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Meins, deins. Unser!*

Die Besucher*innen gestalten mit den einzelnen Saaltexten ihren Folder.
Die Besucher*innen gestalten mit den einzelnen Saaltexten ihren Folder.

Im Helmhaus Zürich ist Mitte Juli eine fantastische Welt entstanden. Die Ausstellung «Kunststipendien der Stadt Zürich 2021» ist eine Verdichtung und explosionsartige Begegnung künstlerischen Schaffens. Die sechsunddreissig individuellen Arbeiten bilden ein Netzwerk und das kuratierende Team legt durch seine Präsentation Verbindungen zwischen den Werken nahe. Diesen Ansatz haben wir als Schreibkollektiv beim Verfassen der Saaltexte in Kooperation mit den Kunstschaffenden, dem Grafiker, dem Kuratorium und den Verantwortlichen der Kulturabteilung der Stadt Zürich auch verfolgt. Dabei erlebten wir nicht nur Überraschungen und Freude, sondern es kam auch zu Irritationen und Missverständnissen.

Projekte und Arbeiten entstehen selten allein im Kopf und Atelier der Künstler:innen; vielmehr verbirgt sich hinter der festgeschriebenen Autor:innenschaft eine Vielzahl an Stimmen, Gesprächen, Diskursen, helfenden Händen und kritischen Blicken. Wenn Unterschiedliches zu einem neuen Ganzen zusammenkommt, spricht man in der Gastronomie von Fusionsküche; in der Welt der Kunst und Kultur vom Kollektiv. Kollektiv arbeiten heisst, gemeinsam denken, sich ergänzen und so unterschiedliche Potenziale der Beteiligten ausloten – nicht selten unter einem neu gewählten Namen und dazu gehörender Gruppenidentität.

Text (links an der Wand) zu jedem Werk, hier: Djemaa el Fna – Sechseläutenplatz oder «Wie der Zirkus zu seinen Marokkanern kam», 2021, von Roman Selim Khereddine. (Foto: Zoe Tempest)
Text (links an der Wand) zu jedem Werk, hier: Djemaa el Fna – Sechseläutenplatz oder «Wie der Zirkus zu seinen Marokkanern kam», 2021, von Roman Selim Khereddine. (Foto: Zoe Tempest)

Die Kollektivität dieses Schreibprojektes bestand darin, dass wir als Schreiberinnen unsere Autorinnenschaften untereinander und mit den Kunstschaffenden teilten – erst war das Eigene in Ansätzen noch spürbar, später löste es sich ganz auf. Sich vom individuellen Schreiben loszulösen und den Blick zusammen auf einen Text zu richten ermöglicht eine unerwartet ehrliche und kritische Feedbackkultur. Indem wir gemeinsam eng um ein Werk kreisten, es reflektierten und konkretisierten, gewannen wir eine kollektive Sicherheit. 

Aber wer erntet bei einer geteilten Urheber:innenschaft die Lorbeeren? Welcher Text, welches Werk ist von dir? Keiner und keines – und doch alle? Es braucht Vertrauen, die Credits freiwillig zu teilen und nicht auf einem Meins! zu beharren, sondern ein Unser! zuzulassen. Kollektiv zu arbeiten verlangt nicht zwingend das Aufgeben von Autor:innenschaft, aber ein Umdenken von Wertvorstellungen. Teilen kann auch Gewinn bedeuten. Dann, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und eine neue Sichtweise entsteht. Was, wenn die geteilte Verantwortung sogar mehr Raum und Aufmerksamkeit für Kreativität zulässt? Vielleicht werden ja Solitäre im Schreiben in Zukunft vermehrt von Kollektiven ergänzt – wenn auch nicht ersetzt.

Es grüsst das Helmteam-Kollektiv!

*Dieser Titel stammt von einer ZHdK-Absolventin (Master in Kulturpublizistik). Er wurde in einem Gespräch für ein anderes Projekt als Titel verworfen.

 

Helmhaus Zürich
Kunststipendien der Stadt Zürich 2021
Ausstellung bis Sonntag, 5. September 2021

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