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Haus der Kunst

(Un)verrückbar!

Im Ausstellungstext zur aktuellen Ausstellung «Zirkuliere! Eine Konspiration» (bis 20. Juni 2021 im Helmhaus Zürich zu sehen), schreiben die Kurator*innen Nina Arnold und Daniel Morgenthaler, dass sie «[…] wüssten, wer im Hintergrund regiere, zumindest in dieser Ausstellung – es sei Matto!» Wir haben es also mit Matto, dem Geist des Wahnsinns, zu tun. Im Kriminalroman «Matto regiert» von Friedrich Glauser – dessen Verfilmung der Ausstellung Pate stand – soll der ver-rückte Geist in der Heilanstalt wieder gerade-gerückt werden. Denn so will es die Allgemeinheit: Was aus der Spur geriet, soll wieder in die richtigen Bahnen gebracht werden. Das will auch die in der Gruppenausstellung vertretene Künstlerin Elisabeth Eberle. Sie will den Kunstbetrieb endlich zurecht-rücken. 

Geradebiegen

Elisabeth Eberle, «Frauen* zählen», 2010–2021, Foto: Zoe Tempest

Seit 2010 recherchiert, sammelt und analysiert Eberle den Kunstbetrieb hinsichtlich Frauenpräsenz in Ausstellungen, in Sammlungen oder auch in Bildung und Forschung. Dass es sich bei ihrer Arbeit «Frauen* zählen» (2010–2021) nicht um eine Verschwörung handelt, wie zunächst der Untertitel der Ausstellung «Eine Konspiration» erwarten lässt, wird durch ein anschauliches Konvolut von Zahlen, Dokumenten und Zitaten belegt. Es deckt die krasse Untervertretung von Künstler*innen in nationalen wie internationalen Kunstinstitutionen auf. In Ziffern ausgedrückt: 2010 standen etwa 15% Frauen 85% Männern gegenüber, die entweder gefördert wurden, deren Werke in einer Ausstellung zu betrachten waren, in Sammlungen vertreten sind oder angekauft wurden. Was das Geschlechterverhältnis von Kunstschaffenden nicht widerspiegelt – der Jahresbericht von 2010 des Berufsverbands «visarte – visuelle Kunst Schweiz» führt einen Mitgliederbestand von 2401 Aktivmitgliedern auf, davon 1195 Frauen und 1206 Männer. In den letzten zehn Jahren konnten die Frauen, wie das Archiv «Frauen* zählen» auf drei Ausstellungswänden darlegt, immerhin um 5% des Kunstterrains gut machen. Es beweist aber auch, dass die Frauenförderung noch viel Luft nach oben hat: sicherlich gute 30%, damit eine geschlechtergerechte Kunstzirkulation erreicht wird. Die Künstlerin will mit ihrem Archiv nicht ein Komplott heraufbeschwören, sondern sie fordert ein «Zusammen-Atmen», vom Lateinischen «con-spirare».

Dünne Luft

Elisabeth Eberle, «Lockdown-Selfies-Serie Femmage à Anne Marie Jehle», 2020

Im März 2020 wurde durch den Lockdown das Zusammen-Atmen plötzlich erschwert. Auch Elisabeth Eberle sah sich gezwungen, ihre Aktivitäten in ihre vier Wände zu verlegen. Eine Realität übrigens, die für viele Frauen auch in nicht viralen Zeiten alltäglich ist. Die Serie «lockdown selfies» zeigt die Künstlerin mit unterschiedlichen Masken vor dem Gesicht, die auf die Fremdbestimmung ihrer Existenz hinweisen. Auf einer Abbildung der 26-teiligen schwarz-weissen Fotoreihe trägt sie einen hellen, gehäkelten Mundschutz, mit dem sie dem Ernst der Lage mit einer ironisch-bitteren Antwort begegnet. Die Maske dient zwar nicht ihrem Zweck, ziert jedoch das Gesicht der Frau. Die Künstlerin verknüpft in diesem Selfie Komponenten, die nach wie vor als ursprünglich weiblich gelesen werden: die Frau zu Hause mit der Handarbeit, die rein dekorativen Zwecken dient. Die Maskenträgerin geniesst weder vollen Schutz, noch kann sie frei atmen. Auch die Arbeit «femmage à Anne Marie Jehle», die Eberle mit einem transparenten Plastiksack des Kunsthauses Zürich über dem Kopf zeigt, deutet darauf hin, dass die Luft für Frauen im Kunstbetrieb eher dünn ist. Der Werktitel verweist auf die liechtensteinische Künstlerin Anne Marie Jehle (1937–2000), die sich bereits vor 50 Jahren mit der Beziehung von Frau, Haus und Kunst auseinandergesetzt hat. 

Das Kunsthaus steht kopf

Anne Marie Jehle, «Kunsthaus», nicht datiert, Credits: Anne Marie Jehle-Stiftung, Vaduz (FL)

Anne Marie Jehles fotografische Arbeiten «Kunsthaus», in der sie sich selbst in Szene setzt, entstand in den 70er-Jahren. Der Auftakt der dreiteiligen Serie zeigt ein Selbstbildnis der Künstler*in mit geistesabwesendem Blick, durchgehend geöffnetem Mund sowie einem transparenten Sack über den Kopf gestülpt. Bei genauerem Hinsehen lässt sich die kopfüber hängende Aufschrift «Kunsthaus», die sich von Bild zu Bild über ihr Gesicht zieht, entziffern. Die Augen der Künstler*in wechseln vom Blick ins Leere über einen unvermittelten, nahezu konfrontativen Blick bis zu einem nach unten, als würde der Sack der Künstlerin die Luft abschnüren, ja sie allmählich ersticken. Anne Marie Jehle greift das Wort «Kunsthaus» immer wieder auf, zerlegt es in seine Bestandteile «Kunst» und «Haus», indem sie unterschiedliche Kombinationen erprobt. Sie untersucht die Beziehung zwischen ihr und dem Haus, zwischen ihr und der Kunst, zwischen der Kunst und dem Haus, dem Haus und der Kunst. So tritt die Überschrift «Kunsthaus» in einer anderen fotografischen Selbstinszenierung erneut in Erscheinung.

Frau als Kunst als Haus

Anne Marie Jehle, «Kunsthaus», nicht datiert, Credits: Anne Marie Jehle-Stiftung, Vaduz (FL)

Auf einer Fotografie der Arbeit «Kunsthaus» (undatiert) schaut Anne Marie Jehle, die Hände übereinander gelegt wie Mona Lisa, unmittelbar in die Kamera. Ihr schwarzer Pullover ist durch einen transparenten Streifen, der ihre nackte Brust offenlegt, unterbrochen, welche wiederum durch die Aufschrift «Kunsthaus» verdeckt wird. Geschickt spielt sie auf die gängige Darstellung der Frau als sexualisiertes Wesen und ihre Stigmatisierung als sozial unterlegenes Geschlecht in der Gesellschaft an, auch und gerade im hier hervorgehobenen Kunstbetrieb. Die Abbildung lässt sich als Aufforderung lesen, den Kunstbetrieb als männerdominierte Realität zu entlarven und zu dekonstruieren. Und als Aufforderung, sich nicht länger an der Frau als passivem Objekt und Kunstmotiv zu bedienen, sondern sie als handlungsfähige Akteurin miteinzubeziehen. Es ist aber auch ein Akt der Selbstermächtigung Jehles, sich selbst zur schöpferischen Produktionsstätte künstlerischen Ausdrucks – zum Kunsthaus – zu ernennen. Sie schafft es, die determinierte Rolle der Frau als Hausfrau geschickt aufzulösen.

Haus der Kunst der Frau

Anne Marie Jehle, «o.T.», o.J. Credits: Anne Marie Jehle-Stiftung, Vaduz (FL)

Im Beitrag «A.M. Jehle und ihr ‹Allemannisches Womanhouse›» von Silvia Eiblmayr (ANNE MARIE JEHLE hrsg. v. Kunsthaus Liechtenstein) wird die intensive Auseinandersetzung, die Jehle mit der sozialpolitischen Funktion des Hauses pflegt, hervorgehoben. Dies zeigt sich in ihren Versuchen, die Korrelation zwischen Haus, Frau und Kunst zu überlisten, indem sie die Verhältnisse zwischen Kunst, Haus, Frau offenzulegen und umzukehren versucht. Zudem schreibt Dagmar Streckel in derselben Publikation, dass Jehle die konventionellen Geschlechterrollen mit Witz und Ironie kommentiere. Ihr Elternhaus in Vorarlberg dient ihr als Handlungsfeld, als Atelier, als Präsentationsort und als leere Leinwand. Über Jahrzehnte arbeitet sie sich am Haus als Institution der Kontrolle über das Tun der Frau ab und verwandelt diese Auseinandersetzung in ein überzeugendes Kunstwerk. Nichtsdestotrotz droht das Haus sie letzten Endes zu verschlucken, bis sie sich 1989 mit einer vehementen Geste loslöst. Mit braunem Klebeband verpackt und verschliesst sie ihre Werke – teils kommentiert und datiert, teils ohne Anmerkung – und riegelt ihr Haus ab. Sie kehrt sowohl dem Haus als auch der Kunst, obwohl sie diese als ihre Bestimmung sah, für immer den Rücken. Warum A.M. Jehle die Kunst aufgab, ist nicht dokumentiert. Drohte sie, an der einseitigen Definitions- und Deutungsmacht der Kunstinstitutionen zu ersticken? Dass die asymmetrischen Machtverhältnisse im Kunstbetrieb längst nicht überwunden sind, beweist Eberle in ihrer Arbeit «Frauen* zählen». Dabei liegt es eigentlich weder in Jehles noch in Eberles Verantwortung, diese Aufarbeitung zu leisten und sich für die Rechte von Künstlerinnen einzusetzen, sondern einzig und allein in der unseren, der der Institutionen. 

Text: Nathalie Killias und Arathy Pathmanathan

Ein Dank geht an Dagmar Streckel (Konservatorin des künstlerischen Nachlasses der Anne Marie Jehle-Stiftung, Vaduz) für ihre informativen Ausführungen zur Künstlerin A.M. Jehle.

Publikationen zu Anne Marie Jehle:
ANNE MARIE JEHLE, hrsg. v. Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz, 2019
DU - Kunst und Kultur in Liechtenstein. Sonderedition A.M. Jehle, DU870, 2016
A.M. JEHLE. 15.12.1937-19.11.2000. hrsg, v. Anne Marie Jehle-Stiftung, Vaduz, 2007

Helmhaus Zürich

«Zirkuliere! Eine Konspiration»

Mit:
AOSAA & Angela Osterwalder & Sergio Antonio Araya
Maya Bringolf
Elisabeth Eberle
Ryan Gander
Anne Marie Jehle
Roman Selim Khereddine
Maya Lama
Angela Marzullo aka Makita
Vinzenz Meyner & Simeon Sigg
Christoph Oeschger
Dorian Sari
Raphael Stucky
Martina-Sofie Wildberger
NEW HEADS 2020: Flora Mottini

Kuratiert von Daniel Morgenthaler und Nina Arnold

Bis 20. Juni 2021

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