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Hinter jedem Berg steht noch ein Berg - Eine Begegnung von Gegenwartskunst aus China und der Schweiz

9. Dezember 2016 bis 5. Februar 2017

Vernissage: Donnerstag, 8. Dezember 2016, 18 Uhr

9mouth: Untitled, 2016, Fotografie, Negativfilm, Grösse variabel.
9mouth: Untitled, 2016, Fotografie, Negativfilm, Grösse variabel.

Chinesische Gegenwartskunst ist mittlerweile allgegenwärtig. Was die aktuelle Kunst Chinas und der Schweiz aber vereint, was sie unterscheidet, ist bisher selten konzis untersucht worden. Im Helmhaus kommt es nun zu einer Begegnung von je fünf KünstlerInnen verschiedener Generationen aus China und der Schweiz. Sie überraschen mit neuen, eigens für diese Ausstellung entstandenen Werken: ein Feuerwerk an Innovation, inspiriert von Ost und West, das Anfang 2017 im Filmpodium mit Independent-Filmen aus China eine zweite Stufe zündet.

Viele Berge verbinden China und die Schweiz. Standpunkte und Perspektiven verändern und relativieren sich auf diesem Weg. Eine Übersicht verbaut der nächste Gipfel. Ähnlich geht es in dieser Ausstellung im Helmhaus zu und her: Markante Künstlerpositionen aus Ost und West lassen über Verbindungen, Unterschiede und Überkreuzungen nachdenken. Das Feld, das sich am Ende zeigt, ist weit vielschichtiger als die erwartete Polarisierung: China zeigt sich in der Schweiz – und die Schweiz in China.

 

Ausgangspunkt in China

Tan Ping: Untitled, 2016, Acryl auf Leinwand, 100 x 120 cm.
Tan Ping: Untitled, 2016, Acryl auf Leinwand, 100 x 120 cm.

Ausgangspunkt zu dieser Reise war die Begegnung zwischen den beiden renommierten Malern Tan Ping und Luciano Castelli auf Ausstellungen im Nationalmuseum in Peking (2015) und im Shanghai Oil Painting and Sculpture Institute (2016). Initiiert von der chinesischen Kuratorin Huang Mei begegneten sich die beiden am kulturellen Feuertopf: der Chinese der abstrakten Malerei verpflichtet, der Schweizer der figurativen – genau umgekehrt, als man denken würde. Tan Ping arbeitet vor dem Hintergrund chinesischer Landschaftsmalerei und Kalligraphie und hat in Berlin Malerei studiert. Luciano Castelli war eine prägende Figur der «Neuen Wilden», machte schrille, die Geschlechter relativierende Performances, Filme und Musik, flirtete in seiner Malerei schon früh mit Chinoiserien – und erfindet sich nun wieder neu, indem er (auch) auf sein Frühwerk zurückblickt und dieses remixt. Tan Pings abstrakte Malerei ist europäisch und amerikanisch grundiert – und doch urasiatisch: in ihrer eigenen Farbigkeit und in der impulsiven und zugleich kontrollierten Kombination von Malerei und Zeichnung. Beide arbeiten in grossen Formaten – und im ersten Stock des Helmhaus Zürich wie schon in Shanghai auch direkt auf die Wand. Jeder für sich und manchmal sogar auch gemeinsam.

Animierte Geschichte, schmerzhafte Gegenwart

Luciano Castelli: Chinesisches Selbstporträt, 1986, Kunstharz auf Leinwand, 140 x 160 cm, Foto: Pro Litteris.
Luciano Castelli: Chinesisches Selbstporträt, 1986, Kunstharz auf Leinwand, 140 x 160 cm, Foto: Pro Litteris.

Die beiden ganz unterschiedlichen Meister, der Chinese nachdenklich und existenziell, der Schweizer vital und provokativ, treten nun nach den beiden Aufsehen erregenden Ausstellungen in Peking und Shanghai erstmals zusammen in der Schweiz auf. Die Dynamik dieser Begegnung inspirierte die beiden Helmhaus-Kuratoren Simon Maurer und Daniel Morgenthaler dazu, diesen Dialog mit einer Reihe von weiteren, exemplarischen Künstlerinnen und Künstlern aus China und der Schweiz weiterzuentwickeln. Sie stammen (fast) alle aus einer jungen und für europäische Verhältnisse sehr jungen Generation – und aus dem Repertoire von Kurator Li Zhenhua, der eine zweite, junge Welle chinesischer Gegenwartskunst in die internationale Kunstszene einbringt. Die beiden Schweizer Kuratoren besuchten sie und
andere an den ausfasernden, sich umwälzenden Rändern der Megastädte Shanghai und
Peking. Und nun sind sie hier – und mit Ausnahme von Tan Ping und Hu Jieming, Chinas New-Media-Pionier, zum ersten Mal in der Schweiz: mit neuen, für diese Ausstellung entstandenen Werken.

Mensch und Maschine

Tian Xiaolei: Song of joy, 2011, Video, 9:56 Min.
Tian Xiaolei: Song of joy, 2011, Video, 9:56 Min

Der Animation verfallen, entwirft Tian Xiaolei aus Peking im zweiten Stock des Helmhaus nichts anderes als die Zukunft: Mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine und der Wirklichkeit als Möglichkeitsraum entstehen prothetische Paradiese, die gleichermassen
verführen wie abschrecken. Das Zürcher Künstlerkollektiv U5 vermengt in Installationen
daneben und dazwischen auf analoge Art und Weise archaische Materialien und medizinisches Hightech – und umschlingt BesucherInnen in Performances ganz buchstäblich. Louisa Gagliardi, im Wallis aufgewachsen, lässt mit digitalen Hilfsmitteln klassisch malerisch anmutende Körper entstehen, die von zeitgenössischen Schmuckstücken durchbohrt sind, während Chantal Kaufmann aus Zürich in Film und begleitender Sprache schmerzhaft nah an ihre eigene Wirklichkeit heranzoomt – so allgemeingültig allerdings, dass ihre Diagnosen auch in China gelten könnten.

Hu Weiyi: Flirt, 2014, Installation, Fotografie, Grösse variabel.
Hu Weiyi: Flirt, 2014, Installation, Fotografie, Grösse variabel.

In einem weiteren Raum wird der Pionier der neuen Medien, Hu Jieming, erstmals mit seinem Sohn Hu Weiyi zusammenarbeiten. Beide haben ihre je eigenen Strategien entwickelt, Geschichte zu animieren, mal ausgehend von historischen Fotografien, die digital reanimiert werden, mal in Form von detailreichen Installationen, in denen öffentliche Figuren aus unterschiedlichsten Epochen zusammenfinden. Wieder ungleich intimer arbeitet der junge Fotograf 9mouth, der mit einem eigens für die Ausstellung entstehenden Künstlerbuch präsent sein wird. Biograf einer neuen Generation von Frauen in China, findet 9mouth zu ungewohnt offenherzigen und mit viel Lust an der Selbstinszenierung erarbeiteten Bildern – womit sich der Kreis zu Luciano Castellis theatralem fotografischem Frühwerk im ersten Stock des Helmhaus Zürich schliesst.

Veranstaltungen, Performances

U5: BLEACH, 2016, Performance, 3 Min.
U5: BLEACH, 2016, Performance, 3 Min.

Das umfangreiche Veranstaltungsprogramm zur Ausstellung beginnt vor-sichtig: Eine Führung am Sonntag vor der Vernissage ermöglicht die direkte Begegnung mit sämtlichen chinesischen Künstlern der Ausstellung – und einen einmaligen Einblick in eine Ausstellung im Aufbau («Vor-Sicht», So 4.12.16, 16 Uhr). Ebenfalls schon vor der Eröffnung kommt die
chinesische Band ST.OL.EN erstmals für ein Konzert nach Europa (EXIL, Di 6.12.16, 20.30 Uhr). Das Helmhaus schwärmt auch für weitere Veranstaltungen in andere Räume aus: Kurz vor Weihnachten findet im Atelier der Künstlergruppe U5 im neuen Zürcher Kreativ-Hotspot Altstetten eine «Brain Stimulation Conference» statt (Do 22.12.16, 20 Uhr). Und ab Mitte Dezember bis Mitte Februar zeigt das Filmpodium chinesische Independent-Filme und veranstaltet Gespräche mit FilmemacherInnen aus China.  

Im Helmhaus selbst finden die bereits etablierten Gesprächsformate und Führungen, unter anderem mit Luciano Castelli (So 8.1.17, 11 Uhr), statt: In der Reihe «Willkommen in der Problemzone!» sprechen die beiden Co-Kuratoren Li Zhenhua und Michael Vonplon über ihre Erfahrungen in der Arbeit zwischen China und der Schweiz (Do 12.1.17, 18.30 Uhr). Die beiden 5-Uhr-Thesen behandeln diesmal die Themen Ausstellungsgrafik, mit dem renommierten Grafikdesigner Jonas Vögeli (Mi 21.12.16, 17 Uhr), und das Phänomen des Kopierens in der chinesischen – und der Schweizer – Kunst, mit der Künstlerin Jiajia Zhang
(Mi 18.1.17, 17 Uhr).

Fast zum Ende der Ausstellung wartet der Zürcher Künstler Gregory Hari noch mit einem performativen Höhepunkt auf: In seiner «Langzeitperformance in 4 Akten», einer Zusammenarbeit mit dem Jazzmusiker Tapiwa Svosve, wird das ganze Helmhaus mit Musik, Gesang und Sprache aktiviert.

*

Die Ausstellung «Hinter jedem Berg steht noch ein Berg – Eine Begegnung von Gegenwartskunst aus China und der Schweiz» ist eine Kooperation mit dem Nationalmuseum in Peking, dem Shanghai Oil Painting and Sculpture Institute, dem Filmpodium in Zürich, dem Club EXIL und miro china, einer Schweizer Plattform für Kulturaustausch zwischen China und der Schweiz. Unterstützt wird das Projekt vom Hotel Baur au Lac und von Carl F. Bucherer.

Louisa Gagliardi: Jessie, 2016, Tinte auf PVC, 170 x 115 cm.
Louisa Gagliardi: Jessie, 2016, Tinte auf PVC, 170 x 115 cm.

  

Chantal Kaufmann: close, 2016, mini DV, 3:45 Min.
Chantal Kaufmann: close, 2016, mini DV, 3:45 Min.

Veranstaltungsprogramm

Das Helmhaus zu Gast im EXIL: ST.OL.EN aus Chengdu - erster Auftritt in Europa.
Das Helmhaus zu Gast im EXIL: ST.OL.EN aus Chengdu - erster Auftritt in Europa.

Informationen: siehe "Veranstaltungen" 

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