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refaire le monde * PROPOSITION

21. September bis 11. November 2018

Vernissage: Donnerstag, 20. September 2018, 18 Uhr

Ursula Biemann (*1955), Acoustic Ocean, 2018, 4K Video, 18 Minuten.
Ursula Biemann (*1955), Acoustic Ocean, 2018, 4K Video, 18 Minuten.

In der Ausstellung POSITION haben sich Künstler*innen zur Welt positioniert. In EX-POSITION hat Gianni Motti uns exponiert, uns alle ausgestellt. PROPOSITION ist der letzte Teil der Ausstellungstrilogie «refaire le monde». Darin geben uns Künstler*innen konkrete Vorschläge, wie die Welt neu gemacht werden muss, soll, kann oder darf.

Der Anspruch der Trilogie «refaire le monde» – wir waren uns dessen von Anfang an bewusst – ist mehr als nur ambitioniert. Warum davor zurückschrecken? Wäre Nichtstun die bessere Lösung? Kunst steht mit in der Verantwortung für eine andere, neue Welt. Indem Kunst sich seit jeher den grossen Fragen – nach dem Sinn des Lebens, der Welt – stellt, statt konsumtrunken die Zeit an sich vorbeiziehen zu lassen und am Ende darüber erstaunt zu sein, dass nicht mehr drin war in diesem Leben. Indem Kunst das Wagnis eingeht, die grossen Fragen zu stellen, kann sie ein guter Ratgeber und Wegweiser sein. Kunst ist immer politisch. Auch und gerade dann, wenn sie sich total nach innen, ins Private, kehrt: Gerade das kann den Kern des Wissens, der Erkenntnis enthalten, gerade das kann bedeutend sein für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Kunst engagiert sich in letzter Zeit wieder vermehrt direkt für Veränderungen unserer Verhältnisse. Sie setzt auf Teilhabe statt auf den Künstlergenius, auf Partizipation und Kollaboration, um gemeinsam neue Einsichten zu entwickeln. Ganz neu ist das nicht, es knüpft zum Beispiel an die Soziale Skulptur von Joseph Beuys an. Was uns heute suspekt ist und was wir nicht mehr brauchen, ist die Selbstinszenierung des Künstlers als (einziger) Seher. In der Kunst, traditionell hervorgebracht von ausgeprägten Individuen, steht heute wieder vermehrt das Gemeinschaftliche, das werkstatthafte Erarbeiten von Projekten im Vordergrund: häufig in Gesprächen, in Begegnungen. Was dabei herauskommt sind weniger handelbare Produkte als immaterielle Erkenntnisse. Die schriftliche Arbeitsbeauftragung an einen Migranten sei das eigentliche Kunstwerk in seinem Projekt «Fünf Finger sind nicht gleich – im Machen werden sie sich ähnlich», hielt der Zürcher Künstler Raphael Perret im Rückblick auf «refaire le monde * POSITION» eindrücklich fest. Kunst sei hier «gerahmte Zufriedenheit, Hoffnung». In Projekten wie diesen sehen wir Kuratoren exemplarische Beispiele für zukünftiges – und teilweise zum Glück bereits gegenwärtiges – Handeln: innerhalb und ausserhalb des Kunstbetriebs, der auf Grund seiner Offenheit für potenziell alle Themen ein gutes Terrain ist, um neue Entwicklungen wie diese zu erproben und etablieren zu helfen.

Die erste Ausstellung des Zyklus «refaire le monde», POSITION, war eine Standortbestimmung, eine Deklaration: Die düstere Grundstimmung wurde da und dort erhellt von einem möglichen Hoffnungsschimmer, dem Licht einer Perspektive. Die zweite, EX-POSITION, rückte ein Schlaglicht auf zwei Möglichkeiten: Freiheit oder Gefangenschaft, Selbstbestimmung oder Eingrenzung. In der dritten nun, PROPOSITION, leuchtet das Licht, das mögliche Wege in die Zukunft zeigt, klarer. Zunächst geht es darum, genau hinzusehen, nicht wegzusehen: Woher kommen die Einschränkungen und Eingrenzungen? Wer ist dafür verantwortlich? Wer profitiert davon? Wer leidet darunter? Dann geht es darum, Wege aus diesen Zwängen herauszufinden. Das führt einerseits zur Stärkung von anderen Werten, über die Fragen: Was ist wirklich wichtig im eigenen Leben, für die Gesellschaft, für die Umwelt? Andere Werte: die Stärkung des Bewusstseins über die Folgen unserer Handlungen – zum Beispiel in Bezug auf den Umgang mit der Umwelt. Die Stärkung des Interesses für Alternativen zur bewusstlosen Konsumfixiertheit. Den Respekt für die Bedürfnisse der Anderen statt rücksichtslose Selbstbereicherung. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen für eine Umordnung der Gegebenheiten – um der Zukunft eine andere Welt in die Hand zu geben als die, auf die wir zusteuern.

Künstler*innen

Sabian Baumann (*1962), mit dem verein für um_ordnung in Koproduktion mit Gessnerallee Zürich, die grosse um_ordnung, Mai 2018. Foto: Yvon Baumann
Sabian Baumann (*1962), mit dem verein für um_ordnung in Koproduktion mit Gessnerallee Zürich, die grosse um_ordnung, Mai 2018. Foto: Yvon Baumann

A.C. Kupper gestaltet für die Ausstellungstrilogie «refaire le monde» die Plakate und Einladungskarten. Das Plakatmotiv für die erste Ausstellung POSITION begegnete dem Zürcher Künstler und Grafiker auf der (Militär)-Strasse wie eine dunkle Erscheinung: Der gusseiserne Deckel eines Abwasserschachts formte, umgeben von Blindenstreifen, die amerikanische Flagge. Für die Ausstellung EX-POSITION von Gianni Motti rezyklierte er das Bildmotiv der Arbeit «Motti for President». Das Motiv für «PROPOSITION» zeigt nun eine Rasierklinge. Ein Werkzeug für alltägliche und weniger alltägliche Schnitte. Für Verschönerungen und Verwüstungen. Für Veränderungen. Der dunkle Leerraum im Inneren der Klinge, ihrer Verankerung dienend, zeigt wie eine Fata morgana die Umrisse einer pagodenartigen Tempelarchitektur. Eine schneidende Aussenpolitik erntet im Inneren das, was sie aussen bekämpft.

Und wie wir in die Meere singen, so singt es daraus zurück: Die Zürcherin Ursula Biemann, weltbekannt für Videoinstallationen, in denen sie brennende geopolitische Themen mit rasiermesserscharfem Blick anschneidet, führt uns schon im ersten Ausstellungsraum unter Wasser. Ihre neue Videoarbeit «Acoustic Ocean» lässt eine Art Superheldin zu Wort kommen, eine samische Forscherin, die mit Instrumenten in den norwegischen Lofoten in den Ozean horcht. Daneben sprechen: Ein Blauwal, ein Delphin, und sogar Garnelen und Seeigel. Es kann sich lohnen, ihnen zuzuhören – immerhin kennen sich gerade einige Walarten damit aus, wie es ist, fast auszusterben. Ein Los, das uns längerfristig auch blüht, wenn wir die Umwelt weiter beschneiden. Zumal Forschungen gezeigt haben, dass wir immer langsamer denken, je weniger Sauerstoff durch die Erderwärmung in der Atmosphäre ist. Wird der Anteil viel kleiner als die aktuellen 21%, können wir diese Zeilen hier irgendwann weder lesen noch schreiben. Im Video «21%» – entstanden in Zusammenarbeit mit der Performerin Mo Diener – wird eine zeitgenössische Superhexe gegen diese Entwicklung aktiv und bringt im Wald mit modernsten Werkzeugen und ältesten Rohstoffen den Stoffwechsel des Menschen mit dem der Erde in Verbindung.

Eindeutig aktivistisch wird es dann im grossen Saal des ersten Stocks im Helmhaus: Hier wird «die grosse um_ordnung» weitergeführt: Das vielteilige Projekt wendet sich gegen Unterdrückungsmechanismen und macht sich stark für die Umverteilung von Privilegien. Initiiert vom Zürcher Künstler* Sabian Baumann und realisiert in Zusammenarbeit mit Rahel El-Maawi, Tim Zulauf, Diana Bärmann, Simone Aughterlony, niv Acosta und vielen anderen Künstler*innen, wurde «die grosse um_ordnung» Ende Mai 2018 auf dem Zürcher Helvetiaplatz mit Performances und einem Demonstrationszug Richtung Theaterhaus Gessnerallee lanciert. Im Helmhaus ist nun eine filmische Dokumentation dieses Abends zu sehen, ausrangierte Möbel warten darauf, von Dir buchstäblich um_geordnet zu werden, und eine Privilegienpyramide zeigt Dir, welche Privilegien Du geniesst – und fragt Dich, welche Du aufzugeben bereit wärst. Ziel der «grossen um_ordnung» ist, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen: Damit nicht mehr einige Wenige mit extrem viel Geld alle Anderen brachial in verschiedene Minderheiten hineindefinieren können. 

Corina Gamma (1959*), SILA and the Gatekeepers of the Arctic, 2015, Videodokumentation, 70 min.
Corina Gamma (1959*), SILA and the Gatekeepers of the Arctic, 2015, Videodokumentation, 70 min.

Asia Andrzejka Merlin – damals nannte sie sich noch Asia Andrzejka Naveen – hat schon einmal das halbe Helmhaus umgekrempelt. Ihre Ausstellung «Transformation» nistete sich 2015 mit rund zehn Künstler*innen im ersten Stock des Helmhaus ein. Noch während der Dauer der Ausstellung änderte das Kollektiv ihren Titel: «Más Cerca» hiess die Ausstellung von da an, auf Deutsch «Näher». Asia Andrzejka Merlin produziert auch drei Jahre später weniger künstlerische Objekte, als vielmehr «gerahmte Nähe». Die Zürcherin nomadisiert denn auch durchs Helmhaus und die Wasserkirche, mit einer sonntäglichen Gesprächsreihe unter dem Titel «Brainstorming the Brainwashing». Ein Zusammensitzen und Nachdenken über die Gehirnwäsche, die zum Beispiel dazu führt, dass wir zu wenig teilen.

Ähnlich wie bei der ersten Ausstellung von «refaire le monde» führt der dritte Saal nach innen, in die Stille. Stille? Innen, in der Stille, kann es laut und stürmisch sein. Das war bei Pascale Birchler in POSITION so, und das ist nun auch bei Tanja Roscic so. Roscics traumwandlerische, zauberhafte, beschwörende Kunst führt in vergangene Zeiten und verborgene Räume, springt in die Kindheit zurück, wo überemotionale Puppengesichter die ganze Welt bedeuteten, wo Gitter riesig waren und man sich fragte, was dahinter vorging, wo Bräuche wie die Blutrache galten, die mittelalterlich anmuten. Vergangenheit? Die Gegenwart ist durchwirkt von ihr. Roscics «Proposition» gibt der Natur, dem Traum, den Emotionen ihr Recht zurück und führt uns in einen Raum, der eine eigene Präzision kennt: die der Wärme, des Gefühls, der Sehnsucht. Der Kontrast zur kaltberechnenden Businesswelt, die uns in Zürich nicht ganz unbekannt ist, könnte nicht grösser sein. Die Künstlerin ist ein Medium, ihre Kunst ein Orakel, deren Auswirkungen Medizin. Medizin für die Geschäftswelt.

Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich am anschaulichsten dort, wo das Eis schmilzt: in der Arktik. Die Polareisdecke unter den Füssen der Schweizer Klimaforscher*innen und der Jäger*innen in Grönland ist heute noch halb so dick wie vor zwanzig Jahren. Auf die Lebensgewohnheiten des InuitVolkes wirkt sich das dramatisch aus: Die Jagdsaison wird kürzer und kürzer, und der Mangel an Nahrung zwingt viele von ihnen in die Hauptstadt Nuuk umzuziehen, wo die Tradition ihres naturverbundenen Lebens einem globalisierten, wenig nachhaltigen Standard weicht – in uniformen Plattenbauten, wo der Alkohol verführt und die Depression droht. Die Schweizer Filmregisseurin Corina Gamma verfolgt diesen ökologischen und gesellschaftlichen Wandel in Grönland in ihrem eindrücklichen Dokumentarfilm «SILA and the Gatekeepers of the Arctic», den wir über die gesamte Ausstellungsdauer zeigen. SILA steht in der Sprache der Inuit für das Wetter, das für sie das Gewissen der Natur ist.

In der Ausstellung «refaire le monde * POSITION» begegnete das Publikum einer Gruppe von Asylsuchenden, die in der Halle 9 in Zürich-Oerlikon wohnten, und konnte mehr über ihre Fragen an ihre neue Welt erfahren. Was dabei entstanden ist, wollen wir im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung weiterführen. Die in der Zwischenzeit erfolgte Gründung eines Vereins und des Club La Fafa dient allein der Bildung von Gemeinsamkeit – zwischen Menschen, die auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam haben: da Migrant*innen und hier Einheimische. Ziel ist das gegenseitige Profitieren von unterschiedlichen Erfahrungen, Fähigkeiten und Mentalitäten. Statt Ungleiches physisch und psychisch zu verdrängen, versuchen wir Differenzen fruchtbar zu machen: um etwas Neues entstehen zu lassen. In einem Raum des Helmhaus entsteht während der Ausstellung der Clubraum des Club La Fafa, als Basis für Aktivitäten wie gemeinsames Diskutieren, Tanzen, Gestalten, Boxen, Kochen und als Sprungbrett für Aktivitäten ausserhalb des Helmhaus wie gemeinsames Fussballspielen, ins Theater-Gehen, mit Ämtern-Verkehren – und für alles, was sich weiter daraus entwickeln wird. Wer interessiert ist, sich daran zu beteiligen, ist herzlich eingeladen.

Veranstaltungen

Ursula Biemann und Mo Diener, Twenty One Percent, 2016, 4K Video, 18 Minuten.
Ursula Biemann und Mo Diener, Twenty One Percent, 2016, 4K Video, 18 Minuten.

Eine Möglichkeit zur aktiven Teilnahme am Club La Fafa bietet sich zum Beispiel an den öffentlichen Vereinssitzungen vom 4. und 18. Oktober 2018. An der «grossen um_ordnung» mitdenken kannst Du an drei intersektionalen Suppengesprächen, an denen auch besprochen wird, wie die um_ordnung nach der Ausstellung PROPOSITION weitergetrieben werden kann (27. September, 25. Oktober und 8. November 2018, auf Anmeldung). Für «Brainstorming the Brainwashing», ein weiteres periodisches Veranstaltungsformat, lädt Asia Andrzejka Merlin jeden Sonntag zum Gespräch ein über eine existenzielle Frage wie «Weshalb denke ich, erfolgreich sein zu müssen?».

Während eine Performance des Roma Jam Session art Kollektiv und Kompliz*innen am Vernissagenabend den bekannten aktivistischen Slogan «Nichts über uns ohne uns» neu belebt (20. September 2018, 18 Uhr, Paradeplatz), wird die Protagonistin des Videos «21%» von Ursula Biemann an einem Abend lebendig: Die Künstlerin und Kooperationspartnerin von Ursula Biemann, Mo Diener, performt die Szenen aus dem Film live, anschliessend sprechen die Künstlerinnen mit der Dozentin und Kuratorin Yvonne Volkart (26. Oktober 2018). Gleich am ersten Wochenende der Ausstellung spricht die Filmemacherin Corina Gamma über Ihren in der Ausstellung gezeigten Film «SILA and the Gatekeepers of the Arctic» (23. September 2018), während die Präsidentin der Akademie der Künste in Berlin, Jeanine Meerapfel, an einem Dienstagabend ihren Film «Die Kümmeltürkin geht» zeigt und mit Simon Maurer die Aktualität des 1984 gedrehten Werks diskutiert (30. Oktober 2018).

Die «Problemzone» ist diesmal die ganze Welt: In der Helmhaus-Gesprächsreihe über die Schwierigkeiten des Ausstellungsmachens reden die Künstlerin Tanja Roscic und der Künstler A.C. Kupper über das Kunstmachen in einer Welt, die weh macht (11. Oktober 2018). Die 5-Uhr-These, ein weiteres regelmässig stattfindendes Gesprächsformat, dreht sich um ein nicht minder brennendes Thema, die Erderwärmung: Der Wissenschaftsjournalist und Initiant der Gletscherinitiative, Marcel Hänggi, äussert sich zur Behauptung: «Zum Stoppen der Erderwärmung braucht es null Kohle» (7. November 2018). Ob die Technologie uns mehr und mehr vor sich her treibt, darum geht es an einem Podiumsgespräch zu Big Data mit, unter Anderen, dem Datenschutzbeauftragten des Kantons Zürich Bruno Baeriswyl und der Medienpsychologin Sarah Genner (1. November 2018), während wir in einem samstäglichen Workshop des Deutschschweizer Netzwerks Schwarzer* Frauen* (Bla*Sh) rassismuskritisch denken lernen (3. November 2018). 

Neues Gesprächsformat: «Rederei»


Das Helmhaus ist seit 500 Jahren eine Anlegestelle direkt an der Limmat: ein Ort zum Ankommen, Verhandeln, Austauschen. Heute ist es Umschlagplatz für Ideen, Ansichten, Inhalte. Die «Rederei» ist ein neues Helmhaus-Format, ein Gesprächsangebot: An drei Tagen in der Woche sind Reder*innen mit unterschiedlichen Hintergründen und Lebensläufen in der Ausstellung anwesend – um zu reden. Mit Dir, über die Kunst und alles, was sie auslöst. Irgendwann zwischen 11 und 18 Uhr (Jeweils donnerstags, samstags und sonntags).

  

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