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Helm(zu)haus

Im letzten Kunst-Newsletter widmeten wir uns dem Helmhaus-Jahresthema «Zirkulation» und zeigten auf, wie unser ganzes Dasein auf Kreisläufen beruht. Dabei fragten wir uns, mit welchen Folgen zu rechnen wäre, wenn statt der immerwährenden Rotation plötzlich Stillstand herrschen würde. Und gerade mal fünf Wochen später, am Freitag, dem 13. März, wurde die Helmhaustüre auf unbestimmte Zeit zugeschlagen. Die Zirkulation der Besucher*innen in den Ausstellungsräumen, der Austausch mit den Kunstschaffenden, die rege Kommunikation zwischen den Mitarbeiter*innen brachen von einem Moment auf den anderen ab. Nach der Schliessung meldete sich das Helmhaus aber bald über digitale Kanäle zurück. So entstand «Helm(zu)haus». Die Corona-Zäsur hat jede und jeden auf unterschiedliche Weise beschäftigt. Wir haben nachgefragt:

Helm(zu)haus, behind the scenes. Foto: Daniel Morgenthaler
Helm(zu)haus, behind the scenes. Foto: Daniel Morgenthaler

Frage an Daniel Morgenthaler, Kurator: Die vorübergehende Schliessung der Ausstellung Florence Jung hast du zum Anlass genommen, die Ausstellung zu Hause als Instagram-Beitrag «nachzustellen». Kannst du dir vorstellen, dass wir in Zukunft Ausstellungen vermehrt digital aufbereiten? Glaubst du, es besteht eine Nachfrage, Ausstellungen virtuell zu begehen?

Daniel Morgenthaler: Der Akt, ein Werk aus der Ausstellung von Florence Jung bei mir zu Hause sehr behelfsmässig erlebbar zu machen, war eine Notlösung. Vom einen Tag auf den nächsten mussten wir im Helmhaus eine Ausstellung schliessen, die uns zuvor für einen Monat auf Trab gehalten hatte: Es waren permanent vier Performer*innen aktiv und auch die täglichen Gespräche mit euphorisierten oder auch verärgerten Besucher*innen wurden zu einem inspirierenden Ritual. Urplötzlich stoppte diese Aktivität – und ich habe versucht, sie wenigstens im Ansatz, digital, wieder aufleben zu lassen. Das musste ja kläglich scheitern – wie die meisten der vielen, nun erlebbaren Versuche, Ausstellungen virtuell offenzuhalten, zumindest teilweise immer scheitern. Damit meine ich nicht, dass sie unnütz sind: Sie sind eines von vielen Zeichen für die Widerstandsfähigkeit von Bildender Kunst und dem Kunstbetrieb, auch in einer Situation, in der beide quasi verunmöglicht werden. Und die digitalen Ausstellungsbesuche lassen uns erfahren, was das physische Erleben von Kunstwerken im Ausstellungsraum eben bei allem technologischen Fortschritt noch vom digitalen im Cyberspace unterscheidet. Ich glaube, wir alle konnten in Reaktion auf die Corona-Situation neue Wege erproben und erleben, für die sicherlich auch nach der Krise eine Nachfrage weiterbesteht. Ich selbst bin aber auch froh, wenn ich die Ausstellung von Florence Jung nicht mehr nur zuhause begehen kann.

Erfreuliche Anmerkung:

Türen lassen sich – wie in der Einzelausstellung FLORENCE JUNG erfahrbar ist – öffnen; manchmal nur einen Spalt breit, und gelegentlich fallen sie hinter uns zu. Ab 19. Mai wird das Helmhaus die abrupt geschlossene Türe zu dieser Ausstellung erneut öffnen.

Florence Jung: Plakat zur Ausstellung
Florence Jung: Plakat zur Ausstellung

Frage an Florence Jung, Künstlerin: Certaines salles de ton exposition actuelle au Helmhaus ne sont accessibles qu’à une seule personne à la fois, tandis que d'autres ne le sont pas du tout ou de manière restreinte. Avec le « lockdown », ton travail est soudainement devenu réalité. Que t’est-il passé par la tête quand tu as réalisé cela? Et la situation t’a-t-elle intimidée ou est-ce plutôt une confirmation ?

Einige Räume deiner aktuellen Ausstellung im Helmhaus darf man nur alleine betreten und wiederum andere sind nicht oder beschränkt zugänglich. Mit dem «Lockdown» ist deine Arbeit plötzlich Realität geworden. Was ging dir durch den Kopf, als dir das bewusst wurde? Und hat dich die Situation eingeschüchtert oder ist sie vielmehr Bestätigung?

Florence Jung: Il existe une tribu eurasienne qui possède plus de 400 mots pour désigner le concept de «porte». Des linguistes ont visité cette province et ont trouvé nombre d’indices témoignant d’une relation paradoxale entre le monde intérieur et le monde extérieur. Il s’agit d’une terminologie très nuancée, disent-ils, informée des conflits où des mondes se jouent les uns des autres, ainsi que des conflits où des concepts se définissent par la force de la négation pure. Une porte laissée entrouverte par inadvertance est une porte différente de celle qui doit être laissée entrouverte. Elle est donc infléchie d’une manière différente. Fermer une porte, disent-ils encore, constitue ainsi une action génitive. Ouvrir une porte, non. Ce qui est également différent d’ouvrir la porte et allumer la lumière du couloir. Finalement, la sonnette sonne, et on reçoit le message suivant: certains objets sont intentionnels et d’autres pas.

Es gibt einen eurasischen Stamm, der mehr als 400 Wörter kennt, um das Konzept «Tür» zu bezeichnen. SprachwissenschaftlerInnen haben diese Gegend aufgesucht und viele Hinweise auf eine paradoxe Beziehung zwischen der inneren und der äusseren Welt gefunden. Sie sagen, es handle sich um eine äusserst nuancierte Terminologie, die Kenntnis von Konflikten hat, in denen Welten sich gegenseitig ausspielen, aber auch von Konflikten, in denen Konzepte durch die Kraft der reinen Negation definiert werden. Eine Tür, die versehentlich einen Spalt breit offen steht, ist eine andere Tür als die, die einen Spalt breit offen stehen soll. Sie ist daher auf eine andere Art und Weise gebeugt. So ist eine Tür zu schliessen, sagen sie ausserdem, eine genitive Tätigkeit. Eine Tür zu öffnen, nicht. Das ist auch ein Unterschied zum Öffnen der Tür und dem Einschalten des Flurlichts. Schliesslich klingelt es, und man erhält die Nachricht: «Manche Objekte sind zweckbestimmt und andere nicht».

Frage an Nora Schmidt, Mitarbeiterin am Empfang: Wie fühlst du dich angesichts des Risikos bei der Wiederaufnahme der Beschäftigung am Empfang? Was löst dies bei dir aus?

Nora Schmidt: Mich beschäftigen viel mehr Fragen zu möglichen längerfristigen Folgen und Veränderungen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, in den verschiedensten Bereichen. Und die medialen, rechtlichen, ökonomischen und politischen Aspekte des Virus.

April ist der neue September

Dem Helmhaus-Jahresmotto «Zirkulation» entsprechend rotiert – der vorübergehenden Schliessung geschuldet – das Ausstellungsprogramm. Die ursprüngliche Frühlings-Ausstellung
/NATUR/KUNST/TIERE/KÖRPER/MASCHINEN/MENSCHEN/GEFÜHLE/ erblüht neu im Herbst.

Frage an Simon Maurer, Kurator: Was bedeutet es für dich als Kurator, eine Ausstellung zu verschieben? Ändert sich dadurch etwas an der Planung?

Simon Maurer: Das geschlossene Haus ruft eine Art Phantomschmerz hervor, es tut weh. Wir alle und die Ausstellung selbst sind ja «schuldlos». Das gemeinsame (Er)-Tragen von «Schuldlosigkeit» scheint mir aber lehrreich für die Gesellschaft. An der Ausstellung selbst wird sich durch die Verschiebung wohl kaum etwas ändern. Es ist fast ein wenig so, als ob die Künstler*innen alles vorausgesehen hätten. Mit ihrem Titel /NATUR/KUNST/TIERE/KÖRPER/MASCHINEN/MENSCHEN/GEFÜHLE/ passt die Ausstellung in diese Zeit.

Temporary working area set up in the attic, Foto: Vanessa Billy
Temporary working area set up in the attic, Foto: Vanessa Billy

Frage an Vanessa Billy, Künstlerin: Woher bekommst du dein Arbeitsmaterial, da alles geschlossen ist? Hast du Zeit, ins Atelier zu gehen, oder arbeitest du von zu Hause aus?

Vanessa Billy: I've been able to order material online in the usual way so that hasn't been a problem. I've been going to the studio once a week by bike. It takes me an hour to get there but it's been actually quite a wonderful thing to do. I've also set up a table in the attic of my building to be able to work there too when I get a chance. The daily activities with children at home have been absorbing most of my time and attention and early morning or late night seem to be the only time I manage to get a little headspace.

Ich konnte das Material auf dem üblichen Weg online bestellen, das war kein Problem. Ich bin einmal pro Woche mit dem Fahrrad ins Atelier gefahren. Um dorthin zu gelangen brauche ich eine Stunde, aber es war eigentlich eine wunderbare Sache. Ich habe auch einen Tisch auf dem Dachboden des Hauses eingerichtet, damit ich bei Gelegenheit dort arbeiten kann. Die täglichen Aktivitäten mit den Kindern zu Hause haben den größten Teil meiner Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch genommen und der frühe Morgen oder die späte Nacht scheinen die einzige Zeit zu sein, in der ich ein wenig Freiraum bekomme.

Bildschirmaufnahme von Stefan Burger: Überlegungen wie die Arbeit mit Glas entwickelt werden kann. Foto: Stefan Burger
Bildschirmaufnahme von Stefan Burger: Überlegungen wie die Arbeit mit Glas entwickelt werden kann. Foto: Stefan Burger

Frage an Stefan Burger, Künstler: Wie beeinflusst die momentane Lage die Produktion deiner geplanten Arbeit für das Helmhaus?

Stefan Burger: Die momentane Lage beeinflusst die Produktion in unterschiedlicher Weise. Im Augenblick ist es natürlich nicht möglich, die Glasbläserei in Novy-Bor, CZ, aufzusuchen, um die für die Arbeit notwendigen Glasarbeiten zu machen. Das hat aber auch sein Gutes, denn die Arbeit hat dadurch ein wenig mehr Zeit zu reifen. Die eklektischen Verzierungen werden in sich weiterentwickelt, was der Arbeit, glaube ich, gut tun wird. Auch der Schmetterling-Film bekommt jetzt die Chance, durch eine zweite Aufnahme-Session mit zusätzlichem Material ergänzt zu werden.

Nachgefragt haben Nina Arnold und Nathalie Killias

Wiedereröffnung der Ausstellung Florence Jung vom 19. Mai bis 21. Juni 2020
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag: 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 20 Uhr.

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