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AM NÄCHSTEN TAG GING DIE SONNE AUF

mit: Ali Al-Fatlawi, The Bad Conscience (Veru Loremipsum & LS Grave), Seraina Dür & Jonas Gillmann (in Zusammenarbeit mit dem Neumarkt Zürich), Philip Matesic, Teresa Pereira, Silvia Popp – Insel Institut, Alicia Velázquez, Guido Vorburger, Wassili Widmer, Willimann/Arai, Mirjam Wirz, Druckatelier Thomi Wolfensberger – kuratiert von Nadja Baldini, Vreni Spieser, Simon Maurer und Daniel Morgenthaler

Grafik: Sarah Parsons, Foto: Flo Streit
Grafik: Sarah Parsons, Foto: Flo Streit

Am nächsten Tag ging die Sonne auf – so könnte ein Roman anfangen. Die Ausstellung im Helmhaus Zürich handelt von Ausbruch und Aufbruch – mit der aufgehenden Sonne. Von der Fähigkeit zur Widerstandskraft und Erholung – nach überstandener Erschöpfung. Von Möglichkeiten einer Erneuerung. Ein gutes Dutzend Kollektive und Individuen, eigenwillige, unangepasste und kraftvolle Künstler*innen aus Zürich, exponieren sich und ihr Werk im Helmhaus.

Es war noch das Jahr 2019, als uns dieser Titel zufiel: «Am nächsten Tag ging die Sonne auf». In der Verschränkung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft könnte es der Titel eines Romans sein – oder eines Groschenromans. Mittlerweile ist uns allen klar, dass die Welt heute auch wie ein Groschenroman funktioniert. Ohne Garantie auf ein Happy End, allerdings. Garantiert scheint einzig, dass am nächsten Tag die Sonne wieder aufgehen wird. Egal, was in der Nacht zuvor passiert ist.

Die «Rücksichtslosigkeit der Zeit», die selbst über Massen von Toten mit einem strahlend blauen Himmel hinwegzieht, zeigt sich als Fluch und Segen zugleich: Weiter geht es immer – das ist die einzige Gewissheit. Nicht für alle, aber für die, die noch da sind. Dieses Unberechenbare und gleichzeitig Unaufhaltsame, sich über den ganzen Erdball Ausbreitende kennzeichnet unsere Gegenwart. Wachstum und Depression, wirtschaftlich und gesundheitlich – und alle Algorithmen helfen wenig, sich auf die Zukunft einzurichten. Die Folge sind Schwindel, Taumel, Atemlosigkeit. Das Verdrängte holt uns von hinten wieder ein.

Schon bevor das Virus kursierte haben sich die Eingeladenen in ihrer Kunst Gedanken über Kreisläufe und über «Zirkulation» gemacht haben – die Zirkulation hatten wir im Vorjahr zum Jahresthema des Helmhaus für 2020 gemacht. Die beteiligten Künstler*innen machen weiter, produzieren, gehen reflektierend in den Tag hinein. Sie nehmen das Licht mit und machen etwas daraus. Was auch kommen mag – am nächsten Tag. Sie spinnen Fäden zwischen Kontinenten und Kulturen, zwischen Erinnerungen und Gegenwart, zwischen Tag und Nacht, Alltag und Traum. Sie wechseln Perspektiven und sprechen das Gegenüber an. Sie sprechen mit Tauben.

Vier Beispiele:

Philip Matesic, ich erinnere mich an (zürich), 2020, Einrichtung, Postkarten und Performance (Foto: Zoe Tempest)
Philip Matesic, ich erinnere mich an (zürich), 2020, Einrichtung, Postkarten und Performance (Foto: Zoe Tempest)

Am nächsten Tag ging die Sonne auf – aber wie war Zürich am Tag davor? Der Künstler Philip Matesic erarbeitet seine Werke immer zusammen mit Ausstellungsbesucher*innen oder Passant*innen. In diesem Fall möchte er im Kollektiv herausfinden, ob eine Stadt, also Zürich, eine Erinnerung hat. Dabei bringt er Techniken zum Einsatz, die vom Buch Ich erinnere mich des amerikanischen Autors Joe Brainard inspiriert sind, einem regelrechten Strom an Erinnerungen, der uns unweigerlich reinzieht und eigene Erinnerungen an die Oberfläche spült. Zürich? Da war doch mal was…

Willimann / Arai, Avatar tours #1 – 3: Zurich – Tokyo, Mixed Media Installation, Performance (Foto: Zoe Tempest)
Willimann / Arai, Avatar tours #1 – 3: Zurich – Tokyo, Mixed Media Installation, Performance (Foto: Zoe Tempest)

Mayumi Arai ist uns immer acht Stunden voraus und weit weg, während Nina Willimann die Gegend rund ums Helmhaus erkundet: Überlagerungen von Zeit, Raum und Körpern passieren, wenn man dem Avatar willimannarai begegnet. Ein Wesen aus Fleisch und Blut spricht zu einem, hier in Zürich. Und doch ist da diese permanente Verunsicherung, ob man sich nicht doch mit Tokio unterhält. Die Besucher*innen haben Gelegenheit, den Avatar live zu begleiten: auf Spaziergängen durch die Altstadt, durch Altstetten – und durch das Bahnhofsviertel Ueno in Tokio, in Zürich.

 

Mirjam Wirz, Ojos Suaves / Soft Eyes, 2020, Soundsystem, Fotografie, Publikationen, Audio, geloopt 1:03 Std.  (Foto: Zoe Tempest)
Mirjam Wirz, Ojos Suaves / Soft Eyes, 2020, Soundsystem, Fotografie, Publikationen, Audio, geloopt 1:03 Std. (Foto: Zoe Tempest)

Das Soundsystem von Mirjam Wirz reicht bis zur Decke des Ausstellungsraums. Aus den aufeinander gestapelten Lautsprechen ertönen Musikfragmente und Stimmen aus Mexiko City – hier hat die Künstlerin ihre Recherchearbeit «Sonidero City» begonnen. Den Spuren der Cumbia-Musik folgend, bringt Mirjam Wirz Erzählungen von Menschen, Musik, Alltag, Welt und Wissen zusammen und verknüpft diese zu einem Bild-Text-Mosaik. «Ojos Suaves» (Weiche Augen) nennt sie ihre Arbeit und dementsprechend offen ist ihr Blick. Er sucht nach einem unbestimmten Augenblick, in dem alles möglich erscheint.

 

Druckatelier Thomi Wolfensberger, Gruppendruck, Lithografien als Mappenwerk, 2020, mit Patrick Graf, Emil Gut, Robert Honegger, Martin Kaufmann, Hans Melchior, Andreas Niederhauser, Barbara Roth, Thomas Rutherfoord, Martin Senn, Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger (Foto: Zoe Tempest)
Druckatelier Thomi Wolfensberger, Gruppendruck, Lithografien als Mappenwerk, 2020, mit Patrick Graf, Emil Gut, Robert Honegger, Martin Kaufmann, Hans Melchior, Andreas Niederhauser, Barbara Roth, Thomas Rutherfoord, Martin Senn, Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger (Foto: Zoe Tempest)

Ermöglichen – das ist auch das Schlüsselwort für ein Projekt, an dem sich zwanzig Zürcher Kunstschaffende beteiligen werden: Während der ersten Corona-Welle haben auf Initiative von Martin Senn zehn Kunstschaffende gemeinsam mit dem Zürcher Steindrucker Thomi Wolfensberger eine Druckmappe mit zehn Lithografien produziert. Wir fanden die Idee so gut, dass wir das Projekt – während der zweiten Welle – mit Druckgrafiken von weiteren zehn Zürcher Künstler*innen fortsetzen möchten. Das Medium des Steindrucks ist für sie alle neu. Aber warum nicht gerade diese besondere Zeit dafür nutzen, etwas Neues anzufangen?  

Veranstaltungen

Teresa Pereira, Ohne Titel, 2020, Acrylfarbe auf Klebeband (Foto: Zoe Tempest)
Teresa Pereira, Ohne Titel, 2020, Acrylfarbe auf Klebeband (Foto: Zoe Tempest)

Selbst die Sonne hat eine Corona. Bei «Am nächsten Tag ging die Sonne auf» setzen wir deshalb weniger auf grössere Veranstaltungen als auf direkte – «geschützte» – Begegnungen zwischen Besucher*innen und Künstler*innen. Fast alle Kunstschaffenden sind während der Öffnungszeiten immer wieder vor Ort: Teresa Pereira verdichtet ihre Wandskulptur kontinuierlich zu einem strahlenden Körper, während Ali Al-Fatlawi die Erinnerungen von Besucher*innen in Form bringt. Alicia Velázquez reflektiert zeichnend und schreibend deren Träume mit eigenen Träumen und vereint sie zu einem kollektiven Traum. Die Tauben von Seraina Dür & Jonas Gillmann sind immer da, die beiden werden sich ihnen ab und zu anschliessen, vielleicht tanzender- oder singenderweise. Inselexpertin Silvia Popp stellt in ihrer Werkstatt Stühle her und denkt über Transformation nach, Wassili Widmer gibt all diesen Räumen einen Rhythmus, und auch sonst kann noch so einiges passieren – während Guido Vorburger in seinem Atelier still an den nächsten Bildern malt.

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