Geschichte in Geschichten

13. Februar bis 12. April 2015

Vernissage: Donnerstag, 12. Februar, 18 Uhr

Hemauer / Keller: Helmhausentstörung, 2014.
Ein Medium entstört das Helmhaus im Auftrag des Künstlerduos Hemauer / Keller

Geschichte ist allgegenwärtig: in den Jubiläen, die 2015 in der Schweiz gefeiert – und diskutiert – werden. Oder in den dramatischen, schon jetzt als geschichtsträchtig eingestuften Ereignissen rund um den Globus – die auch zeigen, dass die Geschichte eben doch noch nicht zu Ende ist, wie vor 20 Jahren behauptet. Das Helmhaus Zürich bringt 14 jüngere Schweizer Kunstschaffende zusammen, die in ihrer Kunst auf ganz unterschiedliche Art und Weise Geschichte – und Geschichten – machen. Indem sie sie aufdecken, erzählen, mitschreiben.

Mit Annette Amberg, Françoise Caraco, Goran Galić / Gian-Reto Gredig, Julia Geröcs, Daniela Gugg, Hemauer / Keller, Nicole Hoesli, Gabriela Löffel, Nele Stecher, Stefan Sulzer, Riikka Tauriainen, Tim Zulauf

  

Vor 700 Jahren war Morgarten, vor 500 Marignano, vor 200 Wiener Kongress. Und vor gut 20 Jahren war die ganze Geschichte zu Ende. Zumindest erklärte sie der Politologe Francis Fukuyama 1992 für beendet. Nach den dramatischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts würde die Welt ab dem 21. Jahrhundert in das westliche, demokratische, kapitalistische System einschwenken – Widerstand zwecklos. Gerade Initiativen wie Occupy haben aber in den letzten Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass die neoliberale Realität nicht mehrheitsfähig ist. Dass nach der Geschichte auch vor der Geschichte ist. Dass das proklamierte Ende der Geschichte vor allem dem berühmten einen Prozent nützt. Und dass wir heute vielmehr das Ende der Nachgeschichte erleben (während an der Universität Zürich das Ende der «Schweizer Geschichte» proklamiert wird, zumindest des Studienfachs).

Geschichte wird wieder «gemacht»: an der Wall Street, in Hongkong, auf den Schauplätzen des arabischen Frühlings – und in der Kunst. In zahlreichen thematischen Ausstellungen im In- und Ausland, aber auch in den Praktiken einzelner Künstlerinnen und Künstler. Gerade in der Schweiz – die statt mit Geschichtsbewusstsein eher mit Geschichtsunterbewusstsein auffällt – machen zahlreiche Kunstschaffende unter Anwendung ganz unterschiedlicher künstlerischer Taktiken Geschichte: indem sie vergessene und verdrängte Geschichte(n) an den Tag bringen, unser Geschichtsunterbewusstsein analysieren, Erzähleridentitäten entlarven – und dabei selbst viel erzählen.

Die Helmhaus-Ausstellung «Geschichte in Geschichten» versammelt 14 Künstlerinnen und Künstler, die sich mit teils eigens für diese Schau entstandenen Werken in die Geschichte einschreiben, sie um- oder sogar neu schreiben. Dabei gehen sie besonders reflektiert vor, da sie alle einer jüngeren KünstlerInnengeneration angehören und entsprechend nicht nur aus der individuellen Erinnerung, sondern auch aus den verschiedenen kollektiven Gedächtnissen schöpfen. Ganz ohne sich nur an den Jahreszahlen 1315, 1515 und 1815 aufzuhalten, die 2015 zu einem Schweizer Hyper-Jubiläumsjahr machen. «We must not accept the memory of states as our own», schreibt der Historiker Howard Zinn in «A Peopleʼs History of the United States», einer alternativen Geschichte der USA. Dieser Aufruf kann, aus dem Kontext gerissen, im schlimmsten Fall in Geschichtsklitterei ausarten – aber im besten Fall in gute Kunst.

Als Aktionsfeld dient den Kunstschaffenden von «Geschichte in Geschichten» denn auch weniger ein spezifischer geografischer Schauplatz – und schon gar nicht ein historisches Jubiläumsschlachtfeld –, als vielmehr das Spektrum, das sich im Begriff «Geschichte» selbst eröffnet: Während die englische Sprache zwischen «History» und «Story» unterscheidet, kennt die deutsche Sprache nur ein Wort für die ganz grosse «Geschichte» und die vielen kleinen «Geschichten». Für Historie und Narration, für Fakt und Fiktion, für schriftliche und «Oral History». Die künstlerische Freiheit – die keinem wissenschaftlichen Gremium Rechenschaft schuldet – erlaubt es den Protagonistinnen und Protagonisten der Ausstellung, sich zwanglos auf diesem Begriffsfeld zu bewegen.

  

  

Françoise Caraco: Videostudie, 2014. Die Künstlerin in ihrem Pariser Atelier.
Françoise Caraco: Videostudie, 2014. Die Künstlerin in ihrem Pariser Atelier.

Françoise Caraco: Videostudie, 2014. Blick aus dem Atlelier der Künstlerin auf das Mémorial da la Shoah in Paris.
Françoise Caraco: Videostudie, 2014. Blick aus dem Atlelier der Künstlerin auf das Mémorial da la Shoah in Paris.

Erzählsituation Geschichtsschreibung

Nele Stecher etwa beschäftigt sich mit den Biografien von Nazi-Täterkindern, schreibt deren zum Teil auch von HistorikerInnen noch wenig aufgearbeitete Episoden aktiv mit – und sensibilisiert so auch für die seltsame Erzählsituation Geschichtsschreibung. Goran Galić und Gian-Reto Gredig haben weltweit schon mehrere Stadtführungen begleitet und aufgenommen und zeigen in ihrer mehrkanaligen Videoarbeit Beispiele einer Oral History, die bisweilen fast zu sehr rhetorisch verdichtet wird. Tim Zulauf wiederum erstellt in verschiedenen Medien einen «Bau der Wörter» (so der Titel seines Stücks, das 2010 in Zürich Seebach aufgeführt wurde und hier erstmals in einer Videoarbeit nachzuvollziehen ist), in dem die ErzählerInnenrollen stets neu erspielt werden.

Françoise Caraco befasst sich immer wieder mit ihrer eigenen Familiengeschichte: Für diese Ausstellung recherchierte sie in Paris zu ihrem Grossvater – und konnte im Prozess gar ein öffentliches Archiv mit von ihr zusammengetragenen Materialien ergänzen. Geschichte ist eben immer auch unsere eigene Geschichte. Daniela Gugg beschäftigt sich ebenfalls seit mehreren Jahren mit ihrem Grossvater, der mittlerweile 100 Jahre alt ist – und insofern selbst ein lebendiges Jubiläum darstellt. Stefan Sulzer wiederum klettert den Familienstammbaum nicht ganz so weit hinunter und kann anhand seines Vaters dafür jüngere Themen wie etwa die diversen Börsencrashes Ende 20. und Anfang 21. Jahrhundert aufbringen.

Gabriela Löffel: Offscreen, 2013, Videostill.
Gabriela Löffel: Offscreen, 2013, Videostill.

Gabriela Löffel: Offscreen, 2013, Videostill.
Gabriela Löffel: Offscreen, 2013, Videostill.

Fiktionskulissen und Geschichtsgebäude

Fiktion entsteht nicht immer nur durch Sprache. Gabriela Löffel bebildert den mündlichen Bericht eines Schweizers, der zum Zeitpunkt der Erschiessung Bin Ladens gerade in Afghanistan im Urlaub war, mit Aufnahmen von Kulissen der Filmstudios Babelsberg.
Nicole Hoesli hingegen hat sich schon mit diversen Arbeiten in die jüngere Pop- und Filmgeschichte eingeschlichen, indem sie sich etwa in nachgestellten Fotografien als Popsternchen Sandra ausgegeben hat. Hier nimmt sie einen historischen Quantensprung und erfindet sowohl die Villa Borghese als auch den Homerschen Mythos der Kirke neu.

Wobei das Helmhaus ja seinen eigenen Mythos hätte: 302 nach Christus, also vor 1713 Jahren, soll in der Wasserkirche die Hinrichtung von Felix und Regula stattgefunden haben. Annette Amberg regt zum Nachdenken darüber an, was in der Zwischenzeit passiert ist, und wie die Welt wohl in weiteren 1713 Jahren aussehen wird. Hemauer/Keller, soeben mit einem Werkjahr der Stadt Zürich ausgezeichnet, lassen das Haus über ein ganz spezielles Medium sprechen: Sie haben es einer spirituellen Reinigung unterziehen und die Person, die diese vollzogen hat, erzählen lassen, was sich in den einzelnen Räumen des Hauses alles unsichtbar aufschichtet.

Anal History?

«Ist Kitsch die absolute Verneinung der Scheisse?» fragt dann die Performance-Künstlerin Julia Geröcs in ihrer am 26. März aufgeführten Arbeit, in der sie Bezug nimmt auf den tschechischen Schriftsteller Milan Kundera. Während Geröcs immer wieder mit Live-Erzählmomenten arbeitet, aktiviert Riikka Tauriainen ihre grossformatige Installation in der Ausstellung am 5. März mit einer Leseperformance. Die gebürtige Finnin erforscht dabei das Potenzial von künstlerischen Strategien im Bereich der Geschichtsschreibung und Wissensarchivierung und stellt sich so auch der Frage, weshalb so viele Künstlerinnen und Künstler heute eigentlich die Aufgabe von HistorikerInnen übernehmen.

Eine mögliche Antwort: Die Kunst kann es sich erlauben, Geschichten zu erzählen, die sonst nicht erzählt würden, weil sie zwischen Historie – dem Spezialgebiet der Geschichts-wissenschaft – und Mythos – dem der Belletristik – fallen, zwischen Geschichte und Geschichte quasi. Und Künstlerinnen und Künstler haben sich in den letzten Jahren in kontinuierlicher Arbeit ein Instrumentarium erarbeitet – mit dem Internet als wichtigem Hilfsmittel –, um diese Geschichten in verschiedenen sprach- und bildbasierten Medien wirksam zu erzählen. Zum Beispiel in dieser Helmhaus-Ausstellung, die buchstäblich Geschichte macht. Das Ende der Geschichte ist noch nicht erzählt!

Zürcher Musik(er) mit viel Freigeist: Doomenfels mit Mundarttexten und lakonischer Musik.
Etwas andere Zürcher Gesichter....und Musiker. Doomenfels mit freigeistigen Mundarttexten und lakonischer Musik.

Veranstaltungen

Geschichte ist die Summe von Geschichten. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, ohne nur neue Festschreibungen zu erwirken, wird in der Ausstellung Resonanzraum belassen für kollektive, temporäre und mündliche Formulierungen: Jeden Donnerstag vom 19. Februar bis 9. April finden jeweils um 18.30 Uhr Performances und Gespräche mit KünstlerInnen und ExpertInnen statt.

Donnerstag, 19. Februar, 18.30 Uhr
«Familiengeschichten und Fiktionskulissen»
Dialogische Führung mit Daniela Gugg, Nicole Hoesli, Gabriela Löffel, Nele Stecher und Stefan Sulzer

Donnerstag, 26. Februar, 18.30 Uhr
«Time to meet»
Performances von Ohad Ben Shimon (IL / FR), Paulien Oltheten (NL) und Ryan Rivadeneyra (US), präsentiert von der Künstlerplattform «Time to meet», in Zusammenarbeit mit Goran Galić / Gian-Reto Gredig – www.timetomeet.org 

Donnerstag, 5. März, 18.30 Uhr
«Singing the Words Wrong»
Performance von Jacky Poloni, Romy Rüegger und Riikka Tauriainen 

Donnerstag, 12. März, 20 Uhr
«The Project»– Ein dokumentarisch-fiktives Stück über Identität
Eine Produktion von Teatro Matto in Anlehnung an «The DNA Project» der Künstlerin Marina Belobrovaja. Anschliessend Gespräch mit Marina Belobrovaja und Enzo Scanzi, Regisseur, u.a., Gesprächsleitung: Johanna Lier. Eintritt CHF 15.– 

Donnerstag, 19. März, 18.30 Uhr
«Schweiz und Apartheid – Unabgeschlossene Geschichte(n) und offene Rechnungen»
Ein Gespräch zwischen Mascha Madörin, Ökonomin und Mitglied der Recherchiergruppe Schweiz–Südafrika, Barbara Müller, Koordinatorin KEESA – Kampagne für Entschuldung und Entschädigung im südlichen Afrika, und Tim Zulauf. 

Donnerstag, 26. März, 18.30 Uhr
«Kakologie – Ist Kitsch die absolute Verneinung der Scheisse?»
Eine Performance von Julia Geröcs über den Sinn der Defäkation 

Donnerstag, 2. April, 18.30 Uhr
«Denkmal im Blick»
Der Architekt Roger Diener im Gespräch mit Françoise Caraco 

Donnerstag, 9. April, 18.30 Uhr
«Im Drehsinn – Wirtschaft und Kunst»
Hemauer / Keller im Gespräch mit Dorothee Messmer und Katja Herlach, Kunstmuseum Olten 

In der Reihe der 5-Uhr-Thesen thematisiert Kurator Daniel Morgenthaler zusammen mit Roger M. Buergel, Direktor des Zürcher Johann Jacobs Museums, die Fiktionalität von Geschichte anhand der These «Die Geschichte ist auch eine Geschichte» (25. Februar, 17h). Im Gespräch mit dem Historiker Erich Keller lautet die These sodann «Das Ende der Geschichte ist noch nicht erzählt» (25. März, 17h).

Wieder stehen auch zwei Konzerte an: Die Gruppe «Doomenfels» bringt geheimnisvolle Mundarttexte mit eigentümlichen Klängen zusammen (11. März, 20.30h). Beim Auftritt der Autorin Melinda Nadi Abonji mit den Musikern Balts Nill und Mich Gerber wird dann die Wirkung von dichterischen Geschichten durch reflektierte Musik auf eindringliche Weise verstärkt
(1. April, 20.30h).

Schliesslich vertiefen Führungen für Erwachsene die Themen der Ausstellung, während sich Kinder in Workshops unter Anleitung einer ausgebildeten Kindergärtnerin spielerisch einzelnen Kunstwerken nähern.

Führungen

Sonntag, 22. Februar 2014, 11 Uhr
Sonntag, 8. März 2015, 11 Uhr
Sonntag, 29. März 2015, 11 Uhr
mit Kristina Gersbach 

Kinder in der Ausstellung

Samstag, 21. März, 14 Uhr
Kinderführung, Ateliertisch für Kinder ab 5 Jahren,
mit Andrea Huber 

Sonntag, 29. März, 11 Uhr
Parallelführung für Kinder ab 5 Jahren und ihre Eltern,
mit Andrea Huber und Kristina Gersbach