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Albrecht Schnider - Giacomo Santiago Rogado

26. September bis 16. November 2014

Vernissage: Donnerstag, 25. September, 18 Uhr

Albrecht Schnider - Ausstellungsansicht: Blick in den grossen Saal im Helmhaus Zürich.
Albrecht Schnider - Ausstellungsansicht: Blick in den grossen Saal im Helmhaus Zürich (Foto: Georg Sidler, Schwyz).

Sie reizen die Malerei bis ins Letzte aus: die beiden Schweizer Künstler Albrecht Schnider und Giacomo Santiago Rogado. Beide Wahlberliner und in Luzern geboren, denken sie in aller Handwerklichkeit und voller Neugier über die Möglichkeiten der Malerei heute nach. Was dabei entsteht, ist auch «Malerei über Malerei», die sich aus prominenten Bezugsfeldern nährt: der Kunst und der Natur. Und: eine Ausstellung, die fast schmerzlich schön ist.

Eine Generation trennt sie – und eine fast kindliche Neugier und Experimentierfreude haben sie sich erhalten: Albrecht Schnider (*1958) und Giacomo Santiago Rogado (*1979). Passioniert gehen sie ihrer Berufung nach: Bilder zu machen. Mit allen Schwierigkeiten, die das heute in unserer bildertrunkenen Welt mit sich bringt. Zumal, wenn der Anspruch besteht, Schönheit zu schaffen, die Bestand hat vor dem, was war und was kommen wird.

Jungfräuliche Malerei kann es heute nicht mehr geben. Und doch träufelt Giacomo Santiago Rogado die unverdünnte Farbe auf sieben Meter langen Leinwänden aus, wie wenn hier das erste Bild entstehen würde, was je gemalt wurde. Die unbefleckte Leinwand empfängt die Farbe unberührt. So spektakulär die farbgebende Initialgeste auf der Leinwand ihren Niederschlag findet, so langsam bewegen sich die gelösten Pigmente auf der Leinwand weiter, entwickeln ein Eigenleben, wachsen wie blühende Korallen – bis die Austrocknung ihren Weg zum Stillstand bringt. Rogados Werk entsteht zwischen Kontrolle und Zufall, zwischen Kunstfertigkeit und Natur. Der Künstler will es so: Er gibt einen Teil seiner autorschaftlichen Bildmacht ab an die Natur – und bilanziert ebenso nüchtern wie romantisch: «Ich bin ja selber auch Natur.»

Für die Ausstellung im Helmhaus ist eines der grösseren Bilder der Kunstgeschichte entstanden: Es misst knapp 60 Meter und umgibt einen Raum. Das heisst: Wer sich das Bild ansieht, steht selber im Bild, wird von ihm umfangen, wird Teil der Malerei. Einer Malerei überdies, die nicht nur ihre Betrachter vor ihr, sondern auch die Aussenwelt hinter ihr mit einbezieht, die durch die gewobene Leinwand hindurchscheint und somit Teil des Bildes wird, je nach Lichteinfall mal intensiver, mal weniger intensiv.

Giacomo Santiago Rogado: Intuition, 2014, Mischtechnik auf Leinen (Foto: Lorenzo Pusterla, Zürich)
Giacomo Santiago Rogado: "Intuition", 2014, Mischtechnik auf Leinen (Foto: Lorenzo Pusterla, Zürich)

"Intuition", 2014, Installationsansicht Helmhaus Zürich (Foto: Lorenzo Pusterla, Zürich).

Meta, 2014, Mischtechnik auf Leinen, 180 x 280 cm, von Giacomo Santiago Rogado.
Werk mit dem Titel "Meta", 2014, Mischtechnik auf Leinen, 180 x 280 cm (Foto: Studio Rogado, Berlin).

Rogados monumentale Metamalerei kehrt zurück zu den Anfängen der Malerei: Der Künstler leert sein Bildgedächtnis und kultiviert eine neue, staunende Ursprünglichkeit. Die letztlich dann doch seinen Vorstellungen entsprechen muss, damit sie Bestand hat. Sein Glaube an die Natur, an Magie, Alchemie und Mystik wahren ihm den Glauben an die Schönheit.

Albrecht Schnider hat schon früh am Bild gezweifelt – und es hat ihn über die Jahre hinweg manchmal regelrecht zur Verzweiflung getrieben. Wo Rogados Malerei von langer Hand geplant und schliesslich doch zu einem Teil dem Zufall überlassen wird, hat Schnider im Jahr 2001 mit der Aufnahme der Acryllackmalerei von der handwerklichen Erarbeitung seiner Bilder Abstand genommen. Eine Technikerin spritzt in einer Zürcher Werkstatt die meisten seiner Acryllackarbeiten auf folienbeschichtete Leinwände, was der Künstler ihr auf einem vektorisierten Bildplan aus Berlin übermittelt. Was nicht heisst, dass nicht auch diese Malerei ursprünglich auf der unmittelbaren Geste beruht: Schnider ist ein leidenschaftlicher Zeichner. Seine akribisch geplant wirkenden Bilder beruhen auf einer Unzahl von unbewussten Zeichnungen. Die Umsetzung von Unbewusstem in eine hochreflektierte Bildsprache ist einer der spannendsten Prozesse heutiger Malerei. Sie kann in der Ausstellung im Helmhaus, die neuste Bilder, aber auch ausgesuchte ältere Arbeiten, Zeichnungen, Skizzenbücher und Skulpturen enthält, einsichtig verfolgt werden.

Werke von Albrecht Schnider: Kleine Leinwände - grosse Wirkung.

Albrecht Schnider, Ohne Titel, 2014, 37 x 26 cm (Foto: Mathias Schormann, Berlin)
Albrecht Schnider, Ohne Titel, 2014, 37 x 26 cm. (Foto: Mathias Schormann, Berlin)

Ohne Titel, 2014, Acryllack / Leinwand, 37 x 26 cm. (Foto Mathias Schormann, Berlin)
Ohne Titel, 2014, Acryllack / Leinwand, 37 x 26 cm. (Foto Mathias Schormann, Berlin)

Ohne Titel, 2014, Acryllack / Leinwand, 37 x 26 cm. (Foto: Mathias Schormann, Berlin)
Ohne Titel, 2014, Acryllack / Leinwand, 37 x 26 cm. (Foto: Mathias Schormann, Berlin)

Ist die Arbeit von Rogado nahezu 180 m2 gross, gibt es bei Schnider (Landschafts-)Bilder, die kleiner als ein A4-Blatt sind. Doch gerade in diesem Kleinformat öffnen sich unermessliche Tiefen und Dimensionen. Die Landschaften sind Schlüsselwerke für die Arbeit dieses bildkritischen Künstlers. Sein Weg führt seit 25 Jahren zwischen Gestalten und Zerstören vor und zurück. Stilisierte Figurenbilder, zerbrochene Spiegel, Gitter, leere Köpfe, neokonstruktivistische Kompositionen (die neusten Arbeiten), Arabesken – die Suche dieses Intellektualität und Sinnlichkeit teilenden Malers nach Bildern, die heute noch Sinn machen, hört nicht auf.

Breites Rahmenprogramm

Zur Ausstellung von Albrecht Schnider erscheint Mitte Oktober im Verlag für moderne Kunst in Nürnberg ein Buch mit einem Essay des Ausstellungskurators Simon Maurer über dieses aussergewöhnliche, existenzielle Werk. Buchvernissage: Donnerstag, 23. Oktober 2014, 18.30 Uhr, Gespräch mit Albrecht Schnider

Von Schönheit und vom Raum im Bild (und vom Bild im Raum) ist in den 5-Uhr-Thesen die Rede: Daniel Morgenthaler spricht am 15. Oktober um 17 Uhr mit seinen Gästen Julia Gelshorn, assoziierte Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und Gegenwart an der Universität Freiburg, und am 5. November um 17 Uhr mit dem Künstler und Kurator des Kunstraums «Die Diele», Livio Baumgartner.

Selten hat sich eine Ausstellung so für Konzerte geeignet wie diese – was insofern nicht überrascht, als beide Künstler sehr musikaffin sind. In den Werken von Albrecht Schnider werden die Violinistin Bettina Boller und der Pianist Walter Prossnitz ein von der Vergangenheit bis in die Gegenwart reichendes Programm klassischer und neuer Musik spielen (29. Oktober, 20.30 Uhr). Und der Jazzpianist Colin Vallon wird im bildumspannten Raum von Giacomo Santiago Rogado eines seiner bestimmt denkwürdigen Solokonzerte geben. (12. November, 20.30 Uhr)

Wie immer runden Führungen und Workshops für Kinder und Erwachsene das Programm ab. Mehr dazu unter "Veranstaltungen".

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