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«Zirkulation!»: Migrierendes Wissen

Unter dem Begriff «Zirkulation!» führt das Helmhaus in seinen Ausstellungen im Jahr 2020 sein inklusives Programm fort. Neben bereits bekannten Kunstschaffenden, die aktuell brennende Themen aufgreifen, bringen Menschen unterschiedlicher Herkunft ihre überraschenden Perspektiven ein. Das Museum wird zu einem Ort des Wissenstransfers.

Dieses Jahr widmen sich die Ausstellungen im Helmhaus dem Thema «Zirkulation!». Die Welt und ihre Beschaffenheit, die vielfältigsten Systeme, offene wie geschlossene Kreisläufe, ja, unser ganzes Dasein beruht auf Zirkulation. Sei es die Erde in unserem Sonnensystem, die ihre vorbestimmte Bahn zieht, der Golfstrom, dem wir in Europa das milde Klima verdanken, oder der Blutkreislauf, der auch die kleinsten Organismen am Leben erhält. Zirkulation bestimmt auch die meisten Handlungen unseres Zusammenlebens, von der Ökologie über die Ökonomie zur Technologie: Recycling, das der Wertschöpfungskette einen grünen Anstrich verleiht; der Austausch von materiellen und immateriellen Gütern, ohne den die Wirtschaft handlungsunfähig wäre, ohne Stromkreislauf würden die Daten der weltweiten Vernetzung irgendwo auf einer Wolke ein einsames Dasein fristen.

Während in einigen Sektoren, wie der Wirtschaft ein ununterbrochener Produktionsprozess angestrebt wird, versucht man in anderen Gebieten, wie der Migration von Menschen, den Fluss möglichst zu stoppen. Mit welchen Konsequenzen hätte man zu rechnen, wenn statt der immerwährenden Rotation plötzlich Stagnation herrschen würde? Bei manchen Kreisläufen wäre die Auswirkung verheerend. Und bei welchen wäre sie sogar gewollt?

Auch die Kunst ist Teil eines weltumspannenden Marktes. Sie wird über Messen, Biennalen oder Internet-Auktionen in Umlauf gebracht. Weit umfangreicher noch als der Umschlag der Werke selbst ist die Verbreitung ihrer Abbildungen durch analoge und digitalen Medien.

Kunst ohne Abbild

Florence Jung
Florence Jung

Die Künstlerin Florence Jung verweigert sich bewusst diesem System und lässt keine Bilder ihrer Arbeit zirkulieren. Die Einzelschau «Florence Jung», die am 14. Februar 2020 eröffnet wird, hinterfragt (unterbrochene) Abläufe. Die Künstlerin stellt das dauernde Streben nach Selbstoptimierung und Wachstum an den Pranger und die Verbreitung von Informationen durch die Medien und deren Wirkung in Frage. Entzieht sich Florence Jung der Kunstszene, indem sie die Veröffentlichung von Bildmaterial ablehnt? Die performative Umsetzung ihres Werks schafft versperrte Türen, die nicht jeder oder jedem einen Zugang gewähren. Vielmehr verweist sie die Besucherinnen und Besucher in private Räume, die dadurch öffentlich gemacht werden.

Billard mit Schlagworten

Leda Bourgogne, «Skinless», 2018. Foto: Roman März, Courtesy BQ, Berlin3
Leda Bourgogne, «Skinless», 2018. Foto: Roman März, Courtesy BQ, Berlin3

Bei der darauffolgenden Ausstellung im Frühjahr «NATUR / KUNST / TIERE / KÖRPER / MASCHINEN / MENSCHEN / GEFÜHLE /» mit Vanessa Billy, Leda Bourgogne, Stefan Burger, Florian Germann und Mélodie Mousset verhalten sich die Schlagworte wie chemische Elemente zueinander. Durch ihre Eigenschaften reagieren sie aufeinander, verbinden sich oder stossen sich ab. So steuert die Ausstellung Fragen über Fremd- und Selbstbestimmung an.

Behinderte Kreisläufe

Maya Lama, «Scores for blue tracings of a paper from a room with many sunsets», 2019. Foto: Maya Lama
Maya Lama, «Scores for blue tracings of a paper from a room with many sunsets», 2019. Foto: Maya Lama

Nach der Ausstellung zu Kunststipendien im Sommer und der anschliessenden Ausstellung im Herbst findet im Winter über den Jahreswechsel traditionellerweise eine Gruppenausstellung statt, für die sich das Helmhaus im Sinne der Teilhabe auf die Suche nach Kunstschaffenden begibt, die sich mehrheitlich an den Rändern der Kunstszene bewegen. Unter dem Titel «Zirkuliere!» geht es dieses Jahr um die ungleichmässig verteilten Kreisläufe von Rohstoffen, die Behinderung von Migration durch Stacheldrähte, Bürokratie und Angst.

Teilhabe ist Zirkulation

«El Plantón en el Helmhaus», 7.12.2019. Foto: Helmhaus Zürich
«El Plantón en el Helmhaus», 7.12.2019. Foto: Helmhaus Zürich

Im Gegensatz zur migrierenden Gesellschaft, die zwar Diversität offeriert, aber vermehrt auf Ablehnung stösst, ist paradoxerweise Wissen – obwohl es an eine Person oder eine Körperschaft gebunden ist – ein begehrtes Gut, das Wohlstand und Sicherheit verspricht. Das Helmhaus hat sich entschieden, diesem vermeintlichen Paradox umfassend Raum zu geben, und setzt auf eine Teilhabe aller auf allen Ebenen: Ein Wissenstransfer über Menschen unterschiedlicher Herkunft, verschiedenen Alters, diverser Kreise und Interessensgebiete ist dabei ein zentraler und bereichernder Aspekt dieses Austauschprozesses. Die teilnehmenden Personen tragen aufgrund ihrer individuellen Erfahrungen und Erkenntnisse mit den mannigfachsten Perspektiven dazu bei. Der frische Luftzug soll Staub aufwirbeln und tote Winkel ins Blickfeld rücken.

Das inklusive Verhandeln von Themen ist eine Herausforderung und verlangt Feingefühl, das es vermehrt zu entwickeln gilt. Mit dem Thema «Zirkulation» will sich das Helmhaus dieser Aufgabe ein weiteres Mal stellen und die Mühe nicht scheuen, die gesammelten und neuen Erfahrungen mit allen Interessierten zu teilen. Teilhabe ist eine Form von Zirkulation, mit dem Ziel, möglichst grosse und einschliessende Kreise zu ziehen, Brücken zu schlagen und Wissen ausserhalb der Museumsmauern einzuholen.

Text: Nina Arnold und Nathalie Killias

Jahresprogramm 2020

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