Fachbuchprogramms legen wir Wert auf sorgfältige Recherche, gute Gestaltung, anständiges Lektorat und Korrektorat und einwandfreie Herstellung. Für jeden Inhalt suchen wir die richtigen Gestalter*innen, das passende Format, die angemessene Ausstattung.

Typografie, Format und Ausstattung: Die optischen und haptischen Eigenschaften eines Buches sollen einladen, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen, durch eine hochwertige Verarbeitung; sie sollen aber auch versinnbildlichen, dass der Inhalt Bestand hat.

Im Gegensatz zu einer Website kann ich ein gedrucktes Buch nicht so schnell korrigieren, etwas austauschen oder ergänzen; das heisst, die Inhalte müssen vorab festgelegt, überprüft und überlegt zusammengestellt werden. Das Buch ist kein schnelles Medium, aber eines, dessen Inhalte lange überdauern.

Wozu man gedruckte Medien auf jeden Fall noch braucht? Fürs Lesenlernen von Grund auf. Nur wer auf Papier lange Texte lesen, verstehen und schreiben lernt, wird auch mit den anderen Lesegewohnheiten bei digitalen Medien, von Websites bis WhatsApp-Nachrichten, zurechtkommen, sich darin zurechtfinden und die Inhalte auch in verkürzter Form verstehen.

EJ: Les livres ne sont pas seulement les supports d’un contenu, ce sont aussi des objets. Lire un livre électronique implique une lecture utilitaire. À l’inverse, je pense que la lecture d’un livre papier est plus intimiste, parce qu’elle fait appel à d’autres sens: un livre se regarde, se touche, se manipule, se sent, se compare à d’autres livres. Par ailleurs, les lecteurs et les amateurs des livres ont des pulsions des collectionneurs: nous aimons tous les belles bibliothèques, qu’on peut admirer et aussi partager avec des amis.

MF: Ob ich im Internet zielgerichtet nach Informationen und Inhalten suche oder, mich treiben lassend, auf Unbekanntes stosse: Beides ist ein unglaublich stimulierender Akt des Lesens und Abschöpfens, aber es ist ein temporeiches Konsumieren, ein eigentliches Fast Reading. Die richtige Auslese zu treffen, kann anspruchsvoll und auch erschöpfend sein. Demgegenüber bietet das gedruckte Buch einen Ruhepol. Habe ich mich einmal für eine Lektüre entschieden, kann ich mich getrost in die Obhut des Inhalts geben und mich dabei total entspannen, gleichzeitiges Kochen oder Fahrradflicken ist – zumindest für mich – nicht möglich. Der Fokus liegt ganz auf der Erzählung und der inneren Welt, die sich in mir auftut. Das Buchobjekt selbst holt mich immer wieder in die Realität zurück, und dann ermesse ich mit meinen Fingern, wie lange die Reise noch andauert. Ein Buch ist ein idealer Rückzugsort; die Konzentration auf einen einzigen Inhalt und die Linearität des Lesevorgangs wirken sich sehr beruhigend auf die Lebensgeister und Körperenergien aus. Slow Reading gilt auch für Kunst- und Künstlerbücher. Für Kunstschaffende ist das Buch zudem seit jeher ein wichtiges Vehikel, um ihr Werk in Form einer Monografie oder als Künstlerbuch zu zeigen. Es ist wohl die kompakteste Form, Kunst zu vermitteln und in die Welt zu tragen. Die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk wird in einem spezifischen Moment festgehalten. Das Buch wird so zu einer Zeitkapsel. Gerade weil es so abgeschlossen und datiert ist, wird es zu einem bedeutenden Zeugnis.

Auszeichnungen am Wettbewerb «Schönste Bücher aus aller Welt» in Leipzig

Vom 6. bis 8. Februar 2020 führte die Stiftung «Buchkunst» in Leipzig den jährlichen Wettbewerb «Schönste Bücher aus aller Welt» durch. Eine internationale Jury prüfte rund 600 Bücher aus 31 Ländern, die bereits an nationalen Wettbewerben ausgezeichnet worden waren. Die Schweiz zählt zu den 11 ausgezeichneten Ländern und hat dieses Jahr die höchste Auszeichnung, die «Goldene Letter», erhalten für das Buch:

«Almanach Ecart. Une archive collective, 1969-2019»
Direction de l’ouvrage: Elisabeth Jobin, Yann Chateigné
Équipe de recherche: Yann Chateigné, Elisabeth Jobin, Mathieu Copeland, Pierre Leguillon, Émilie Parendeau, Dan Solbach
Textes: Laura Bohnenblust, Lionel Bovier, Nicolas Brulhart, Yann Chateigné, Katarzyna Cytlak, Dora Imhof, Elisabeth Jobin, Adeena Mey, Émilie Parendeau, Reiko Tomii
Graphic design: Dan Solbach, Bâle, Custom typeface by Dinamo, Bâle
Photolithographie: Roger Emmenegger, datatype, Lausanne
Imprimeur: TBS, La Buona Stampa SA, Lugano
Éditeurs: HEAD–Genève et art&fiction, Lausanne, ISBN: 978-2-940570-85-0
Prix: CHF 68.–

Auszeichnung Walter-Tiemann-Preis 2019 für das Buch:

«Kolkata – City of Print», 2019
Text: Mara Züst
Designer: Studio Krispin Heé, Krispin Heé, Tim Wetter
Spector Books OHG, Leipzig 2019
Klebegebundene Broschüre, 164 Seiten, Sprache(n): Bengali, Englisch
ISBN: 978-3-959052-94-8

Ausstellung im Helmhaus Zürich
Freitag, 4. bis Sonntag, 6. September 2020
Öffnungszeiten: Freitag und Samstag von 10 bis 20 Uhr; Sonntag von 10 bis 17 Uhr

Vorschau:

«/Natur/Kunst/Tiere/Körper/Maschinen/Menschen/Gefühle/»
25. September bis 15. November 2020, Helmhaus Zürich
mit Vanessa Billy, Leda Bourgogne, Stefan Burger, Florian Germann, Mélodie Mousset

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Bundesamt für Kultur https://www.bak.admin.ch/bak/de/home/aktuelles/nsb-news.msg-id-78267.html

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