Nie jetzt - Kunst aus Zürich

5. Dezember 2014 bis 25. Januar 205

Vernissage: Donnerstag, 4. Dezember 2014, 18 Uhr

Blick ins Atelier der Künstlerin Monika Stalder, Binz 39, Zürich, Kreis 5
Blick ins Atelier der Künstlerin Monika Stalder, Binz 39, Zürich, Kreis 5. Foto: Thomas Burla

Jetzt im Helmhaus Zürich: «Nie jetzt – Kunst aus Zürich». Ab 5. Dezember setzt sich das Helmhaus wieder in einer Gruppenausstellung mit der Zürcher Kunstszene – und ihren ganz unterschiedlichen Szenen – auseinander. Nach «Wenn die Nacht am dunkelsten ist, kommt der Tag» und «Nach dem Spiel ist vor dem Spiel» in den Jahren 2010/11 und 2012/13 bietet «Nie jetzt» ein Jetzt des Zürcher Kunstschaffens – das nie nur ein Jetzt bleiben kann.

Mit Catia Costa, Adam Cruces, Urs Frei, Selina Grüter+Michèle Graf, Franz Imboden, Raphael Perret, Jessica Pooch, Barbara Roth, Thomas Schweizer, Monika Stalder, Lukas Zimmermann

«Jetzt kaufen!», sagt uns die Werbung jeden Tag. Wie «kaufen» geht, wissen wir nur zu gut. Doch was und vor allem wann genau ist eigentlich dieses «Jetzt»? «In Wirklichkeit gibt es dieses ‹Jetzt› gar nicht – jedenfalls nicht das Jetzt, von dem die Marketingexperten sprechen», schreibt Douglas Rushkoff in seinem Buch «Present Shock – Wenn alles jetzt passiert». Der Medientheoretiker diagnostiziert uns darin einen «Gegenwartsschock», eine Unfähigkeit, den Augenblick zu erleben, weil wir mit Hilfe unserer technischen Hilfsmittel viel zu viel in diesen hineinpacken. Und weil die Werbung kein Interesse daran hat, dass wir das Jetzt, das «Now» je erreichen.

Steht auch die Gegenwartskunst unter Gegenwartsschock? Zwar ist schon im Begriff «Gegenwartskunst» das Präsens permanent eingeschrieben. Dennoch scheint auch für Künstlerinnen und Künstler «nie jetzt» zu sein, wie es der Titel der neuen Ausstellung im Helmhaus Zürich suggeriert. Kaum ist ein Werk vollendet – oder ist es das nie? –, muss ein neueres, weiter entwickeltes angegangen werden. Kaum denkt man, die Malerei sei endgültig tot, hängt sie, als Zombie, wieder vor einem an der Wand. Und reiht man sich – scheinbar rückwärtsgewandt – in eine künstlerische Tradition ein, kann es sein, dass man plötzlich als Visionärin oder Visionär dasteht. So schnell werden Traditionen – und das wird auch in Zukunft so sein – rezykliert. Auch die Kunst, wie alles in unserer Zeit, steht prototypisch und permanent unter Innovationsdruck.

Blick ins Atelier / Wohnung des Künstlers Franz Imboden, Zürich-Höngg
Blick ins Atelier / Wohnung des Künstlers Franz Imboden, Zürich-Höngg. Foto: Thomas Burla

Blick ins Atelier der Künstlerin Jessica Pooch, Zürich-Seebach. Foto: Thomas Burla
Blick ins Atelier / Wohnung der Künstlerin Jessica Pooch, Zürich-Seebach. Foto: Thomas Burla

Blick ins Atelier der Künstlerin Barbara Roth, Zürich-Seefeld. Foto: Thomas Burla
Blick ins Atelier der Künstlerin Barbara Roth, Zürich-Seefeld. Foto: Thomas Burla

Hat sie, die Gegenwartskunst, auch Potenzial, uns vom Gegenwartsschock zu heilen? «Nie jetzt» bringt jedenfalls zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus Zürich zusammen, die mit Geduld – sicherlich keine Stärke von uns Gegenwartsgeschockten – langfristig und fokussiert an ihren Projekten arbeiten: Monika Stalder, eine Künstlerin, die in einem Atelier der Zürcher Stiftung Binz39 aktiv ist, hat die Rautenform für sich entdeckt – und füllt nun in Aquarelltechnik grossformatige Papierbahnen mit Rautenteppichen. Diese scheinbar eintönige Arbeit ergibt nicht nur vieltönig flimmernde Wandarbeiten, sondern spielt der Künstlerin auch fast schon meditative Zeit frei. Zum Beispiel für das Nachdenken über mögliche filmische Projekte: ein zweiter, wichtiger Strang in ihrem Werk.

Franz Imboden, vielgereister Künstler einer älteren Generation, der Leben und Arbeiten in einem Wohnquartier im äussersten Zürich-Höngg verbindet, hat schon gegen hundert Kaleidoskop-Zeichnungen geschaffen, Kohlezeichnungen auf grossformatigen, braunen Papieren. Wie man im Helmhaus raumfüllend anhand von rund zwanzig Zeichnungen sehen kann, wären diese ebenso gute Hilfsmittel für Meditation wie das «Recycling Yantra» von Raphael Perret. Der Medienkünstler legt aus wohl aus Europa stammendem, aber in Indien gekauftem Elektroschrott ein grossformatiges Yantra auf den weissen Boden des Helmhaus. Ein Meditationstool im wörtlichen Sinn, das uns traditionellerweise helfen soll, unsere Begierden in den Griff zu bekommen. Und uns in diesem Fall auch aufzeigt, dass die Lust auf das stets Neue, auf das neueste Gadget, nicht spurlos an der Welt vorbeigeht.

Das sind nur drei von insgesamt einem Dutzend Zürcher Kunstschaffenden von «Nie jetzt», und das wiederum ist nur ein winziger Teil einer Zürcher Kunstszene, die nie aufhört und die jetzt wieder gewürdigt wird. Kunst – Zürcher Kunst – ist immer ein Ereignis. Sie ereignet sich zwischen Nie und Jetzt. Und jetzt im Helmhaus Zürich.

Konzerte, Buchvernissage, Talks, Workshops

Blick ins Atelier des Künstlers Thomas Schweizer, AZB, Gaswerkareal, Schlieren. Foto: Thomas Burla
Blick ins Atelier des Künstlers Thomas Schweizer, AZB, Gaswerkareal, Schlieren. Foto: Thomas Burla

  Die Ausstellung wird begleitet von zahlreichen Veranstaltungen: Im Dezember stellt Raphael Perret das im Zürcher Amsel Verlag erscheinende Buch zu seiner Installation «Recycling Yantra» vor, mit Workshops und Talks. Im Januar kommen vier weibliche Kunstschaffende und Teilnehmende von «Nie jetzt» zu Wort, anlässlich eines Künstler-gesprächs mit den Kuratoren der Ausstellung, Simon Maurer und Daniel Morgenthaler.

Der Ausstellungstitel sorgt auch in den 5-Uhr-Thesen für Gesprächsstoff: Die Kunstkritikerin Edith Krebs und Daniel Morgenthaler fragen sich, ob lokal – wie in «lokales Kunstschaffen» – eigentlich heute überall ist. Die Zukunftsforscherin Karin Frick wiederum denkt darüber nach, ob Gegenwart allenfalls überbewertet sei.

Eine Verlängerung des Jetzt, des Augenblicks darf man sich vom nachdenklichen Konzert der Zürcher Musikerin Iokoi in der Ausstellung, ganz kurz vor Weihnachten, erwarten.

Anna & Stoffner hingegen werden im Januar ihre Vermählung von Rap und Jazz feiern.

Führungen und Workshops für Kinder und Erwachsene runden wie immer das intensive Veranstaltungsprogramm ab.